Die Isolationszellen sind karge kleine Räume mit undurchsichtigen Fensterscheiben, darin nur eine Matratze und ein Klo. Hier kämen die Jugendlichen hinein, die sich oder andere verletzen, sagt Gabriel Wessman. „Ich hoffe, wir brauchen die Räume selten.“ Wessman leitet das Gefängnis von Rosersberg, etwas nördlich von Stockholm gelegen. Eigentlich ist es ein Gefängnis für Erwachsene. Bald sollen hier aber auch Jugendliche untergebracht werden, bis runter zum Alter von 14 Jahren.
Im ersten Stockwerk sind die Zellen für die Jugendlichen. Darin ein Tisch, ein Bett und ein Fernseher hinter einer Plexiglasscheibe. Der Blick durchs Fenster geht auf die Felder und Wälder. Hier werden die Jugendlichen nur nachts eingeschlossen. Tagsüber können sie sich hinten am Flur in der Spielecke treffen oder sind im Hof und in der „Schule“. Das ist ein Raum mit ein paar Computern – ein paar sehr dicke Stahltüren weiter innen im Gebäude. Das mit der Schulpflicht werde wohl nicht leicht, sagt Wessman. Viele hätten vermutlich seit Jahren keine Schule mehr besucht.
Der Regierungschef spricht von „gescheiterter Integration“
Die Arbeit mit den Jugendlichen wird für die Wärter aufwendig. Viele hätten andere durch ihre Taten traumatisiert, seien aber vielleicht auch selbst zum Opfer von Verbrechen geworden und traumatisiert, sagt Wessman. Daher gelte es künftig, mit ihnen kontinuierlich zu kommunizieren, sie unter Kontrolle zu haben. „Wir sind ihre gesetzlichen Vormunde.“

Schweden wurde jahrelang durchgeschüttelt von Morden, Schießereien und Explosionen in den Vororten der Großstädte. Ministerpräsident Ulf Kristersson führt das auf eine „verantwortungslose Einwanderungspolitik und eine gescheiterte Integration“ zurück. Seine Regierung hat deswegen drastische Verschärfungen durchgesetzt.
Zuletzt sank die Zahl der Schießereien und Morde deutlich. Doch ist sie im Vergleich zu den anderen nordischen Staaten weiterhin hoch. Zudem ist die Zahl der Gangmitglieder im Land stark angestiegen. Geradezu explodiert ist die Zahl der Jugendlichen unter 15 Jahren, die Verbrechen für Gangs begangen haben sollen, bis hin zum Mord. Auch Mädchen verüben zunehmend schwere Straftaten im Auftrag der Gangs.
Die rechtskonservative Regierung reagierte darauf, in dem sie das Alter der Strafmündigkeit absenkte. Ursprünglich war der Plan, schon Dreizehnjährige ins Gefängnis zu stecken. Doch nach einem Aufschrei von Fachleuten einigte man sich auf 14 Jahre. Die können nun wegen schwerer Straftaten wie Mord, Vergewaltigung oder schwerer Drogendelikte ins Gefängnis kommen. Das ist in Deutschland auch so, doch geschieht das nur sehr selten, die Resozialisierung steht im Vordergrund. In Schweden nicht. Am Donnerstag, just vier Tage vor der Parlamentswahl am Sonntag, trat die Maßnahme in Kraft.
Schwedendemokraten geben auch ohne Minister Takt vor
Schweden wird seit 2022 von einer Minderheitsregierung aus Moderaten, Christdemokraten und Liberalen geführt. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten stützen die Regierung, aber nun wollen sie mehr. Für die nächste Legislaturperiode hat Ministerpräsident Kristersson mit einem langjährigen schwedischen Tabu gebrochen und ihnen versprochen, sie in Ministerämter zu bringen – wenn sie ihn wieder zum Regierungschef machen. Doch die Umfragen sehen wenige Tage vor der Wahl den linken Parteienblock um die Sozialdemokraten leicht vorn.
Die Schwedendemokraten haben in den vergangene Jahren den Ton in der Migrations- und Kriminalitätspolitik vorgegeben. Tenor ihres Vorsitzenden Jimmie Åkesson: „Der Multikulturalismus und die Masseneinwanderung haben unser Land gespalten und zerstört“, die Kriminalität im Land sei in großen Teilen „importiert“.

