Die Flughöhe war zunächst nicht ganz niedrig bei den Thementagen „Reflexe & Reflexionen“, die am Wochenende an den Berliner Festspielen stattfanden. „Die große Unordnung“ war der diesjährige Titel und spielte damit auf die tiefgreifenden Veränderungen an, die tagtäglich und unübersehbar an den Grundpfeilern der westlich-liberalen Ordnung nagen. Dass autoritäre Regime mit einem neuen Selbstbewusstsein und immer unverhohlener die „regelbasierte Ordnung“ des Westens missachten. Dass diese Kräfte längst auch in ehemals liberalen Gesellschaften an Gewicht gewinnen. Dass die Debattenkultur immer weiter einen Weg nimmt, die mehr Spaltung und Verengung als produktive Allianzen befördert. Dass nicht zuletzt die Zukunft offener Gesellschaften auf dem Spiel steht. Das alles waren die Prämissen der drei Thementage.
Sosehr Einigkeit in der Diagnose bestand, dass sich die liberale Ordnung tiefgreifenden Herausforderungen ausgesetzt sieht, so waren die Bewertung und die aus der Diagnose folgenden Konsequenzen der eigentliche Debattengegenstand der von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel kuratierten Diskurstage. Bricht die neue, gefährliche Unordnung von außen auf die liberale Ordnung ein, oder hat der westliche Liberalismus sie aus sich selbst heraus mit hervorgebracht? Und ist die liberale Ordnung selbstverständlich als verteidigungswürdig zu betrachten oder hat sie sich in ihren eigenen Aporien verstrickt? Es waren zunächst diese normativen – und wohl geübt dekonstruktiven – Leitfragen, die im Vordergrund des Eröffnungspanels standen, an dem der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze und die sudanesisch-britische Journalistin Nesrine Malik über die Ambivalenzen des westlichen Erbes und die Möglichkeit seiner Zukunft diskutierten.

Malik und Tooze waren sich im Großen einig darin, dass die westliche Moderne unübersehbare Widersprüche hervorgebracht habe, die heute die Legitimation ihres Projekts unterminierten. Einerseits habe sie unbezweifelbare Errungenschaften hervorgebracht, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch moralischer Art: wachsender Wohlstand und Modernisierung, soziale Freiheiten und Demokratisierung. Zudem, nach 1945, eine beispiellose Phase von Frieden und Versöhnung.
Doch, so Tooze und Malik übereinstimmend, sei der Widerspruch zwischen dem universalistischen Anspruch westlicher Werte und der Realität, diesen Liberalismus als selektive Angelegenheit zu praktizieren, offensichtlich. Nicht nur die Realität des Imperialismus, die zur Wahrheit der westlichen Entwicklung gehöre, auch die Verstrickung von Globalisierung und Ausweitung westlicher Ansprüche seien auf lange Sicht als doppeltes Spiel entlarvt worden.
Was in der Debattenkultur verloren gegangen ist
Doch während man den großen historischen Dekonstruktionen westlicher Versprechen und Hegemonie, die am Eröffnungsabend geleistet wurden, zwar im Großen folgen konnte, fragte man sich doch, wie hoch ihr Analysewert im Angesicht gegenwärtiger politischer und kultureller Dynamiken wirklich ist. Glücklicherweise gab es in den Folgetagen zwei Panels, die sich nicht allein der Dekonstruktion hingaben, sondern die Notwendigkeit herausstellten, entgegen der um sich greifenden Partikularismen eine positive Vision des liberalen Zusammenlebens zu formulieren.
Auf einem Panel wurde die in den letzten Jahren so wirkmächtig gewordene postkoloniale Theorieschule exemplarisch in den Blick genommen, um Verwandtschaften und Kreuzungen zwischen linker und rechter Identitätspolitik zu veranschaulichen, die die diskursiven Sackgassen der Gegenwart so vehement bestimmten. Der israelische Wissenschaftshistoriker und Traumaforscher José Brunner argumentierte zwar, die Ausbildung „postkolonialer Sensibilität“ sei von Bedeutung gewesen, um den in der Geschichte zum Schweigen Gebrachten zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch stimmte er ebenso mit seinen Panelteilnehmern überein, dass es einen Kipppunkt in der Bewegung gegeben habe, der es nicht mehr erlaube, eine positive Erzählung von pluralen Gesellschaften zu vertreten.

Die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda bekräftigte diese Aporie postkolonialer Identitätspolitik. Sie berichtete, wie die hindunationalistische und autoritäre Modi-Regierung Argumente linker postkolonialer Theorie benutzten, um ihre Politik zu rechtfertigen: „Decolonize Education“ sei ein wichtiger Slogan gewesen, um ihre antimoderne und nativistische Politik durchzusetzen. Der Journalist Ijoma Mangold ergänzte, dass sich der identitätspolitische Diskurs in den letzten Jahren auch im Westen so stark durchgesetzt habe, dass ein Begriff für die Werte jenseits von Identität nun bitter fehlte.
Auf dem Panel zu den Debatten um Kunst- und Meinungsfreiheit schließlich wurde das Plädoyer für eine mutige und positive Vision für den Bereich der Kunst ergänzt. Was in der Debattenkultur verloren gegangen sei, so der Rechtsphilosoph Christoph Möllers, sei die Fähigkeit zwischen der rechtlichen Ebene einer weitgefassten Kunstfreiheit und der politisch-diskursiven Ebene der Debatte um Kunst zu unterscheiden. Weder falsch verstandene Neutralitätsgebote, wie die AfD sie aktuell fordert, noch eine pseudopolitisierte Kunst, wie viele Linke sie wollen, seien die Devise der Gegenwart.
Die Aufgabe der Kunst wie auch einer liberalen Kulturpolitik, so der Kulturpolitiker Rüdiger Kruse, sei eben nicht, vorauseilend klein beizugeben. Sie müsse vielmehr wieder den Mut fassen, Widersprüchliches, bisweilen auch Transgressives, zu zeigen und auszuhalten – und gerade so für das plurale, für das bessere Leben einzustehen. Vor diesem ungebändigten, utopischen Potential der Kunst hätte eine Partei wie die AfD am meisten Angst.
