Herr Brechtken, vor den Landtagswahlen ist die Stimmung zwischen Ost- und Westdeutschen so schlecht wie lange nicht mehr. Viele Ostdeutsche fühlen sich vom Westen bevormundet; viele Westdeutsche halten die Ostdeutschen für undankbar und verloren an die AfD. Wo stehen wir, 36 Jahre nach der Wiedervereinigung?
Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll angesichts der ständigen Klagen aus dem Osten – und auch angesichts der Kosten. Sie haben eigene Sorgen und erinnern sich daran, wie erfolgreich die alte Bundesrepublik funktioniert hat. Wenn in Ostdeutschland auf eine besondere Ostidentität verwiesen wird, die anders sei, dann klingt das für viele nach einem Komplex, einer Zufluchtsidentität, die es so im Westen nicht gibt. Ich bin Sauerländer, und natürlich konstruiert man sich in Westfalen eine andere Identität als im Rheinland oder in Bayern. Aber so eine Abgrenzungsidentität wie in Ostdeutschland sehe ich nicht.
Sie halten als Historiker viele Vorträge über dieses Thema. Woher kommt das?
Die Ursachen dafür, warum der Osten „anders“ ist als der Westen Deutschlands, werden im Osten oft nicht rational betrachtet, sondern emotional. Viele Unterschiede zwischen West und Ost kann man ja analytisch herleiten und beschreiben, auf der politischen, der wirtschaftlichen, der historischen, der herrschaftsstrukturellen Ebene. Diese Analysen sind oft ernüchternd, und viele politische Äußerungen und Wahlergebnisse spiegeln das. Aber diese Form der rationalen Selbstanalyse findet in Ostdeutschland nach meiner Wahrnehmung zu wenig statt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Und das ist in Westdeutschland anders?
Auch im Westen werden die historisch-strukturellen Unterschiede zwischen Ost und West selten offen angesprochen. Besonders bei offiziellen Anlässen wird oft so getan, als müsse man die Ostdeutschen loben, in Schutz nehmen oder besonders rücksichtsvoll behandeln. Trotzdem ist der Diskurs nach meiner Wahrnehmung im Westen nüchterner, distanzierter und ökonomischer als im Osten.
Wirklich? Im Westen gibt es doch genauso plumpe Klischees über den Osten wie umgekehrt.
Sicher gibt es regionalen Wettbewerb und Spöttelei. Rheinländer mokieren sich über Westfalen und umgekehrt, Franken fühlen sich bevormundet von Oberbayern und Ähnliches. Aber darin liegt viel Folklore. Im Unterschied zu Ost/West löst sich das im Alltagsdiskurs weithin auf. Vor allem schlägt sich regionales Eigenbewusstsein nicht in der Wahl rechtsextremistischer Parteien nieder. Beim Blick auf die Karten zur Bundestags- und Europawahl, die die jeweils stärkste Partei pro Wahlkreis zeigen, sieht man: Der Osten ist fast durchweg blau und der Westen fast durchweg schwarz. Das sind exakt die Grenzen von Bundesrepublik und früherer DDR. Das zeigt: Auch wenn die Krisensymptome im Ruhrgebiet oder in Flensburg vielleicht ähnliche sind wie in Magdeburg oder Dresden, sucht man im Westen immer noch nach anderen Lösungen.
Auch im Westen nimmt die Entkopplung von der Politik aber zu – und auch dort wird die AfD immer stärker.
Ja, aber auf einem anderen Niveau und vor einem eigenen historischen Hintergrund. In der Geschichte der alten Bundesrepublik gab es immer extremistische, radikale, auch antisemitische Parteien und Gruppierungen – von der Sozialistischen Reichspartei über die NPD, die DVU und die Republikaner bis zu KPD und DKP. Auf der Rechten waren das immer etwa 15 Prozent, auf der extremen Linken vielleicht fünf Prozent, also rund 20 Prozent in der Summe der extremen Ränder. Aber es bestand in keinem westlichen Bundesland jemals eine reale Gefahr, dass eine extremistische Partei einen Ministerpräsidenten stellt. Das ist in Ostdeutschland anders. Diese Unterschiede muss man klar benennen dürfen.

Viele Ostdeutsche fühlen sich aber schnell angegriffen. Der ehemalige sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff findet, die AfD sei primär eine Westpartei, und fordert, mehr darüber zu reden, was in Westdeutschland schiefgelaufen sei.
