
Sechs Jahre nach dem Brexit haben sich die deutschen Handelsbeziehungen zu Großbritannien aus Sicht von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stabilisiert. Das Vereinigte Königreich sei wieder unter den Top Ten der Handelspartner, sagte die CDU-Politikerin bei einer deutsch-britischen Wirtschaftskonferenz in Berlin.
Das Handelsvolumen beider Länder habe 2025 rund 118 Milliarden Euro betragen, sagte Reiche. Deutschland habe für rund 33 Milliarden Euro aus Großbritannien importiert und für 80 Milliarden Euro dorthin exportiert. Hunderte von Unternehmen seien auf der jeweils anderen Seite aktiv. Sie schafften Wohlstand.
„Das zeigt, dass die Beziehungen unserer Wirtschaft widerstandsfähig sind, sie sind real“, sagte Reiche. „Und ich bin überzeugt, sie können noch enger verwoben werden.“ Die vielen Krisen der vergangenen Jahre hätten die Illusion erschüttert, dass die globalen Märkte „auf Autopilot“ laufen könnten. Es gebe eine neue Realität, die weitgehende Sperrung der für Energielieferungen wichtigen Straße von Hormus sei ein weiteres Beispiel dafür. Deutschland und Großbritannien verfolgten in vielen Bereichen gleiche Ziele – etwa im Handel oder bei der Entwicklung von Technologien wie einer europäischen Cloud. Die Zusammenarbeit werde sich auch auf kritische Rohstoffe und den Aufbau widerstandsfähiger Lieferketten erstrecken.
Seitenhieb auf Brüssel
Da die EU nach dem Austritt Großbritanniens im Februar 2020 kein Rahmen für die Zusammenarbeit mehr sei, müsse man einen neuen finden, sagte Reiche. Sie forderte die britische Regierung auf, konstruktiv mit der EU-Kommission zusammenzuarbeiten. „Aber ich sage auch ganz deutlich: „Made in Europe“ oder „Buy local“ oder „produced locally“ ist nicht die richtige Antwort. Vielmehr sei ein breiterer Ansatz nötig, sagte die Wirtschaftsministerin.
Sie nahm Bezug auf den Industrial Accelerator Act, den die EU-Kommission im Frühjahr als Entwurf vorgestellt hatte. Ziel ist, die Industrie in der EU zu stärken. Dafür sollen Güter „Made in Europe“ bei öffentlicher Vergabe bevorzugt werden.
„Chance unseres Lebens“
Der britische Wirtschaftsminister Peter Kyle hatte zuvor eine Vereinbarung mit Deutschland über die Beschaffung seltener Erden angekündigt. Bei der deutsch-britischen Konferenz sagte er, jetzt sei die „Chance unseres Lebens“, die Beziehungen wieder aufzubauen. „Ich begreife es als meine persönliche Aufgabe, unsere Märkte enger zusammenzubringen.“ Deutschland sei für Großbritannien nach den USA der wichtigste Wirtschaftspartner, sagte Kyle.
Der deutsch-britische Wirtschaftsgipfel baut auf dem im Juli 2025 unterschriebenen Kensington-Vertrag beider Staaten auf, mit dem schrittweise eine vertiefte Zusammenarbeit in Verteidigung, Sicherheit, Wirtschaft, Gesundheit und Kultur vereinbart wurde.
Im Juni 2016 hatten sich die Briten überraschend für den EU-Austritt
ausgesprochen. Nach jahrelangen Scheidungsverhandlungen verließ das Vereinigte Königreich die EU formell am 31. Januar 2020 und den europäischen Binnenmarkt Ende 2020.
