Früher sollten Stürmer Tore schießen, Torwarte Bälle halten und Verteidiger Zweikämpfe gewinnen. Früher gab es aber auch nur drei Fernsehprogramme, Twix hieß Raider, und ein Brötchen kostete 18 Pfennig.
Heute gibt es im Fußball „Positionsprofile“. So nennt Merlin Polzin die Anforderungen an seine Profis an ihrem jeweiligen Ort auf dem Platz. Und die sind vielfältig, viel umfangreicher, als man es von Stürmern, Mittelfeldspielern und Abwehrspielern damals verlangt hat.
Zu Saisonbeginn hatte Polzin gemeinsam mit seinem Mastermind Loïc Favé daran getüftelt, wie das Loch in der Mitte zu schließen sein könnte, das der Hamburger SV Gegnern ließ, die gezielt durchs Zentrum spielten – dort wirkte Polzins Gruppe mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Nicolai Remberg, Sambi Lokonga) und nur einem pressenden Stürmer (Yussuf Poulsen) anfällig.
Ein ziemlich leerer Koffer
Als sich Remberg in Hoffenheim verletzte, griff Polzin erst zu Plan B, dann zu Plan C: Schotten dicht, dann offensive Nadelstiche. Beim 1:0 gegen den VfB Stuttgart drehte er so lange an seinem Zauberwürfel, bis das positionsfremd besetzte Mittelfeld aus Miro Muheim, Martin Adeline und Bilal Nadir herauskam, das dem VfB kein Durchkommen ermöglichte.
Auch die vieldiskutierte Versetzung Fábio Vieiras in den Sturm neben Poulsen diente der besseren Stabilität im so verdichteten Zentrum, wo An- und Wortführer Poulsen mit Vieira an seiner Seite das Angriffspressing anleitete.
Nun aber schauen der Zauberer und sein Lehrling in einen ziemlich leeren Koffer. Nach dem 0:1 in Paderborn am Samstag und mit Blick auf die DFB-Pokal-Partie am Dienstag gegen Eintracht Frankfurt sowie das Ligaspiel am Sonntag am Main tun sich große Lücken im Hamburger Kader auf.
Wie verhext mit den vielen Ausfällen
Und es verdeutlicht sich, dass auch vermeintliche Magier an ihre Grenzen stoßen, wenn das Personal fehlt: Polzin vermisst seinen Kapitän Remberg, den Abwehrchef Nicolas Capaldo, seinen Ersatz Jordan Torunarigha und seit Sonnabend auch die verletzten Vieira und Nadir. Der in der Vorserie als unverzichtbar geltende Albert Sambi Lokonga bringt sich immerhin langsam wieder in einen spielfähigen Zustand, was auch für den Dänen Albert Grønbæk gilt.
Erstmals seit dem verpatzten Saisonstart mit drei Niederlagen scheiterte Polzins Plan in Paderborn. Statt kerniger Abwehr und scharfer Konter sah der Vortrag wie ein Puzzle mit ungeduldig reingedrückten Teilen aus. Nichts passte zusammen. Ballbesitz und Torgefahr waren bei den Ostwestfalen so dürftig, dass die Erkenntnis blieb: Es ist wie verhext mit all diesen Ausfällen.
Denn über System- und Personalumstellungen können sie nur bedingt ausgeglichen werden. Personell geschwächt kommt die Mannschaft nicht automatisch in den Grenzbereich dessen, was sie zu spielen imstande ist. Bleiben alle gemeinsam unter ihrem Mindestlevel, verheißt das für den zweiten Teil der Hinrunde wenig Gutes.
Keine Panik beim HSV
Panik entsteht in Hamburg daraus aber nicht. Der HSV hat bewusst einen breiten Kader gewählt, ist im Sommer finanziell ins Risiko gegangen, um sich auf zentralen Positionen wehrhaft für einen stürmischen Herbst zu machen. Darunter sind Potentialspieler wie Zakaria El Ouahdi und Kofi Amoako, deren Marktwert schon jetzt deutlich größer ist als ihre Ablösesumme.
In den Trainingslagern vor der Saison wurde taktische Variabilität einstudiert. Auch während des Spiels wechselt die Mannschaft ihr Antlitz – wie in Hoffenheim. Doch auch das darf man nicht vergessen: Am Samstag standen sechs neue Spieler in der Startelf. Es wäre auch deshalb eher überraschend gewesen, wenn die Serie aus drei Siegen hintereinander weiter Bestand gehabt hätte.
Die Kultur unter Merlin Polzin sieht vor, Schwächen zu benennen, Niederlagen zu akzeptieren, Ausreden zu vermeiden. Gerade Yussuf Poulsen und Torwart Daniel Heuer Fernandes ließen an der Darbietung in Ostwestfalen kein gutes Haar. Das alles geschieht im Konsens, ohne Mitspieler anzugehen oder den Trainer zu blamieren.
Merlin Polzin hat detaillierte Positionsprofile entwickelt. Das für Kofi Amoako könnte am Dienstag vorsehen, (wieder) allein und ziemlich klassisch auf der „Sechs“ zu spielen, in einer 3-4-2-1-Anordnung hinter dem genesenen Sambi Lokonga. Auch Albert Grønbæk als Offensiver an Poulsens Seite oder in seinem Rücken könnte wieder dazustoßen. Der schnelle und trickreiche Däne dürfte dann – ganz altmodisch – gern auch mal wieder ein Tor schießen, wenn es nach dem HSV geht. Oder eines vorbereiten.