Wir reden in Westdeutschland doch ständig über das, was schiefläuft! Das ist normaler politischer Prozess. In den 75 Jahren ihrer Geschichte hat die Bundesrepublik bei ihren Krisenbewältigungen enorme Wandlungsprozesse durchgemacht. Heute gibt es vom Klimawandel über die Infrastruktur bis zu Überbürokratisierung und Vermögensungleichheit täglich grundlegende Herausforderungen, zu deren Lösung man Kompromisse finden muss. Das wirkt oft langsam und zäh, es nervt und kostet Kraft. Im Westen ist das lange erprobt, in den neuen Bundesländern wirkt die Lösungssuche autoritätsorientiert.
Sie glauben, viele Ostdeutsche haben Sehnsucht nach einem starken Mann?
Das klänge sehr plakativ. Aber es lässt sich in Ostdeutschland historisch eine Traditionslinie identifizieren, über die wir sprechen müssen: Vor 1990 gab es eine autoritäre kommunistische Herrschaft, vor 1945 die nationalsozialistische Diktatur, vor 1933 starke antidemokratische Mehrheiten in der Weimarer Republik, vor 1918 monarchische Strukturen. Seit Jahrhunderten standen Staat und Obrigkeiten in den deutschen Ländern für Sicherheit und Versorgung „von oben“ und gegen die Forderung nach politischer Teilhabe und Eigenverantwortung des Individuums. Das galt bis 1945 auch für Westdeutschland. Dann trennten sich die Erfahrungen. Über diese tradierte Sehnsucht nach Lösungen durch Staat und Autorität müssen wir diskutieren, wenn wir über die Wähler in den neuen Bundesländern sprechen.
Westdeutsche, die diese Unterschiede benennen, haben das Gefühl, dass sie im Osten schnell als „Wessis“ gebrandmarkt werden und ihr Blick als illegitim gilt. So als dürften nur Ostdeutsche über den Osten reden.
Warum sollten wir das akzeptieren? Das ist das Problem an vielen Festreden: Wenn Bundespräsident Steinmeier zum 3. Oktober spricht, dann hören wir weiterhin Wohlfühlrhetorik. Es wäre genauso notwendig, die Menschen, die sich missverstanden fühlen oder nach ihrer Identität suchen, an einige historische Fakten zu erinnern.

An jene, die viele nicht hören mögen, etwa: Die DDR wurde nicht durch die friedliche Revolution der Ostdeutschen beendet, sondern weil Michail Gorbatschow und Eduard Schewardnadse sie freigegeben haben. Das ist die militärisch-außenpolitische Seite. Die wirtschaftliche ist: Wenn Ostdeutsche heute klagen, in den Ländern der ehemaligen DDR gebe es ja nichts zu vererben und die Leute seien ärmer als im Westen, dann liegt das nicht daran, dass die Westdeutschen ihnen etwas weggenommen haben, sondern dass die DDR 40 Jahre lang von der Substanz gelebt hat und nicht in der Lage war, ein dem Westen vergleichbares Wirtschaftsvermögen aufzubauen. Die DDR war 1989 bankrott; ein ökonomisch aufgezehrtes, von innen zerstörtes Land. In den 37 Jahren, die Ostdeutschland seither Transferinvestitionen erhält, hat man gesehen, wie viel Entwicklung möglich ist – aber eben auch, dass man in 37 Jahren nicht vorher verlorene Jahrzehnte des Wohlstandsaufbaus nachholen kann. Das liegt aber nicht am Verhalten der paternalistischen Westdeutschen, sondern an der Geschichte der DDR.
Wurde die Debatte darüber, welche Härten die Wiedervereinigung und auch Demokratie und Marktwirtschaft haben können, in diesen 37 Jahren überhaupt mal ehrlich geführt? Dass Demokratie träge ist und Kompromiss frustrierend sein kann?
Es ist eine Illusion zu glauben, man könne alle Unterschiede binnen dreieinhalb Jahrzehnten egalisieren, zumal unter den Bedingungen einer globalen Wettbewerbswirtschaft. Darüber wurde nicht offen genug gesprochen. Demokratie bedeutet, dass auch das individuelle Engagement des Bürgers gefordert ist und er zur Veränderung bereit sein muss. Demokratie bedeutet nicht, dass „der Staat“ für einen alle Probleme löst. Diese Haltung haben nach meiner Wahrnehmung aber viele im Osten, jedenfalls mehr als im Westen. Und die Politiker sagen es den Ostdeutschen nicht ins Gesicht.
