Laura Korf war noch nie in Norwegen. Aber in ihrem Kopf gibt es einige „Klischeebilder“ von diesem Land, wie sie sagt. Polarlichter, Rentiere, Mitternachtssonne – darauf freut sie sich besonders. Und ganz allgemein auf das naturnahe Leben.
Die Neunzehnjährige aus Bad Vilbel wird bald ein Jahr in Norwegen verbringen. Nicht irgendwo, sondern im äußersten Norden des Landes. Dort, wo es in nördlicher Richtung kaum noch weitergeht. Alta heißt die kleine Stadt in der Finnmark, danach kommen nur noch Hammerfest und das Nordkap. Das ist so weit nördlich des Polarkreises, dass dort im Winter die Sonne zwei Monate lang nicht mehr aufgeht. Und im Sommer geht sie gar nicht mehr unter.
Korf wird dort ein Jahr in einem Kindergarten mitarbeiten. Sie freut sich auf diese Erfahrung. Sie hat gerade ihr Abitur bestanden. Danach stand für sie fest: Sie will noch nicht sofort studieren, sondern erst einmal ins Ausland gehen. Aber einfach nur zu reisen, kam für sie auch nicht infrage. Sie wollte etwas Sinnvolles tun. In den sozialen Netzwerken stieß Korf auf Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Die Organisation entsendet jedes Jahr etwa 180 Freiwillige für einen einjährigen Dienst in acht Länder Europas sowie nach Israel und in die USA. Korf ist eine von ihnen.
Ein Zeichen der Versöhnung
Aktion Sühnezeichen setzt sich schon seit mehr als 60 Jahren für die Aufarbeitung der deutschen Geschichte ein und damit für Erinnerung und Versöhnung. Die Organisation bietet Freiwilligendienste an, und zwar in jenen Ländern, die unter den Nationalsozialisten besonders gelitten haben. Als ein Zeichen der Versöhnung arbeiten junge Deutsche in unterschiedlichen Projekten beispielsweise in Jerusalem oder New York.

So auch in Norwegen. Dort begann der Einsatz von Aktion Sühnezeichen 1959 mit Bauprojekten. Eine erste Gruppe junger Freiwilliger aus Deutschland baute ein Heimgebäude für Kinder mit Behinderungen. Ein Jahr später folgte der Neubau einer Kirche in Kokelv in der Finnmark. Nach und nach verschob sich der Schwerpunkt von Bautätigkeiten zu sozialen Diensten.
Heute engagieren sich die Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen vor allem für Menschen, die in der NS-Zeit zu den Opfergruppen der Nazis gehörten: Sie arbeiten mit Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen, mit sozial Benachteiligten und in der historisch-politischen Bildungsarbeit. Sie betreuen die Bewohner im jüdischen Altenheim in Oslo, gehörlose Menschen in Andebu, führen durch eine Gedenkstätte in einem ehemaligen SS-Strafgefangenenlager bei Trondheim und durch das Wiederaufbaumuseum in Hammerfest.
Taktik der „verbrannten Erde“
Auch für Korf liegt die treibende Kraft in der Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit. „Es ist superwichtig, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, um zu sehen, wie es zur NS-Zeit kommen konnte“, sagt sie. Die Abiturientin versteht ihren Einsatz nicht als Abtragen einer Kollektivschuld, sondern als Zeichen der Versöhnung, Verantwortung und Völkerverständigung. Sie beschreibt es so: „Man muss etwas tun, damit sich die Geschichte nicht wiederholt, und sich engagieren.“
Korf hilft ein Jahr lang in einem Kindergarten in der Finnmark, einer Region, die im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht besetzt war. Auf ihrem Rückzug wandten die deutschen Soldaten die Taktik der „verbrannten Erde“ an. Sie ließen in der Finnmark kaum einen Stein auf dem anderen, um der vorrückenden Roten Armee nichts zu überlassen.

