Vor dem Horizont der bis dato größten Energiekrise breiten sich in den deutschen sozialen Medien idyllische Postkartenmotive aus: saftig grüne Wälder, Blumen- und Getreidefelder, darin muskulöse Männer vor Fachwerkhäusern, begleitet von Frau und Kindern. Noch präsenter als die Männer in engen Oberteilen sind nur die Deutschlandflaggen und Maschinen zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Zwischen Windrädern, Solarpaneelen und Wärmepumpen flattert die schwarz-rot-goldene Trikolore, eingerahmt von Sprüchen wie „Deutscher Strom aus deutscher Sonne“, „Sei kein Schuft, heiz mit Wärme aus deutscher Luft“, „Für meinen Sohn nur deutschen Strom“ oder „Nur echte Patrioten kaufen kein Öl bei Despoten“.
Derartige Memes haben sich seit Ende März unter dem Sammelbegriff „Heimatstrom“ tausendfach in den sozialen Medien verbreitet. Sie propagieren den Ausbau erneuerbarer Energien – und setzen dazu auf faschistische Ästhetik. Dass die ausschließlich KI-generierten Inhalte mit ihrer Frakturschrift, den Parolen und der arisch anmutenden Idee von Familie dem Erscheinungsbild nationalsozialistischer Plakate ähneln, ist keine Makulatur, sondern gewollt. Während sich an dem oft unpassenden Versmaß niemand stört („Lass das Verbrennen sein! Halte deutsche Luft und deutschen Boden rein!“), ist die problematische Ästhetik im linksgrünen Spektrum durchaus umstritten.
160.000 selbst ernannte Freiheitskämpfer
Getragen wird der Trend neben kleinen Kanälen auch von Szenegrößen wie dem Influencer „Der Dara“. Dara Sasmaz, wie er mit vollem Namen heißt, ist Mitglied und Social-Media-Berater der Linkspartei. Mit 170.000 Youtube-Abonnenten zählt er zu den reichweitenstärksten linken Stimmen im Netz. Auf seinem Kanal will er dem Populismus, wie ihn etwa die AfD schon seit Jahren betreibt, mit linkem Populismus Konkurrenz machen. Zusammen mit anderen Influencern gründete Sasmaz das Forum „Freiheitsfront“ (im Zweiten Weltkrieg eine kommunistische Widerstandsgruppe, im heutigen Südafrika eine nationalistische Partei) auf der Onlineplattform Reddit, wo sich inzwischen knapp 160.000 selbst ernannte Freiheitskämpfer tummeln – laut Sasmaz „die größte deutsche linke Reddit-Community“.

In Livestreams und Videos verbreitet er die „Heimatstrom“-Memes mitsamt Anleitung zur Erstellung, um „für Social Media möglichst viel Content zu erstellen, damit wir die Plattformen fluten können“. Sein Ziel ist es, mit den Memes „die Mitte der Gesellschaft zu erreichen, anstatt dass man dort den nächsten Marx-Lesekreis startet, der zu gar nichts führt“. Dabei, argumentiert er, sei er „ein Freund davon, auch mal zu provozieren und ein paar Grenzen zu übertreten“.
Dieser Logik zufolge lässt sich die gesellschaftliche Mitte von linksgrüner Seite also nur noch mittels nationalsozialistischer Ästhetik erreichen. Von der klassischen Vorstellung, dass eine revolutionäre linke Bewegung auch eine revolutionäre Theorie braucht, ist das meilenweit entfernt. Sasmaz gibt sich mit der Wiederholung und der regressiven Illustration einer liberalen Forderung wie nachhaltiger Energie zufrieden. Dass er zur Erstellung der Bilder auch noch Elon Musks energiefressenden und grundwassersaugenden Bildgenerator „Grok“ nutzt, stört ihn nicht. Das aber offenbart nicht nur eine Doppelmoral, sondern ein mangelndes Bewusstsein für die ideologische Ausrichtung solcher KI-generierter Bilder mit ihrem Hang zur Retro-Nostalgie und ihrer emotionalisierenden Absicht. Der Bildwissenschaftler Roland Meyer zum Beispiel ist eher skeptisch, ob sich generative KI für emanzipatorische Zwecke aneignen lässt: Die Technik sei „kein politisch neutrales Werkzeug“, sondern „in ihrer derzeit von diesen großen Firmen vorangetriebenen kommerziellen Form eingebunden in ein politisches Projekt des rücksichtslosen Extraktivismus und der schrankenlosen Expansion“, sagte er auf der letztjährigen re:publica.
Kann die Linke Memes?