Eine gewisse Fremdheit zwischen Ost und West gibt es schon seit der Wiedervereinigung, aber zuletzt hat sie sich deutlich verstärkt, auch weil die Populisten von AfD, Linken und BSW das Trennende noch bewirtschaften. Wann ist die Stimmung gekippt?
Ich glaube, dass diese Fremdheit nie wirklich abgenommen hat. Im Westen dominierte 1990 die Vorstellung, man müsse nur genug Geld in den Osten schicken, die Straßen, die Häuser und die Infrastruktur auf Vordermann bringen, und dann werde der Osten schon „westernisiert“. Das war eine Illusion, weil die Unterschiede viel größer waren als gedacht. Dass man heute mit vielen Ostdeutschen noch darüber diskutieren muss, ob die DDR ein Unrechtsregime war, ist so absurd, dass mir dafür jedes Verständnis fehlt.

Das gilt auch für das Russland-Bild. Man hat in der DDR Jahrzehnte unter dem großen Bruder gelitten, und trotzdem nehmen viele Russland selbst jetzt, da es die Ukraine überfallen hat und Europa bedroht, noch in Schutz.
Wenn ich in den neuen Bundesländern diskutiere, bin ich nicht selten erschüttert, wie dort über internationale Beziehungen und über die Geschichte von Außen- und Militärpolitik vor 1990 gesprochen wird – und wie geschichtsvergessen die deutsch-sowjetischen Realitäten verklärt werden. Putins Politik versucht seit Jahren mit aller Gewalt wiederherzustellen, was mit dem Zusammenbruch der UdSSR – in seinen Augen fatal und ohne Not – verloren ging. Schauen wir an, was er zur sowjetisch-russischen Geschichte sagt. Deklinieren wir durch, was es für die frühere DDR bedeutet! Wäre Putin 1989 Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte gewesen, hätte er in der DDR die Panzer rollen lassen, um die etablierte Hegemonie des Imperiums zu sichern. Noch heute ständen mehr als dreihunderttausend russische Soldaten unter Putins Befehl in den neuen Bundesländern. Das wollen in Ostdeutschland aber viele nicht hören.
Sie halten die Ostdeutschen für autoritätsgläubiger als die Westdeutschen. Gleichzeitig sehen viele den Staat dort aber deutlich kritischer als im Westen.
Ich glaube, das hat damit zu tun, wie man den Staat im Westen wahrgenommen hat. Im Westen hat die Mehrheit seit 1949 unter Mühen gelernt, dass man selbst ein wirksamer Teil des Staates sein kann. Es ist ein grundlegendes Vertrauen gewachsen, dass rechtsstaatliche Strukturen funktionieren, sich entwickeln, man selbst etwas bewirken kann, sich Lebensbedingungen verbessern lassen trotz aller Herausforderungen. Zugleich weiß man, dass man einen Beitrag leisten muss, wenn einem was nicht passt. Dass es lohnt, sich zu engagieren, in einer Bürgerinitiative, in einem Verein, in einer Partei. Damit ist man nicht immer willkommen und stößt auf Gegenwind, aber damit muss man leben. Das war die DNA der Bundesrepublik bis 1989 und ist es auch danach: dass Demokratie ein permanenter Aushandlungsprozess ist, in dem man eigene Möglichkeiten und Wirksamkeiten hat, die aber eigenes Engagement fordern.
Und das ist im Osten anders?
Offensichtlich herrscht bei vielen die Wahrnehmung vor, dass „der Staat“ die Bevormundung aus DDR-Zeiten nun, Beispiel Corona-Pandemie-Regeln, in neuem Gewand fortsetzt. Es gibt ein grundsätzliches Misstrauen. „Der Staat“ soll sich kümmern, die Menschen umsorgen, ÖPNV bis ins Drei-Häuser-Dorf, aber er soll sich nicht in individuelle Entwürfe einmischen. Im Osten gibt es eine andere Selbstkonstitution als Staatsbürger als im Westen.

Viele im Osten klagen darüber, dass sie immer noch benachteiligt würden; bei der Rente, bei Führungspositionen. Ist das gefühlt oder real?
