„Das ist Jan. Im letzten Video hat er erfahren, wozu er die Kurvendiskussion braucht. In diesem Video erklären wir ihm, wie man bei einer Kurvendiskussion Nullstellen bestimmt.“ So beginnt eines der erfolgreichsten Mathelernvideos auf Youtube. Vor zwölf Jahren haben es Alexander Giesecke und Nicolai Schork hochgeladen. Seitdem hat es 2,8 Millionen Aufrufe gesammelt und den meisten unter dreißigjährigen Deutschen ist Simpleclub, der Name des Youtube-Kanals, ein Begriff.
Im Jahr 2015 gründeten die Schulfreunde Schork und Giesecke basierend auf diesem erfolgreichen Youtube-Kanal ein Unternehmen, begannen mit der Entwicklung einer App für Schüler und dem Aufbau einer Lernplattform. Inzwischen spielen Lernvideos für Schüler für das Unternehmen allerdings kaum noch eine Rolle. Das Geschäftsmodell von Simpleclub hat sich seit der Gründung stark gewandelt – auch weil sich der Fachkräftemangel verschärft hat und Künstliche Intelligenz (KI) neue Möglichkeiten bietet.
„Simpleclub ist heutzutage zu 99 Prozent im Geschäft mit Unternehmen aktiv“, sagt Alexander Giesecke im Gespräch mit der F.A.Z.: „Der Fachkräftemangel ist riesig, das Marktpotential ebenso.“ Gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Alexander Powell, heute Mitgründer des Geschäftskundenbereichs, richteten Giesecke und Schork das Unternehmen im Jahr 2021 daher neu aus. Aus einem Bildungstechnologieunternehmen wurde ein Unternehmen, das sich auf die Qualifizierung und Weiterbildung von Arbeitnehmern konzentriert.

Nach eigenen Angaben beschäftigt Simpleclub aktuell rund 100 Mitarbeiter und hat in den vergangenen dreieinhalb Jahren mehr als 750 Kunden gewonnen. Darunter sind Unternehmen wie Bosch und Fraport. Im Sommer 2022 investierten 10x Founders und HV Capital sowie Gründer bekannter deutscher Start-ups insgesamt sieben Millionen Euro in das Unternehmen. 2024 machte Simpleclub 5,6 Millionen Euro Umsatz. Vor Kurzem zeichneten die Veranstalter der französischen Technologiemesse Vivatech das Unternehmen als eines der „Top 100 Rising European Startups“ aus.
Neuer Fokus: von Schülern zu Fachkräften
Über die Plattform von Simpleclub können Mitarbeiter oder Auszubildende etwa ihre Mathekenntnisse mithilfe von Lernvideos und Übungen auffrischen, durch interaktive Animationen neue Maschinen oder Bauteile kennenlernen oder ihr Wissen mit IHK-Prüfungsfragen testen. „Wir decken inzwischen über 50 Berufe ab“, sagt Schork. Und selbst wenn ein Beruf nicht darunter sei, gäbe es meist große Überschneidungen. Ansonsten entwickelten sie auch regelmäßig neue Lehrgänge mit ihren Unternehmenspartnern – für medizinische Fachangestellte mit der Medizinischen Hochschule Hannover oder einen Lehrgang für Berufskraftfahrer mit Remondis.

Wo früher ein Ausbilder 15 Auszubildenden nacheinander die Drehmaschine hätte erklären müssen, könnten nun die Auszubildenden mit dem Tablet stehen. Ein digitaler Zwilling führe sie dann Schritt für Schritt durch die Anleitung. Mit Fragen könnten sie sich an den KI-Assistenten wenden. „Das spart Zeit und Personal“, sagt Schork.
Der Unterschied allgemeiner KI-Chatbots wie ChatGPT zu ihrem Assistenten sei die Wissensdatenbank. „Wir haben über die vergangenen zehn Jahre ein Wissenssystem aufgebaut, das kein KI-Modell der Welt kennt“, sagt Giesecke: „Und wir zwingen unsere KI-Modelle, nur dieses Wissen zu benutzen“, ergänzt Schork. Wenn ihr KI-Assistent etwas nicht verifizieren könne, dann antworte er auch nicht. So sollen gefährliche, falsche Anleitungen verhindert werden.
„Wir haben schon früh angefangen, unsere ganzen Inhalte so anzulegen, dass wir quasi per Knopfdruck aus dieser Datenbank interaktive Animationen, Textzusammenfassungen oder Grafiken erstellen können – auch, um irgendwann international operieren zu können“, sagt Giesecke. Natürlich hätten sie damals noch nicht gewusst, wie genau KI funktionieren würde, aber die Entscheidung vor sechs Jahren, die Daten so gut auslesbar zu sammeln, habe sich gelohnt. Jetzt müsste ihr KI-Team die Modelle nach jeder technischen Erneuerung nur noch anpassen.
Wie es für Simpleclub weitergeht
Mithilfe von KI können die geprüften Lernmodule und Weiterbildungsinhalte einfach übersetzt werden – ein Vorteil für die Qualifizierung ausländischer Fachkräfte in Deutschland und eine Chance für die Ausweitung ins Ausland. Zurzeit überlegten sie, nach Großbritannien oder in die Vereinigten Staaten zu expandieren. „Natürlich haben alle Ausbildungssysteme ihre Eigenheiten, aber die Überschneidungen sind groß“, sagt Giesecke. Ein Mechatroniker für Tesla in den USA und einer für Porsche in Deutschland bräuchten fast die gleichen Fähigkeiten. „Und die Systeme nähern sich immer mehr an“, sagt Giesecke. Das deutsche Berufsschulsystem funktioniere nicht mehr – auch wegen Lehrkräftemangels. Dadurch würde vermehrt innerbetrieblicher Unterricht angeboten. Deutsche Unternehmen funktionierten stellenweise schon so wie Unternehmen in den USA.
In den vergangenen Jahren schrieb Simpleclub rote Zahlen. Im Jahr 2020 haben die Gründer HV Capital, früher Holtzbrinck Ventures, als Investor ins Unternehmen geholt. „Dieses Geld mussten wir dann auch sinnbringend investieren“, sagt Giesecke. Das habe automatisch erst mal für rote Zahlen gesorgt. Für das Jahr 2026 hätten sie sich neben dem Wiedererreichen der Profitabilität vorgenommen, die ersten positiven Signale aus dem Ausland zu erhalten. „Wir wollen Simpleclub bei Unternehmen und Bildungsanbietern zum Standard machen und zum Betriebssystem für Ausbildung und Umschulung werden“, sagt Giesecke. Langfristig sähen sie Simpleclub als internationales Qualifizierungsunternehmen.