Ob Memes, vor allem solche, die auf die Ästhetik des „AI slop“ setzen, per se antidemokratisch oder gar „rechts“ sind, ist eine durchaus komplexe Frage, die innerhalb der Linken schon seit Langem diskutiert wird. Der Satz „The Left can’t Meme“ ist gewissermaßen selbst schon ein Meme geworden, wie es der Kulturtheoretiker Wolfgang Ulrich vor Kurzem festgestellt hat. Und wie auch immer man zu der Frage steht: Wer versucht, die Taktiken der Rechten zu imitieren und dabei Grenzverschiebungen und Provokationen in Kauf nimmt, sollte sie sich wenigstens stellen.
Im Fall der „Heimatstrom“-Memes aber ist nicht einmal klar, wer der Adressat der Bilder sein soll: Sollen sie dem rechten Rand die grüne Energie schmackhaft machen? Nach dem Motto: Wenn man AfD-Wähler schon nicht von Minderheitenschutz, Demokratie, Sozialpolitik und Arbeitnehmerrechten überzeugen kann, dann vielleicht von patriotisch gewonnener Energie unter nationalistischem Deckmantel. Wollen sie sich einfach über die logischen Widersprüche rechter Energiepolitik lustig machen, die lieber „Öl vom Scheich“ als „Strom vom Deich“ bezieht? Oder setzten sie darauf, tatsächlich für eine Kampagne einer ökofaschistischen Partei gehalten zu werden, die um eine grün-nationalistische Klientel wirbt? Aber würden die Heimatstürmer dann auch wirklich in Kauf nehmen, dass sich Windräder in Swastika-Form drehen, solange ihre Energie sauber bleibt?
Der neue Nationalismus der Grünen
Mit der nationalistischen Rhetorik kapituliert die „Heimatstrom“-Community vor dem Diskurs der Rechten. Das wiederum ist allerdings kein Internetphänomen: Auch bei den Grünen hält man inzwischen gerne schwarz-rot-goldene Farben hoch: In einer Brandrede auf der Bundesdelegiertenkonferenz letzten November argumentierte Bundesvorsitzende Franziska Brantner lautstark für Aufrüstung und deutschen wie europäischen Patriotismus. Gegen ein grünes Vaterland haben Brantner und ihre Partei wenig, gegen den Vorsprung Chinas bei erneuerbaren Energien schon mehr. Für den kommenden Ressourcenkampf zieht Brantner strikte Fronten, bei denen es „nicht um Mainz gegen Frankfurt, sondern um Europa gegen China“ geht. Der jetzige Zuspruch zahlreicher grüner Influencer für die „Heimatstrom“-Memes zeigt, wie sehr sie mit dem Bild eines nachhaltigen Nationalismus resonieren.
Aber nicht alle im linken Spektrum sind mit dem Hybrid aus grünem Nationalismus und politischem Pragmatismus einverstanden. Der Wiener Influencer Fabian Lehr argumentiert mit strikter marxistischer Auslegung gegen den Trend und hält ihn, mit einem Begriff des Philosophen Wolfgang Haug, für „hilflosen Antifaschismus“. Er sieht im grünen NS-Look das Ergebnis eines zunehmenden Nationalismus, der letztendlich nur der AfD in die Hände spielt: „Wir brauchen keine Linke, die Anhängsel von Grünen und SPD in einer diffusen, politisch inhaltsleeren Front gegen rechts und für die Verteidigung der alten Ordnung der BRD ist. Eine solche Strategie ist eine des politischen Suizids der Linken. Die Grünen gibt’s ja schon, wozu braucht es dann uns noch?“
Ob diese Memes nun ironisch oder mit vollem Ernst erstellt und geteilt werden, ist zweitrangig, denn bei ihnen siegt nicht die unverfängliche Energiebotschaft, sondern der faschistische Charakter. Während sich deutsche Linksliberale, Grüne und verbleibende Sozialdemokraten angesichts der seit Jahren stetig steigenden blauen Balken fragen, was zu tun ist, entscheidet sich „Der Dara“ mitsamt seinen Anhängern, sich dem rechten Duktus anzubiedern. Doch inmitten der identitätsstiftenden innerlinken Debatten um Zionismus, neue Männlichkeit und moralische Standards braucht es sicher keine aufkeimende Liebe zur Frakturschrift und einer von Faschisten wie Leni Riefenstahl und Ludwig Hohlbein geprägten Bildsprache. Daras „Freiheitsfront“ und der Trend KI-generierter grüner Germanophilie sehen das offensichtlich anders. Vielleicht sollten sie doch mal wieder einen Marx-Lesekreis besuchen.
