„Und das dort drüben ist ein Ficus“, sagt der Stadtführer. „Wie bei euch zu Hause im Wohnzimmer.“ Das soll ein Scherz sein, er zeigt auf eine mächtige Baumkrone, wohl 25 Meter breit und mindestens halb so hoch. Das Gewächs ist kein ficus benjamini, wie man ihn im deutschen Gartenmarkt bekommt, sondern ein Verwandter. Er steht an dem perfekten Ort: Marokkos Hauptstadt Rabat ist feucht-mild, praktisch frostfrei. Hinter dem mächtigen Baum ragt der Hassan-Turm auf, ein unvollendetes Minarett aus dem 12. Jahrhundert. Vom Atlantik her weht ein lauer Wind.
Der höchste Wolkenkratzer Afrikas?
Bei einer kleinen Bustour durch die Residenzstadt – hier lebt und regiert seit 27 Jahren König Mohammed VI. – packt der Führer an jeder Ecke einen neuen Superlativ aus. Hier fahre der Al-Boraq, der schnellste Zug Afrikas, mit 320 Sachen in knapp über zwei Stunden von Tanger nach Casablanca! Und dort: Der Mohammed-VI-Tower, 250 Meter hoch, benannt nach dem König, sei der höchste Wolkenkratzer Afrikas! (Das stimmt übrigens nicht, der Iconic Tower in Kairo ist deutlich höher.) Hier finde auch das größte Festival Afrikas statt, das Mawazine, mit mehr als zwei Millionen Gästen. (Das stimmt wieder, es ist sogar das zweitgrößte der Welt.) Ach, und da drüben: Das größte Freibad Afrikas!
Die Grande Piscine mit ihren 17.000 Quadratmetern Wasserfläche, riesig und hochmodern, direkt am Meer. Der Eintritt kostet umgerechnet einen Euro. Und da, noch was: Das einzige Gebäude nach einem Zaha-Hadid-Entwurf in Afrika! Das Grand Theatre. Mit Saal und Amphitheater auch der größte Theaterkomplex des Kontinents. In dieser Stadt scheint fast alles rekordverdächtig.

Gerade ging Marokko auf ganz andere Art in allen Nachrichten, als im Juli Zehntausende über die spanische Exklave Ceuta in die EU fliehen wollten. Die Schriftstellerin Leïla Slimani schrieb in dieser Zeitung darüber: „Zwei Marokkos leben nebeneinander, ohne sich anzusehen, eines, das Autos exportiert und im Jahr 2030 Gastgeber der Fußball-WM wird, und ein anderes, das sich gedemütigt und übergangen fühlt.“
Rund ein Drittel der Unter-Dreißigjährigen ist arbeitslos. Und gleichzeitig erschafft das Land gerade einen bisher kaum gekannten Prunk. Investoren aus den Emiraten und Qatar bauen Hotels und Wohnanlagen. Und im Mohammed-Turm, der Norman Fosters Londoner Zigarre ähnelt, hat im Mai das Waldorf Astoria Rabat-Salé eröffnet. Übernachtung ab 700 Euro, und im 33. Stock, im Restaurant des Spitzenkochs Alain Ducasse, kostet die 2016er Flasche Château L’Evangile umgerechnet knapp 2000 Euro.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Aber in den 1990ern, erzählen Einheimische, lebten in derselben Gegend noch Menschen in Wellblechhütten. Es ist noch nicht lange her, dass Marokko zum Reiseland wurde.
Im Jahr 2025 empfing das Königreich gut 18 Millionen Besucher, allerdings fallen auch die vielen im Ausland lebenden Marokkaner in die Statistik. Realistisch sind wohl etwa 10 Millionen echte Touristen. (Zum Vergleich: Das viel kleinere Portugal empfängt im Jahr rund 20 Millionen Ausländer.) Trotzdem: Marokko wird seit Jahren beliebter – es liegt am Atlantik, hat das Atlas-Gebirge wie auch die Wüste, und das architektonische Erbe mindestens dreier Kulturen: der muslimischen Araber, der Christen und der Berber. Nur Rabat, die Landeshauptstadt, kommt in den Top Five der beliebten Städte nicht vor. Die Deutschen fahren pauschal nach Agadir oder schauen sich Marrakesch an. Die Surfer gehen nach Essaouira oder Taghazout, Geschäftsleute nach Casablanca.
Die Vorbereitungen für die WM 2030 laufen
Dabei sind große Teile Rabats, etwa die Medina, also die Altstadt aus dem 17. Jahrhundert, seit 2012 Welterbe. Gebaut zu einer Zeit, als Piraten beginnen, die Meere zu beherrschen. Robinson Crusoe gerät in Daniel Defoes Roman in Salé in Gefangenschaft. Heute ist das einst wilde Rabat eine brave Beamtenstadt. Ruhig, sicher, und die Straßenbahn ist moderner und kommt pünktlicher als die in Berlin. Die Doppelstadt Rabat-Salé wird durch den Fluss Bouregreg getrennt, sie wirkt an manchen Orten regelrecht ausgestorben. Oder wie eine Baustelle. Das Grand Théâtre de Rabat, entworfen von Zaha Hadid, wurde gerade fertiggestellt. Es entstehen Parkplätze, als Vorbereitung für die WM 2030. Blickt man beim Hassan-Turm auf die Rabat-Seite und das Tal, sieht man neu angelegte, noch dürftig bewachsene Parks.

