„Ich habe kein anderes Land, selbst wenn mein Land brennt“, so könnte man die ersten und titelgebenden Zeilen des 1982 von Ehud Manor verfassten Liedes „Ein li Eretz acheret“ übersetzen. Manor schrieb es als Reaktion auf den Tod seines jüngeren Bruders. Dieser war im Sechstagekrieg gefallen. Nicht nur in den 1980er-Jahren trug das Lied eine Protestwelle – damals gegen den ersten Libanonkrieg. Auch in den vergangenen Jahren wurde es zur Hymne der israelischen außerparlamentarischen Opposition. Ihre Botschaft ist klar: Der jüdische und demokratische Staat ist bedroht, nicht nur von außen, sondern auch im Inneren, von Rechtsextremen, Siedlern, Ultraorthodoxen und einem Ministerpräsidenten, der das Land wie kein anderer geprägt hat. Doch man ist bereit, darum zu kämpfen. Progressive Kräfte wollen ihr Land nicht den Reaktionären überlassen. So eignen sie sich auch die Nationalsymbole selbstbewusst an: Die blau-weißen Flaggen mit dem Davidstern beherrschen die Proteste.
Der Zionismus war nie eine einheitliche Bewegung
Das ist möglich, weil der Zionismus nie eine einheitliche Bewegung war. Doch wenn in Deutschland über Zionismus oder den jüdischen Staat diskutiert wird, dann begegnen einem allzu oft oberflächliche Erklärungen oder gar Projektionen. Weder diejenigen, die ihn leidenschaftlich verteidigen, noch diejenigen, die ihn so obsessiv dämonisieren, scheinen sich tiefgründig damit auseinanderzusetzen. Für die einen handelt es sich um das jüdische Selbstbestimmungsrecht. Für die anderen ist Zionismus Rassismus, wie es die UN-Resolution 3379 mit dem Titel „Beseitigung aller Formen der Rassendiskriminierung“ 1975 definierte.
Einst haben angesehene jüdische Persönlichkeiten in deutschsprachigen Veröffentlichungen um die Zukunft des politischen Zionismus gerungen. Der Begriff „Zionismus“ ist zwar auch heute inflationär, doch ist von diesem tiefgründigen Nachdenken kaum etwas übrig geblieben. Das war vor und kurz nach der Jahrtausendwende anders: Intellektuelle wie der verstorbene Micha Brumlik diskutierten den „Postzionismus“. Antideutsche und antiimperialistische Linke lieferten sich rhetorische und zuweilen handgreifliche Auseinandersetzungen, die allerdings kaum über Szenezeitungen und -blogs hinaus Aufmerksamkeit erregten.
Die Israel-Boykottbewegung hat die Bühne der Kultur erobert
Seit Mitte der 2010er haben die Debatten an Schärfe gewonnen. Die Israel-Boykottbewegung hatte zunehmend Erfolg und eroberte neben dem Redepult der Politik vor allem die Bühne der Kultur. Zionismus ist spätestens seit dem „Schwarzen Schabbat“ für manche zum Reizwort geworden. Die rechtsextreme Chiffre „zio“ hat eine erstaunliche Erfolgsgeschichte hingelegt: vom US-amerikanischen Ku-Klux-Klan bis hin in die Alltagssprache junger Linker in sozialen Medien. Globale Vernetzung und starke Prägung durch digitale Diskurse haben antisemitische Chiffren auch hierzulande zum popkulturellen Jargon gemacht. Innerlinke Auseinandersetzungen, wie Ende Januar in Leipzig-Connewitz, erreichen Titelseiten bundesweiter Medien.