Die Renten sind ja inzwischen angeglichen, diese Benachteiligung ist nur noch gefühlt. Bei den Führungspositionen sind „ostdeutsche“ Manager bei Dax- und M-Dax-Unternehmen prozentual wohl unterrepräsentiert. Aber was bedeutet das? Unternehmen möchten Produkte herstellen und im globalen Wettbewerb bestehen. Sie werden vernünftigerweise nach den besten Personen suchen, damit das gelingt. Woher die dann kommen, ist erst mal nachrangig. Die großen Global Player unserer Zeit sind erst in den 1990ern gegründet worden, und auch in den neuen Bundesländern gibt es einige Erfolgsgeschichten. Warum nicht mehr? Es steht jedem frei, ein besseres Amazon zu gründen.
Der AfD-Rechtsextremist Björn Höcke würde jetzt vielleicht sagen: Das ist doch der Beweis, dass es im Westen gar keine Deutschen mehr gibt, sondern nur deutsch sprechende Amerikaner. Er sagt, die richtigen Deutschen seien die in den neuen Bundesländern.
Ist Björn Höcke ein richtiger Deutscher? Offensichtlich hat er kaum Kenntnisse deutscher Geschichte. Denn ein zentrales Ergebnis deutscher Geschichte ist, dass wir gelernt haben, selbstkritisch zu analysieren und rational zu prüfen, was sich für unser Zusammenleben bewährt hat, für den Aufbau von Rechtsstaat, Wirtschaft und Wohlstand. Deshalb sind wir heute die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und immer noch führend in vielen Bereichen von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Höckes völkische Phantasien, diese ideologischen Fabelwelten, leben von Geschichtsignoranz und Lernverweigerung, sie sind so selbstdestruktiv, wie der Nationalsozialismus und die SED-Herrschaft es waren. Das ist nicht deutsch, das ist dumm.
Was kann die Politik tun, damit die Unzufriedenheit der Menschen geringer wird?
Wir sollten nicht nur nach „der Politik“ fragen, sondern: Was können wir selbst tun? Es gibt eine zunehmende habituelle Unzufriedenheit, nicht nur in den neuen Bundesländern. Auch im Westen nimmt diese Stimmung sichtbar zu. Wir sind an einem Punkt, an dem es für die Menschen im Westen vorrangig erscheint, sich um die eigenen Belange zu kümmern. Wir sprechen hier von mehr als sechzig Millionen Menschen im Westen gegenüber zwölf Millionen im Osten. Plakativ bewegt sich die Botschaft an den Osten dahin: Wenn ihr unzufrieden seid, dann bleibt es halt, aber bitte nicht mehr auf unsere Kosten! Wenn dann empörte Reaktionen kommen, wird man im Westen mit denen leben.

Da werden manche Ostdeutsche sagen: Da macht ihr „Besser-Wessis“ doch gleich weiter mit eurem Paternalismus! Und wenn ihr von uns Eigenverantwortung fordert, dann lasst uns doch einfach die AfD wählen, und hört auf mit der Brandmauer!
Sie wählen doch schon die AfD! Wenn man das als Eigenverantwortung verstehen will, nun ja, ich würde die rationale Analyse wirtschaftlicher und politischer Herausforderungen bevorzugen. Im Westen kann und wird man das nicht einfach hinnehmen. Wenn die AfD in einem Bundesland regieren sollte und Personen, die an völkischen Rassismus und Verschwörungserzählungen glauben oder Putin für einen harmlosen Menschen halten, für die Geheimdienste zuständig sind, dann muss der Rechtsstaat Vorkehrungen treffen und die Gesellschaft sich verteidigen. Auf sicherheitspolitische Gefahren, ökonomische Selbstgefährdung und eine noch größere Spaltung der Gesellschaft unter einer völkisch-identitären politischen Führung hinzuweisen, ist keine Bevormundung, sondern ein notwendiger Beitrag zur öffentlichen Debatte.
Glauben Sie, dass der wachsende Unmut im Westen irgendwann zu einer „Lega West“ führen könnte, wie Sie es mal genannt haben?
Der Begriff war ironisch formuliert und nicht als ernsthafte Analogie zwischen Italien und Deutschland gemeint. Aber immer mehr Menschen im Westen wollen diese Auseinandersetzung führen, auch wenn es massiven Gegenwind gibt. Ich glaube, wir stehen erst am Anfang einer Debatte, die gerade aufkommt.
