
Angesichts des rasanten Fortschritts der Künstlichen Intelligenz wächst der Druck auf Europa, seine Finanzierungsmöglichkeiten für Zukunftstechniken zu verbessern. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat am Montag in Wien einen raschen Ausbau der europäischen Kapitalmarktunion gefordert. Mangelnde Finanzierung gefährde die technische Souveränität Europas im Bereich der Künstlichen Intelligenz, sagte Lagarde anlässlich der Veranstaltung „Hofburg im Dialog“. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen betonte vor Vertretern der Wirtschaft, angesichts knapper öffentlicher Haushalte seien private Investitionen entscheidend.
Den zusätzlichen Investitionsbedarf, um Europas Rückstand bei Rechenzentren und Halbleitern in den kommenden zehn Jahren aufzuholen, bezifferte Lagarde auf bis zu 600 Milliarden Euro. Ohne eigene Kapazitäten drohe Europa in eine gefährliche Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern zu geraten. Dies gelte besonders für KI-Anwendungen, die künftig zentrale Bereiche der Wirtschaft steuern könnten.
Beschleuniger von Produktivität
Ein zügiger Einsatz von Künstlicher Intelligenz könne das Produktivitätswachstum im Euroraum über ein Jahrzehnt hinweg um bis zu vier Prozentpunkte erhöhen, sagte Lagarde. Dies sei auch notwendig, um den zunehmenden Arbeitskräftemangel abzufedern. Van der Bellen rief die anwesenden Unternehmenschefs dazu auf, selbst stärker zu investieren, Personal einzustellen und Innovationen voranzutreiben. „Wir brauchen einen echten europäischen Kapitalmarkt, eine echte Kapitalmarktunion“, sagte der Bundespräsident.
Beide hoben hervor, dass der Mangel an Risikokapital in Europa junge Technologieunternehmen seit Jahrzehnten in die Vereinigten Staaten treibe. Nur ein integrierter europäischer Kapitalmarkt könne die privaten Ersparnisse in größerem Umfang für die Finanzierung von Wachstum und technologischer Unabhängigkeit nutzbar machen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unterstrich auch der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, Martin Kocher, die Dringlichkeit, privates Kapital gezielter in europäische Zukunftsprojekte zu lenken. Risikokapital allein reiche nicht aus. Europa brauche verlässliche Rahmenbedingungen, eine gesicherte Energieversorgung und eine Entlastung der Betriebe. Regulierung müsse künftig stärker darauf ausgerichtet werden, Innovationen zu ermöglichen, statt sie zu behindern.
Lagarde warnte besonders eindringlich davor, KI-Technologien lediglich aus den Vereinigten Staaten oder China zu importieren. Wenn KI künftig Kernbereiche wie Logistik, Steuerprüfungen oder das Bankwesen steuere, könne ein Entzug des Zugangs weite Teile der Wirtschaft gleichzeitig treffen. „Das ist ein Druckmittel einer Art, wie es noch kein Handelspartner jemals gegenüber Europa in den Händen hatte“, sagte die EZB-Präsidentin.
