Als der große Jazzpianist Keith Jarrett noch öffentlich spielte, fielen zuletzt zwei Dinge besonders auf: Seine komplexe, geistreiche Polyphonie. Und seine Wutausbrüche, wenn jemand im Publikum hustete. Bei einem seiner letzten Deutschland-Gigs in der Alten Oper Frankfurt brach er schon nach wenigen Minuten ab, weil er aus den hinteren Reihen ein Husten gehört hatte, sprach dann lange über den heiligen Raum der Kunst und verteilte ein paar (wohl symbolische) Hustenbonbons. Welche Marke sie hatten, konnte man damals nicht gut sehen. Genützt haben sie wenig, hinten links wurde vorsichtig weitergehustet. Der Meister spielte trotzdem.
Zwischen den Sätzen einer Symphonie
Jarrett war nicht der Einzige, den Erkältungssymptome auf die Palme brachten. Auch der geniale Beethoven- und Schubert-Interpret Alfred Brendel brach deswegen mehrmals Konzerte ab. Und manch ein auf CD oder Schallplatte gepresster Livemitschnitt wurde durch herzhaftes Bellen aus dem Zuschauerraum verdorben, darunter etwa ein ansonsten phantastischer „Tristan“ aus Bayreuth mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen.

Seit es Konzertsäle gibt, haben diese ein Problem: den Husten. Das explosionsartige Ausstoßen von Luft. Es ist keine eigenständige Krankheit, wohl aber mit der Kennzeichnung MD12 in die ICD-11 aufgenommen, die „International Classification of Diseases“. Meist steht der Husten im Zusammenhang mit Erkältungen. Oder eben, auf wundersame Weise, mit Musik. Denn wie sich zwischen den Sätzen einer Sinfonie unter den Zuhörenden plötzlich ein unbändiger Drang ausbreitet, zu husten und zu schnauben – das kann keine Grippewelle erklären.
Loriot schrieb eine „Hustensymphonie“
Der Kulturökonom und Verhaltensforscher Andreas Wagener von der Universität Hannover hat 2012 sogar eine Studie dazu vorgelegt. Seine These: Statistisch gesehen hustet der Mensch etwa 16-mal am Tag – im Konzertsaal allerdings doppelt so häufig. Der Grund sei die Verbotsnorm. Man darf – und will – nicht husten, muss deswegen umso mehr daran denken und es schließlich auch tun. Das passt zu der kleinen Erzählung, die Heinrich Böll 1952 über das Problem schrieb, „Husten im Konzert“. Darin heißt es: „Ich spüre, wie meine Hände nass werden, ein innerer Krampf mich erfasst. Und plötzlich weiß ich, dass alle Bemühungen zwecklos sind, dass ich husten werde.“ Ephraim Kishon verfasste 1967 eine kleine Satire namens „Philharmonisches Hustenkonzert“, Loriot schrieb 1982 für die Berliner Philharmoniker eine „Hustensymphonie“. Das Thema ist mit Bedeutung aufgeladen. Da überrascht es eigentlich, dass erst jetzt ein findiger Unternehmer dem Konzert- und Opernhusten endgültig an die Gurgel gehen will.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Ich wollte schon lange ein Konzert- und Theaterbonbon herstellen“, sagt der 84 Jahre alte Hans-Dieter Mock. Um sich diesen Traum zu erfüllen, kaufte er sogar ein Unternehmen auf. Aber eins nach dem anderen: Mock spielte als Kind Cello und Klavier, gab beides aber auf, um sich einer Karriere als Anwalt und dann als Unternehmer zu widmen. Aber er blieb Musikfan. Eines Tages, im prunkvollen Friedrich-von-Thiersch-Saal in Wiesbaden, habe er ein „Schlüsselerlebnis“ gehabt: Der Dirigent ergriff das Wort und beklagte sich, „warum Menschen ins Konzert und nicht zum Arzt gehen, wenn sie erkältet sind“. Da war Mock schon in Pension, aber da er 99 werden will, genau wie seine Mutter, habe er ja noch viel Zeit.
Eine seiner Geschäftsideen wurde: das Bonbon, dass Sinfonien vor Störungen schützt. Mock recherchierte und entdeckte, dass es bereits ein „Caruso Hustenbonbon stark“ gibt, für Sängerinnen und Sänger. Es heißt so, weil Enrico Caruso mit einem solchen Bonbon – damals die noch namenlose Spezialrezeptur eines Apothekers – einst ein Gastspiel in Hamburg überstanden haben soll. Mock fuhr aufs Land bei Kassel, klingelte bei dem Inhaberehepaar an der Haustür und kaufte ihm die Marke ab. Und nun stellt er also sein „Konzert- und Theaterbonbon“ her, diesmal nicht für die da oben auf der Bühne, sondern fürs Publikum. Die Dose ist mit einem schalldämmenden Vlies ausgekleidet, damit nichts scheppert, wenn man etwas herausnimmt. Im Juni kam das Kulturbonbon auf den Markt, in drei Geschmacksrichtungen, eine davon zuckerfrei.
„Es wirkt tatsächlich“, sagt Mock. Aber das sei nur seine Privatmeinung. Denn nach deutschem Recht dürfe er keine Gesundheitsaussage machen. Als Nächstes will er die großen Opern- und Konzerthäuser überzeugen, sein Produkt anzubieten. „Zum Kulturgenuss gehört eine gewisse Stille“, findet er. Ist das nun der letzte Satz, das Finale, für Husten und Räuspern aus den Zuschauerreihen?
Yoko Onos „Cough Piece“
Denkbar wäre, dass dann aber auch ein Stück Kultur verloren geht. Ohne den bizarren Hustenzwang vor, nach und während großer Aufführungen wäre vielleicht Yoko Onos „Cough Piece“ von 1961 nie entstanden: Die Künstlerin hustete in ein Mikrofon, spielte das Geräusch dann in Endlosschleife im New Yorker MoMA ab. Und die „Maulwerke für Artikulationsorgane“ des Komponisten Dieter Schnebel, in denen er röcheln, schnalzen und husten lässt, sind bestimmt auch ein Kommentar zu den nonverbalen Äußerungen des Publikums. Übrigens: Die Konzerthusten-Studie der Uni Hannover behauptet, dass bei komplexen oder schwer zugänglichen Werken mehr gehustet wird als bei eingängigen. Damit wäre das scheinbar unfreiwillige Geräusch auch eine Art Kritik mit dem Zwerchfell. Und es wäre gar kein Problem, sondern ein Teil der Kunst, dass die Konzertsäle, in denen alles der Akustik dient, eben jedes Geräusch verstärken. Nicht nur die Musik. Auch Niesen, Knarren oder Ächzen.
Der Siegeszug des „Kulturbonbons“ dürfte trotzdem unvermeidlich sein. Die Idee ist einfach zu gut. Die Berliner Philharmoniker und die Staatsoper unter den Linden wollen es als Erste anbieten – schon in der jetzt beginnenden Saison. Das enthaltene Süßholz soll für die hustenstillende Wirkung verantwortlich sein. Ob es wirkt oder nicht: Es schmeckt angenehm lakritzig und schadet sicher nicht. Jedenfalls in der zuckerfreien Variante.