Aber wenige Schritte weiter wirkt wieder alles historisch. Hier raste Tom Cruise in einem BMW M3 an der Mauer der Kasbah des Oudayas, der befestigten Zitadelle, die Treppenstufen hinunter. Die Szene ist im fünften Teil von „Mission Impossible“ zu sehen (spielt dort aber angeblich in Casablanca). Das Mausoleum für König Mohammed V., der sich der französischen Kolonialmacht widersetzte und dem Land 1956 die Unabhängigkeit brachte, ist ein begehbares Kunstwerk.
Das Gebäude ist innen komplett in Zellij ausgeschmückt, der marokanischen Mosaik-Technik. Jedes Plättchen ist individuell, von Hand geschlagen, ohne Schablone. Bunte Rosetten, die sich zu einem unendlichen Netz fortsetzen. Wer zu lange draufschaut, kann auch ganz nüchtern erahnen, wie ein LSD-Rausch sich anfühlt. In den vier Ecken stehen Wachen der königlichen Garde und sorgen für Stille. Das Mausoleum, in dem man auf die weißen Särge Mohammeds V. und seiner beiden Söhne hinabschaut, ist einer der wenigen Orte, an denen Nichtmuslime solche Sakralarchitektur von innen sehen dürfen. Kostenlos und einzigartig: Das Haus wirkt wie aus dem 14. Jahrhundert, ist aber von 1971.

Draußen in der Stadt ist man manchmal weniger zimperlich mit dem kulturellen Erbe. Ganze alte Wohnviertel werden derzeit abgerissen, etwa die niedrigen Steinhäuser des Quartier de l’Océan, außerhalb der Stadtmauern, aber direkt am Atlantik. So blickt man heute im Vorbeifahren in halb abgerissene Wohnräume hinter Bauzäunen und dann immer wieder auf eine Hotelfassade, wo das neue Nobelviertel am Meer schon entsteht. Wer mag, sollte einen Einheimischen ansprechen: Es gibt insgeheim viel Wut über die Stadtregierung. Aber man ist auch stolz auf sein Land. Bestellt man einen marokkanischen Tee, grinsen die Kellner breit und murmeln: „Natürlich, der beste.“ (Ein starker Grüntee mit Minze.) Jedes Gespräch biegt schnell ab zu hübschen Weisheiten. Es ist unmöglich, durch Marokko zu fahren, ohne mehrmals am Tag den Ausspruch zu hören: „Marokko ist ein Baum, dessen Wurzeln nach Afrika reichen und der durch seine Blätter in Europa atmet.“ König Hassan II. soll es gesagt haben, Mitte der 1980er, als das Land die Organisation für Afrikanische Einheit verließ und sich immer mehr Europa zuwandte.
Sehr europäisch fühlt der Ort sich aber nicht an, wenn man über den Marché Central geht, wo oft einen Meter lange Adlerfische auf Motorroller geworfen werden, zur Fahrt zum nächsten Restaurant. Oder wenn man die Flohmärkte entdeckt, mit Geschirr und Teekannen auf dem Boden, hin und wieder auch einer Schallplatte mit traditioneller Gnawa-Musik. Letztere ist teuer, denn die Händler wissen, dass sich immer mehr Touristen zu ihnen verirren. Doch das, was Rabat touristisch schwach macht, bleibt gleichzeitig sein Vorteil.

Es gibt keine verwinkelte Medina wie in Fès, kaum ein Instagram-Motiv, keine Reisegruppen in den engen Gassen. Dafür findet man sich immer zurecht, kann sich auf Französisch jederzeit durchfragen, bekommt einen Ort, der luftig und sauber wirkt. Rabat ist sozusagen kein konserviertes Mittelalter, sondern schon ein modernes Land. Dass es sich noch findet, sieht man überall. Etwa, wenn direkt neben dem pittoresken Hotel, gut sichtbar vom Balkon aus, der eigentlich herrliche Atlantik-Strand mit Müll übersät ist und Jugendliche zwischen Autos grillen und Techno aufdrehen. Rechtzeitig zur WM werden auch sie verdrängt sein.
Anreise Seit dem Frühjahr 2026 gibt es Direktflüge aus Deutschland mit Ryanair ab Frankfurt-Hahn, Karlsruhe/Baden-Baden, Nürnberg und Düsseldorf-Weeze. Aus Marrakesch fahren die Züge der Staatsbahn ONCF, die Fahrt erster Klasse kostet ca. 25 Euro.
