Herr Petritsch, als EU-Sonderbeauftragter für das Kosovo gehörten Sie 1998 und 1999 zu den Wenigen, die den kosovarischen Freischärlerführer Hashim Thaçi persönlich erlebten. Hat Sie das Urteil überrascht?
Die zentrale Frage während des gesamten Verfahrens lautete: Gab es in der „Befreiungsarmee Kosovo“, der UÇK, eine funktionierende Befehlskette oder nicht? Die Anklage behauptete, es habe sie gegeben, weshalb Thaçi als politischer Anführer der UÇK für die ihr angelasteten Verbrechen letztlich verantwortlich sei. Die Verteidigung argumentiere, die UÇK sei eine zusammengewürfelte Bauerntruppe gewesen, deren Machtverhältnisse sich von Tal zu Tal und Region zu Region unterschieden. Thaçi sei zwar das internationale Gesicht der UÇK gewesen, habe in den einzelnen Kampfgebieten aber nichts zu sagen gehabt. Die Darstellung der Verteidigung hat die Richter offenbar nicht überzeugt. Wir werden sehen, ob das in einem Berufungsverfahren Bestand hat.
Vor dem Krieg der NATO gegen Serbien und während des Krieges haben Sie oft mit Thaçi verhandelt. Was war Ihr Eindruck?
Er war sehr jung, noch nicht einmal 30 Jahre alt. Im Vergleich zu dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević, einem mit allen Wassern gewaschenen Politiker, war das natürlich ein großer Unterschied. Aber uns westlichen Vermittlern wurde dann rasch klar, warum gerade er die kosovarische Verhandlungsdelegation führte.
Thaçi brachte trotz seines jungen Alters die politische Intelligenz mit, die es in der damaligen Lage brauchte. Für mich hatte es übrigens einen weiteren Vorteil, dass gerade Thaçi der wichtige Mann auf kosovarischer Seite war. Er sprach praktisch kein Englisch, dafür aber recht passabel Deutsch, da er für kurze Zeit in der Schweiz studiert hatte. Das verschaffte mir als EU-Unterhändler einen direkten Zugang zu ihm, den meine amerikanischen und russischen Kollegen nicht hatten.

Die Anklage des Kosovo-Sondertribunals wirft Thaçi Kriegsverbrechen vor. Er soll dafür verantwortlich sein, dass in Gefangenenlagern Serben, aber auch Kosovo-Albaner, gefoltert und in einigen Fällen getötet wurden. Gab es 1999 Hinweise auf solche Verbrechen?
Damals habe ich nichts davon gehört. Man darf den damaligen Kontext nicht vergessen: Serbische Sicherheitstruppen begingen im Kosovo schreckliche Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Die UÇK war als Reaktion darauf entstanden. Sie beging Anschläge auf serbische Polizisten, Soldaten und andere Vertreter Belgrads. Die USA und die EU standen sogar kurz davor, die UÇK zu einer Terrororganisation zu erklären. Das hätte jegliche Verhandlungen extrem erschwert. Deshalb war es sehr wichtig, Thaçi und die UÇK so schnell wie möglich in politische Gespräche zu bringen, um nicht in einer unauflöslichen Spirale der Gewalt wie im Nahen Osten zu versinken.
Wie haben Sie das versucht?
Ich erklärte den europäischen Außenministern, dass es nicht im Interesse der EU sein könne, die UÇK zur Terrororganisation zu erklären, wenn wir Gespräche über ein Ende des Blutvergießens führen wollen. Dieses Argument überzeugte. Die Amerikaner kamen zu ähnlichen Schlüssen. Bei den Verhandlungen im französischen Rambouillet, mit denen in letzter Minute ein Krieg abgewendet werden sollte, saßen der deutsche Außenminister Joschka Fischer und ich dann in meinem Zimmer und redeten auf Thaçi ein, dass er die westlichen Vermittlungsvorschläge unbedingt unterschreiben sollte, weil wir ihm nur dann helfen könnten. Im Kern ging es darum, dass der serbische Staat, also die jugoslawische Armee und die Spezialeinheiten der Polizei, sämtliches Personal aus dem Kosovo abzieht, wenn die UÇK ihrer Auflösung und Entwaffnung zustimmt.