Es geht nicht darum, den Dämonisierungen etwas entgegenzuhalten. Sondern darum, sich von ihnen zu lösen. In deutschsprachigen Medien, sowohl den klassischen als auch sozialen, scheinen diese beiden – hier vereinfacht beschriebenen – Positionen geradezu symbiotisch aufzutreten. Sie folgen einer wohltarierten Dynamik von Provokation und Reaktion, Gewalt und Gegengewalt. Es ist notwendig, die Projektionen von Antisemiten und Philosemiten zu demaskieren. Doch das ist nicht die Debatte, die notwendig ist. Es geht darum, sich von diesem Diskurs zu emanzipieren. Das ist nötig, weil das „Land brennt“. Zionistisch zu sein, bedeutet nicht, die israelische Regierung zu unterstützen. Doch damit ist noch keine Antwort darauf gegeben, was zionistisch sein heißt.
„Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen“
„Ich gelangte zu einer Erkenntnis, die ich damals immer wieder in einem Satz ausgedrückt habe, darauf besinne ich mich: ,Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen.‘“ Als Hannah Arendt das 1964 zu Günter Gaus sagte, hatte sich ihr Verhältnis zum Zionismus längst verändert. Schon 1946 hatte Gershom Scholem seiner einstigen Wegbegleiterin, die sich wenige Jahre zuvor noch selbst als Zionistin bezeichnet hatte, vorgeworfen, sie würde geradezu zynisch „erhabene […] und progressive […] Argumente gegen eine Sache“ vorbringen, „die für das jüdische Volk lebenswichtig ist“.
Mit anderen jüdischen Intellektuellen machte Arendt im Dezember 1948 gegen den New-York-Besuch von Menachem Begin mobil. Begin war nicht nur Anführer des revisionistischen Flügels im Zionismus – und damit ideologischer Vorgänger Netanyahus –, sondern auch ehemaliger Kommandeur des paramilitärischen Irgun, dessen Kämpfer im April 1948 im Dorf Yassin ein Massaker angerichtet hatten. In einem offenen Brief bezeichneten sie Begins Cherut-Partei als „faschistisch“ und warfen ihr vor, keinen konstruktiven Beitrag im Mandatsgebiet Palästina erbracht zu haben.
Zunehmend taten sich Differenzen zwischen der politischen Theoretikerin und ihren ehemaligen zionistischen Weggefährten auf – die spätestens im Zuge des Eichmann-Prozesses zu unüberbrückbaren Gräben werden sollten. Scholem warf Arendt vor, dass es ihr an „Liebe zu den Juden“ mangele, woraufhin Arendt antwortete: „Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig.“ Doch etwas später, Ende der 1960er, klang Arendt in einem Brief an ihre Schriftsteller-Freundin Mary McCarthy wieder ganz anders: Sie sah in Israel einen Rückzugsort vor dem weiterhin virulenten Antisemitismus, betonte ihre Verbundenheit mit dem Land und dachte über die „Überlebensleidenschaft“ des jüdischen Volkes nach.
Arendt war sich sehr wohl der Bedrohung bewusst, die vom Antisemitismus auch nach der Schoa ausgeht. Daher erkannte sie die Notwendigkeit, dass Juden „als Juden“ ihren Schutz selbst organisieren. In einer Welt der Nationalstaaten ist eine nationale Antwort nicht nur pragmatisch, sondern angesichts der akuten Bedrohung und des tatsächlich umgesetzten Versuchs einer vollständigen Vernichtung auch unumgänglich. Davon waren die Begründer des politischen Zionismus überzeugt. Das „vorrangige Ziel“ dieser Bewegung war es, so formulierte es der Schriftsteller und Aktivist Nathan Birnbaum 1890, „einen eigenständigen jüdischen Staat im damaligen Palästina zu errichten“. Dieses Ziel wurde erreicht. Und der Historiker Julius H. Schoeps warnte, dass jeder Nationalismus dazu neige, „wenn die Unabhängigkeit gewonnen ist, seinen revolutionären Aspekt fast völlig abzulegen und sich zu einer rückwärtsgewandten Ideologie zu verändern“. Es wäre fatal, anzunehmen, dass ebenjene historischen Bedingungen der jüdischen Nationalbewegungen denjenigen anderer nationaler Erhebungen jener Zeit, wie etwa der italienischen, glichen. Vielmehr ist die überdauernde historische Bedingung der Antisemitismus.