Die Finnmark wurde im Herbst 1944 systematisch verwüstet. Das Gebiet sollte sowohl für die einheimische Bevölkerung als auch für die einmarschierenden sowjetischen Truppen unbewohnbar werden. Sondereinheiten der Wehrmacht zerstörten ganze Dörfer, Häuser, Bauernhöfe, Brücken, Hafenanlagen und Fabriken. Die Bevölkerung wurde zum überwiegenden Teil vertrieben. Wer der Anordnung nicht folgte, tauchte unter und überwinterte unter entsetzlichen Bedingungen in Höhlen und Erdlöchern.
Auch in Alta hat der Krieg seine Spuren hinterlassen. Die Kleinstadt hat keinen historischen Kern und gleicht einer langgezogenen Siedlung, geprägt von Neubauten aus der Nachkriegszeit. Mit dem pittoresken Skandinavien-Bild vieler Norwegen-Urlauber hat die Stadt wenig gemein.
„Sport war schon immer mein Ding“
Korf wird dort in einem Kindergarten mitarbeiten, der einen Schwerpunkt auf Sport und Outdoor-Aktivitäten hat. Er wird von der Stiftung Betania betrieben, die sich auch um sozial Benachteiligte und psychisch Kranke kümmert. In einem anderen Kindergarten der Stiftung wird eine zweite Freiwillige arbeiten, sodass sich die jungen Frauen gegenseitig unterstützen können. Zur Vorbereitung hat die Bad Vilbelerin ein Praktikum in einem deutschen Kindergarten gemacht: „Es macht voll Spaß. Kinder sind so offen und fragen nach.“
Seit vielen Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in ihrem Sportverein SV Funball Dortelweil. „Sport war schon immer mein Ding“, sagt sie. Sie hat zehn Jahre lang Handball gespielt, heute klettert sie und betreibt die Mannschaftssportart Bouncerball, das an Hockey erinnert. Für den Sportkreis Wetterau hat Korf jahrelang zweimal pro Woche Kinder betreut.

Zum Beispiel beim Kinderturnen: Vier- bis Fünfjährige laufen durch einen Parcours aus unterschiedlichen Stationen, klettern, rutschen und balancieren. Oder sie spielen Bewegungsspiele wie Feuer–Wasser–Blitz, Zombieball, Eismaschine oder „Hexe, was kochst du heute?“. Außerdem hat die junge Frau älteren Kindern das Bouldern gezeigt, also das Klettern in Bodennähe ohne Seil. Durch die ehrenamtliche Tätigkeit sei sie selbstsicherer geworden: „Mit 14 Jahren hätte ich mich gar nicht getraut, vor einer großen Gruppe zu sprechen.“
Freiwillige von Aktion Sühnezeichen müssen sich einen Unterstützerkreis aufbauen, der ihren Aufenthalt mit Spenden ermöglicht. Korf arbeitet unentgeltlich in ihrem Projekt und erhält nur ein Taschengeld. Die Stiftung Betania stellt zudem die Unterkunft. Insgesamt müssen die Freiwilligen 4800 Euro sammeln.
„Am einfachsten kommt diese Summe zusammen, wenn man 20 Menschen findet, die einen ein Jahr lang mit 20 Euro monatlich unterstützen“, sagt Korf. Sie hat vor allem Verwandte und Freunde gefragt. „Ich habe alle angeschrieben. Das Schlimmste ist, ein Nein zu hören.“ Auch bei Politikern und Personen des öffentlichen Lebens hat sie es versucht, aber vor allem Absagen erhalten. Bei Radio FFH konnte sie in einem Interview Aktion Sühnezeichen und ihr Projekt vorstellen. „Drei Hörer haben sich gemeldet.“ Eine von ihnen war ihre ehemalige Mathematiklehrerin, die sie nun mit 20 Euro im Monat unterstützt.
Am 1. September beginnt Korfs Abenteuer. Dann geht es los. Zunächst zum Ausreiseseminar in der Nähe von Berlin, dann nach Oslo zum Ländertreffen und weiter mit dem Flugzeug bis zu ihrem Projekt in Alta. Die Neunzehnjährige ist aufgeregt: „Es wird schon eine Challenge. Vor allem mit der Sprache. Und der Winter wird bestimmt hart.“ Dafür freut sie sich umso mehr auf lange Wanderungen im Sommer: „Ich bin total gerne draußen.“
Auf das Land und die Leute in Nordnorwegen ist sie schon sehr gespannt. Als „Pescetarierin“ – also Vegetarierin, die Fisch isst – hat sie es vermutlich leicht. „Fisch gibt es dort in allen Varianten.“ Sie hofft, dass ihr in diesem Jahr auch klar wird, was sie später beruflich machen will. Im Moment träumt sie von einer Karriere als Sportjournalistin. Noch weiß Korf nicht, ob sie Weihnachten nach Hause kommt. Aber es hat sich auch schon viel Besuch aus der Heimat angekündigt. „Das Zuhause kommt dann zu mir.“