Ich hatte den Eindruck, er war starr vor Angst. Er war wie immer sehr konzentriert und antwortete nur in kurzen, knappen Sätzen. Aber er fürchtete, dass eine falsche Entscheidung ihm im Kosovo buchstäblich das Leben kosten könnte. Man würde ihn eliminieren. Er musste sich ständig im Kosovo rückversichern, wie weit er gehen durfte in den Gesprächen. Er selbst wusste, dass er nach einer Auflösung der UÇK in die Politik würde gehen können. Aber wie standen diverse lokale Kämpfer dazu, die eine solche Möglichkeit nicht sahen?
Im Thaçi-Prozess ging es um die Frage, ob es in der UÇK eine funktionierende Befehlskette gab – also darum, ob Thaçi an der Spitze auch die regionalen Kommandeure kontrollierte. Was war Ihr Eindruck damals?
Die UÇK gab sich große Mühe, uns gegenüber als straff organisierte militärische oder paramilitärische Truppe mit einer strikten Hierarchie aufzutreten. Aber der Eindruck, den sie erwecken wollte, entsprach nicht unbedingt der Wirklichkeit. Auch die serbische Seite glaubte das übrigens nicht.
Sie haben allerdings einmal über einen Gefangenenaustausch verhandelt, bei dem Thaçi das letzte Wort hatte.
Das war im Winter 1998/1999. Die UÇK hatte einige Dutzend serbische Soldaten gefangen genommen. Die serbische Seite wollte einen Gefangenenaustausch, verlangte aber, dass es auf keinen Fall wie ein Gefangenenaustausch aussehen dürfe. Belgrads Bedingung lautete: Zunächst müssen die serbischen Soldaten freigelassen werden. Erst etwa zwei Wochen später, in einer scheinbar nicht damit zusammenhängenden Entwicklung, werde die gleiche Anzahl UÇK-Kämpfer freikommen. So kam es dann auch.
Welche Rolle spielte Thaçi dabei?
Wir hatten die Abfolge der einzelnen Schritte mit lokalen UÇK-Kommandeuren ausverhandelt, doch dann sagten sie, nun müsse noch Thaçi zustimmen, sonst sei die Abmachung nicht gültig. Er wurde telefonisch erreicht und stimmte zu.
Also ging nichts ohne Thaçi?
Das kann man so nicht sagen. Die erwähnten Gespräche fanden im Drenica-Tal statt, der Hochburg Thaçis. Schon wenige Dörfer weiter hätte er bei ähnlichen Gesprächen womöglich keine Rolle gespielt. Die UÇK war eine heterogene Organisation. Den regionalen UÇK-Führer Ramush Haradinaj, der nach dem Krieg Ministerpräsident des Kosovos wurde, kannte ich zum Beispiel nicht. Ich habe damals nie von ihm gehört.
Das Verfahren dürfte nun in Berufung gehen. Was erwarten Sie davon?
Wir wissen aus anderen Kriegsverbrecherprozessen zum ehemaligen Jugoslawien, dass erstinstanzliche Urteile in einem Berufungsverfahren gleichsam auf den Kopf gestellt werden können – siehe den Fall des kroatischen Generals Ante Gotovina. Der wurde vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in erster Instanz zu 24 Jahren Haft verurteilt. Im Berufungsverfahren wurde er dann in allen Punkten freigesprochen. Das heißt nicht, dass sich eine solche Umkehr im Fall Thaçi wiederholen muss. Aber das heutige Urteil war nicht unbedingt das letzte Wort.
