
Eine schöne, eine würdige Feier des Jubiläums „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ hätte anders anheben müssen. Erst strichen die Festspiele ihr großzügiges Sonderprogramm mit allen zehn für Bayreuth kanonisierten Musikdramen Richard Wagners und dem zusätzlich geplanten „Rienzi“ rigoros zusammen, weil das Geld nicht reicht. Dann strich die Stadt Bayreuth ihr Begleitprogramm, das die Festspiele vom Grünen Hügel in die ganze Stadt hätte tragen sollen, komplett, weil das Geld nicht reicht. Und schließlich sagten die Festspiele einen zwar geplanten, aber nirgends angekündigten Vortrag des Publizisten Michel Friedman zu Richard Wagners Antisemitismus und dessen politischen Folgen ab, weil angeblich die Polizei die Einhaltung der höchsten Sicherheitsstufe zweimal am Tag – am 26. Juli um 11 Uhr für den Vortrag, um 16 Uhr für die Premiere des „Rienzi“ – nicht gewährleisten könne.
Damit haben die Festspiele ein erhebliches organisatorisches Desaster offengelegt. Nicht einmal Christian Thielemann, teilte er der „Zeit“ mit, will gewusst haben, dass er vor diesem Vortrag das „Siegfried-Idyll“ hätte dirigieren sollen. Die politische Empörung ist groß und hat das Ansehen der Festspiele beschädigt. Bayerns Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle stellte klar, dass es durchaus möglich sei, die Sicherheit einer solchen Veranstaltung zu garantieren. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, bezeichnete das Vorgehen der Bayreuther Festspiele als unprofessionell und würdelos. Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) erklärte: „Ich erwarte von der Festspielleitung, dass sie eine Lösung für die Veranstaltung findet und zeigt: Im Kampf gegen Antisemitismus stehen wir zusammen.“
Friedman selbst schoss in seinem völlig berechtigten Ärger gegenüber den Bayreuther Festspielen ein wenig übers Ziel hinaus, indem er ihnen mangelnde Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Antisemitismus Richard Wagners und weiterer Angehöriger der Familie vorwarf. Darin verkennt er, was durch Ausstellungen, Tagungen, Inszenierungen und das persönliche Engagement Katharina Wagners in den letzten elf Jahren in Bayreuth geleistet wurde. Friedmans Vortrag würde sich einreihen in eine Aufarbeitung der Schandgeschichte Bayreuths, er würde sie aber nicht begründen oder anstoßen.
Berechtigt jedoch ist die Frage, wie ernsthaft es den Festspielen mit der Einladung Friedmans ist. Man musste den Eindruck gewinnen, dass Bayreuth nach Friedmans Zusage die weitere Vorbereitung für nebensächlich hielt. So etwas ist mangelnder Respekt vor der eingeladenen Person. Katharina Wagner tat nun das einzig Richtige, bat Michel Friedman schriftlich und telefonisch um Verzeihung und lud ihn ein, wie geplant zu kommen. Friedman nahm die ausgestreckte Hand an. Schöner, würdiger wäre es gewesen, wenn man es vorab nicht erst so weit hätte kommen lassen.