In einer Welt, in der weiterhin Massaker an Juden verübt werden, ist ein jüdischer Staat unverzichtbar. Doch es gilt zu verhindern, dass der „revolutionäre Aspekt“, dass das emanzipatorische Potential verloren geht. Und hier gehen die Meinungen in den zionistischen Bewegungen weit auseinander. Es gibt diejenigen, die von der jüdischen Stärke überzeugt sind, von biblischer Vorherrschaft träumen und dafür alles in Kauf nehmen. Dass sie damit auch gegen die Interessen der Diaspora handeln, zeigte der israelische Ministerpräsident ebenfalls Ende Januar: Da traf er sich mit einer Delegation der „Patrioten für Europa“, also jener rechtsextremen Fraktion im Europäischen Parlament, die von Jordan Bardella vom Rassemblement National angeführt wird. Darunter auch ein Mitglied der rechtsextremen FPÖ, Harald Vilimsky. Anders als in der Vergangenheit hatte sich die israelische Regierung damit zum ersten Mal mit einem Mitglied jener Partei getroffen, die von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien boykottiert wird. Doch die zionistische Bewegung besteht eben nicht nur aus Netanyahu, seinen Koalitionspartnern und Gleichgesinnten. Es gibt auch diejenigen, die Marx’ kategorischen Imperativ hochhalten, nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.
Einen jüdischen Staat bejahen, ohne die gesellschaftlichen und moralischen Fragen dieser Bejahung auszublenden
Ein solcher Zionismus bedeutet heute, die Notwendigkeit des jüdischen Staates zu bejahen, ohne die gesellschaftlichen und moralischen Folgen dieser Bejahung auszublenden. Progressiven Zionisten sollte es darum gehen, die Frage zu stellen, welche Verantwortung aus der Existenz des jüdischen Staates erwächst. Das bedeutet auch, den Verfehlungen der zionistischen Bewegung ins Auge zu sehen. So kann sich insbesondere auf die Arbeit der neuen Historiker, wie Benny Morris, bezogen werden, wenn es zum Beispiel darum geht, sich mit Kriegsverbrechen aus der Zeit des Aufbaus und Unabhängigkeitskrieges zu beschäftigen. Verantwortung zu übernehmen heißt hier, sich kritisch mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen – ohne in paternalistische Haltungen gegenüber Palästinensern und Israelis zu verfallen, sondern nach Wegen zu suchen, wie jüdische Sicherheit und palästinensische Selbstbestimmung zusammengebracht werden können. Sich solidarisch an die Seite von progressiven und emanzipatorischen Kräften zu stellen, die sich gegen eine in Teilen extrem rechte Regierung, die die Zivilgesellschaft unter Druck setzt und humanitäre Prinzipien verletzt, behaupten.
Die Wirklichkeit des jüdischen Staates, ein „Land [das] brennt“, muss dazu anregen, progressiven Zionismus neu zu denken. Eine tiefgründige Beschäftigung mit progressiv zionistischen Lesarten kann die Selbstbehauptung in der Diaspora stärken. Dazu muss aber die Bereitschaft bestehen, sich der Widersprüche des Zionismus gewahr zu werden: eine von Nationalismus und Kolonialismus beeinflusste Bewegung, die einen antikolonialen Kampf führte. Es kann dabei helfen, sich Räume zurückzuerobern. Es kann dabei helfen, wieder Handlungsmacht zu gewinnen. Handlungsmacht gegen die Einsamkeit, die viele (gerade linke) Juden gerade erfahren. Es geht um nichts weniger als darum, die Definitionsmacht zurückzugewinnen.
Der Autor ist Politik- und Religionswissenschaftler und politischer Schriftsteller. Er beleuchtet Antisemitismus, Erinnerungskultur, Intersektionalität und Queerness.
