Der Text von Ivna Žic, um den es hier geht, trägt einen merkwürdigen Titel: „Die Unversehrten“. Denn wer ist heute schon unversehrt? „Die Zeit ist ein Tausch. Echo. Variation. Erneuerung“, heißt es darin. Aber wie ist es, wenn man festhängt in dieser Zeit, weil ein gar nicht so neuartiges Krankheitssymptom einen beschäftigt hält? Was bedeutet es, ‚ich’ zu sagen, wenn man nicht mehr über die eigene Zeit verfügt? Was ist dann Lebenszeit, und wie erfahren wir sie unter den Bedingungen einer Krankheit? Was, wenn die eigenen Aktivitäten, wie im Fall von Long Covid, auf wenige Stunden am Tag reduziert sind?
Aus Weltgebundenheit wird dann Hausgebundenheit, so bringt es Ivna Žic auf den Punkt, wird eine Situation, die den Körper einschließt und ihn fremd werden lässt. Nie zu wissen, wann der Körper überfordert sein wird, ist eine existentielle Frage, die sich nicht allein aus dem Jetzt der Krankheit beantworten lässt und schon gar nicht mit der Fiktion eines Normalzustands jener „Unversehrten“, die uns eigentlich mehr und mehr als Monster erscheinen sollten, weil sie nicht innehalten, sondern auf ihrem Zeitpfeil einspurig und pausenlos unterwegs sind.
Die gesundheitspolitische Realität der USA als Folie für unsere Zukunft
Sie wissen vermutlich auch nicht, dass man die Zeitüberlappungen, Friktionen und Verdichtungen nutzen kann, um ein eigenes politisches Verständnis der Lage zu entwickeln, das den Verhärtungen unserer Zeit begegnet, dem unmenschlichen Programm einer rein leistungsbezogenen männlich definierten Gesellschaft, und ihm Empfindlichkeit und Vulnerabilität als menschliche Grundprinzipien gegenüberstellt. Žic arbeitet also, um mit Alexander Kluge zu sprechen, den Realismus der Situation heraus und tritt den durchaus faschistoiden Fiktionen entgegen.

Die Autorin verbindet Wagnis mit Offenheit, Dringlichkeit mit hoher Literarizität. Klug und feinfühlig verknüpft sie anhand des eigenen biographischen Materials Konzepte bürgerlicher Erfahrungserwartung angesichts eines Auslandsschuljahres und einer Reise in die USA, siebzehn Jahre später während der ersten Regierungszeit von Donald Trump, mit ihrer nicht einzulösenden Realität in prekären Lebenssituationen, der fehlenden Gesundheitsversorgung für alle, mit der Frage nach Migration aus Kriegsgründen aus ihrer Familiengeschichte. Hintergrund all dieser Auseinandersetzungen sind neoliberale Körperkonzepte, die Krankheit und Tod abspalten und die gesellschaftlich spürbar werden, in den USA genauso wie in der Schweiz und in Deutschland.
Hier wie dort dürfen die Kranken den Gesunden grundsätzlich nicht zur Last fallen. Ivna Žics Blick auf die gesundheitspolitische Realität in den USA wirkt wie eine Folie für unsere Zukunft. Diese droht nämlich uns allen, besonders den Long-Covid-Patienten, da sie – teilweise schleichend und unscheinbar – aus den Verwertungslogiken und -prozessen herausgefallen sind, eine Situation, die mittlerweile bereits 650.000 Menschen allein in Deutschland teilen, die am Syndrom mit dem unaussprechlichen Namen ME/CFS leiden, an radikaler körperlicher und geistiger Erschöpfung, 400 Millionen weltweit, wie Ivna Žic schreibt. Aber was sind Zahlen? Können sie noch die Aufmerksamkeit erzeugen? Wie oft haben wir sie gehört? Es ist eine unsichtbare Pandemie nach der Pandemie, und sie bekommt, vielleicht, weil sie verstärkt Frauen betrifft, auch bei uns nicht die nötige politische und medizinische Aufmerksamkeit. Das ist die bittere Realität.
Erzählen vom Körperverlust
Doch unserer Preisträgerin geht es nicht allein darum, eine Öffentlichkeit für dieses Problem herzustellen, sie lässt aus diesem Zustand einen Zusammenhang sichtbar werden, und das macht die spezifische Stärke des Textes aus. Denn es ist hier buchstäblich die Erfahrung von Krankheit, die den Text produziert, erstaunlich unsentimental und unselbstmitleidig, nüchtern und musikalisch zugleich. In Zeitsprüngen, szenischen bildhaften Erinnerungen, Verknüpfungen. Es wird deutlich, dass nicht nur der Umgang mit der Krankheit, sondern auch die Produktion von Krankheit und Prekarität durch die Struktur des Ausschlusses ihr ein Anliegen sind.
Ivna Žic spürt der eigenen Krankheitsbiographie nach und setzt in ihrem Austauschjahr damit an. So wird der pubertierenden Austauschschülerin gesagt, was es heißt, eine Erfahrung zu machen: „Alles mitmachen.“ Die reine Affirmation des Bestehenden. Aus dieser Pausenlosigkeit von Regeln, Affirmation und Unterordnung entsteht der erste Körperverlust im Rahmen dieser essayistischen Erzählung. Die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren ist sicherlich eine der herausforderndsten wie menschlichsten Erfahrungen, der allerdings gesellschaftlich mit dem Bann begegnet wird. Mit Ausschluss und Ignoranz. Auf Solidarität und Zuwendung bleibt stets nur zu hoffen, sie muss individuell hergestellt werden, während der Ausschluss wie automatisiert läuft.
Dieser Kontrollverlust geht aber auch mit einem Verlust der räumlichen Souveränität einher. Wer kennt nicht das Gefühl, festzusitzen, nicht mehr wegzukönnen? Insofern sind es ganz unterschiedliche Umstände, die plötzlich in diesem Text miteinander zu sprechen beginnen. Krieg, Fremdheit, Krankheit, Armut, nicht begrifflich zusammengezwungen, sondern auf der Ebene dieser körperlichen Erfahrung. Die Begegnung ist hier der Gegenpol, das Gespräch, die Auseinandersetzung, der Blick auf die Bedingungen des Gegenübers, der verstehen lernt.
Die ehemalige Gastmutter, die Freundinnen, denen die Erzählerin später wiederbegegnet. Auf den Punkt bringt es unsere Preisträgerin mit einer literarischen Auseinandersetzung, vor allem mit Anne Boyer. Sie zitiert diese, wie sie über ihre Krebsdiagnose spricht: „Als wäre ich sowohl am 20. Jahrhundert erkrankt als auch mit ihm behandelt worden.“ Dank Ivna Žic wissen wir, wie man am 21. Jahrhundert erkranken und von ihm nicht behandelt werden kann.
Diese Laudatio hielt Kathrin Röggla zur Verleihung des „Wortmeldungen Ulrike Crespo“-Literaturpreises an Ivna Žic in Frankfurt am 12. Juni. Ivna Žics ausgezeichneter Essay „Die Unversehrten“ ist gerade im Verbrecher Verlag veröffentlicht worden.
