
Der Industriekonzern Thyssenkrupp geht in Sachen Konzernumbau den nächsten Schritt: An diesem Dienstag hat der Aufsichtsrat des Essener Unternehmens den Plänen des Vorstands zur Verselbstständigung der Materialhandelssparte zugestimmt, wie Thyssenkrupp mitteilte. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 7. August sollen die Aktionäre nun das Vorhaben absegnen.
Im Anschluss ist ein Teilbörsengang des abgespaltenen Unternehmens noch in diesem Kalenderjahr vorgesehen. Ein Minderheitsanteil von 49 Prozent soll dabei in Frankfurt notiert werden. Die Thyssenkrupp-Anteilseigner sollen dazu im Verhältnis ihrer Beteiligung an der Thyssenkrupp AG Aktien der neuen Gesellschaft übertragen bekommen. Thyssenkrupp will weiter einen Mehrheitsanteil an dem abgespaltenen Unternehmen halten; es solle im Konzern vollkonsolidiert bleiben, hieß es.
Umbaupläne zu schlanker Finanzholding
Thyssenkrupps Vorstandschef Miguel López strebt an, den Konzern, der aktuell eine Art Gemischtwarenladen ist, zu einer schlanken Finanzholding umzubauen, in der bisherige Sparten als eigenverantwortliche Unternehmen handeln. Dazu hatte er im vergangenen Jahr nach einem ganz ähnlichen Modell die Marinesparte TKMS abgespalten und zu 49 Prozent an die Börse gebracht. Auch die Wasserstoff-Tochtergesellschaft Nucera ist mittlerweile börsennotiert.
Die Ausgliederung des Materialhandelssegments soll nun der nächste Schritt sein. Thyssenkrupps Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm sagte, dies sei ein „weiterer wichtiger Meilenstein“ für Thyssenkrupps Zukunftsmodell. Die strategische Neuausrichtung werde damit „konsequent“ fortgesetzt.
Erst vor wenigen Tagen in „TK Accelis“ umbenannt
Die Sparte, die sich erst vor wenigen Tagen in „TK Accelis“ umbenannt hat, hat etwa 15.500 Mitarbeiter, rund 250.000 Kunden auf der ganzen Welt und erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro. Der bereinigte Gewinn nach Zinsen und Steuern (bereinigtes Ebit) sank jedoch zuletzt, vor allem wegen schwacher Konjunktur und niedriger Nachfrage in Europa.
Spartenchefin Ilse Henne will das Unternehmen weniger abhängig vom volatilen reinen Handelsgeschäft machen und formt es zu einem Lieferkettendienstleister um. Die Sparte habe „in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Weiterentwicklung vollzogen“, sagte Konzernchef López am Dienstag. Henne und ihr Team verfolgten eine „klare Wachstumsstrategie“.
Zugeständnisse an die Arbeitnehmerseite
Die Gewerkschaft IG Metall, die im Vorfeld Bedenken hinsichtlich der angestrebten Rechtsform von TK Accelis, geäußert hatte, sprach von „zähen Verhandlungen“. Am Ende sei jedoch die Mitbestimmung „umfassend gesichert“ worden. Trotzdem ist nach wie vor eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) geplant, gegen die sich die Arbeitnehmervertreter eigentlich gewehrt hatten. Mit einem Kompromiss und Zugeständnissen konnte das Management aber anscheinend ein abermaliges großes Zerwürfnis mit der Arbeitnehmerbank verhindern. „Die Interessen der Beschäftigten bleiben auch in der neuen Struktur wirksam geschützt“, heißt es in einer Mitteilung der IG Metall vom Dienstag. „Trotz der Einführung einer neuen Konzernstruktur konnten zentrale Mitbestimmungs-, Tarif- und Schutzrechte langfristig abgesichert werden.“
Der Gewerkschaft zufolge würden „alle deutschen Gesellschaften – auch bei künftigen Umstrukturierungen und Zukäufen – einbezogen bleiben“. Die Mitgliedschaft in Arbeitgeberverbänden und damit die Tarifbindung seien verbindlich bis zum Ende des Geschäftsjahres 2032/33 festgeschrieben worden. Die Arbeitnehmerseite erhalte zudem das Vorschlagsrecht für den Arbeitsdirektor. Der Einfluss der neuen Holding-Struktur KGaA werde begrenzt: „Eingriffe erfolgen grundsätzlich über die zentrale Gesellschaft und nicht direkt in die Betriebe“, heißt es weiter in der Mitteilung.
Die Stahlsparte ist nun später dran
Mit der raschen Verselbständigung der Materialhandelssparte wendet der Thyssenkruppkonzern sich von der einst favorisierten Reihenfolge, sich als Erstes von seinem Sorgenkind, der Stahlsparte, trennen zu wollen, ab. Anfang Mai waren Gespräche mit dem bis dahin noch verbliebenen Kaufinteressenten für den Stahlbereich, dem indischen Jindal-Steel-Konzern, auf Eis gelegt worden.
„Die Verselbständigung von Thyssenkrupp Steel Europe bleibt weiterhin das erklärte Ziel“, hatte es damals vom Mutterkonzern geheißen, doch zum genauen Plan B hatte López keine näheren Angaben gemacht. Man konzentriere sich vorerst auf Maßnahmen, um den Stahl zukunftsfest aufzustellen – „und dann werden wir sehen“, sagte er zuletzt.