Im Einwanderungsbereich hat die Regierung drastische Maßnahmen umgesetzt. Die Hürden für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und eine schwedische Staatsbürgerschaft wurden stark erhöht, neue Aufenthaltsgenehmigungen an ein vergleichbar hohes Gehalt gebunden, Ausweisungen verschärft, Familiennachzüge eingeschränkt. In der Folge kamen zuletzt kaum noch Asylbewerber, auch die Zahl der Einwanderer insgesamt nahm deutlich ab.
Verschärfungen gab es auch mit Blick auf die Bandenkriminalität. So gibt es nun doppelte Strafen, wenn Verbindungen zu kriminellen Netzwerken bestehen. Die frühzeitige Entlassung aus dem Gefängnis wurde erschwert, die Untersuchungshaft erleichtert, der Strafrahmen für zahlreiche Delikte wie Sprengstoffanschläge erhöht sowie die Strafmündigkeit herabgesetzt.
Sank die Zahl der Schießereien wegen der Verschärfungen?
Die Regierung habe viel getan, etwa die Ermittlungsbehörden deutlich besser ausgestattet und den Informationsaustausch erleichtert, das helfe beim Kampf gegen das Verbrechen, sagt David Sausdal. Aber wissenschaftlich gebe es so gut wie keinen Effekt von härteren Strafen auf die Kriminalität. Sausdal ist Kriminologe, er lehrt an der Universität Lund und hat intensiv zur Bandenkriminalität in Schweden geforscht. Er ist skeptisch, dass es etwas bringt, künftig Vierzehnjährige einzusperren. Forschungen zeigten, dass die Jugendlichen dadurch oft nur krimineller würden.

Die Gründe für die hohe Kriminalität in Schweden seien vielschichtig, sagt Sausdal. Dazu zählten auch der Abbau des Wohlfahrtsstaats in den vergangenen Jahrzehnten. Armut führe zwar nicht automatisch zu mehr Verbrechen. Aber wenn die Umstände instabil seien, steige die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu werden. Auch das Thema Migration oder vielmehr der fehlenden Integration sei wichtig, schließlich würden viele Menschen der zweiten oder gar dritten Generation kriminell.
Der Rückgang der Schießereien hat seiner Einschätzung nach eher mit einem Abflauen der Rivalität zwischen Banden zu tun als mit den Strafrechtsreformen. „Gangs sind ziemlich unkontrollierbar“, sagt er. „Die kümmern sich wenig darum, ob sie nun zehn oder 20 Jahre ins Gefängnis müssen.“ Jugendliche würden Teil von Gangs aufgrund der Lebensumstände oder aufgrund der Subkultur. Dass die Politik irgendetwas beschließe, halte sie kaum davon ab.
Die Gangs seien sehr gut darin, sich anzupassen, sagt Anen Makboul. Mittlerweile heuerten sie oft Kinder an, der Fokus seien jetzt Mädchen. Makboul trägt die Haare zum Zopf geflochten, die Arme hat er tätowiert. Er ist Sozialarbeiter in Jordbro, einem berüchtigten Vorort im Süden Stockholms, den die Regierung als „gefährdetes Gebiet“ einstuft, weil dort etwa Kriminalität und Arbeitslosigkeit hoch sind.
„Ich kann jemanden erschießen“, bieten Jugendliche an
Auch in Jordbro gab es Schießereien und Morde. Aber auch dort wurden es weniger. Die Drogen und das viele Geld seien aber noch da, sagt Makboul. Viele Gangaktivitäten hätten sich verlagert, seien ins Ausland abgewandert. Er verweist auf Berichte über schwedische Jugendliche, die im Ausland mutmaßlich für schwedische Gangs Verbrechen begehen, etwa in Dänemark, Finnland, Norwegen, aber auch Spanien.
Die Jugendlichen würden über soziale Netzwerke oder in Chatgruppen von Computerspielen angefragt, sagt Makboul. Für 15.000 Kronen (rund 135 Euro) eine Handgranate werfen, kein Problem. Früher habe der Preis mindestens das Zehnfache betragen. Die Gangs müssten die Kinder und Jugendlichen gar nicht aufwendig rekrutieren, denn die stünden Schlange. „Verbrechen als Dienstleitung“, nennt das Makboul.

Hast du Arbeit? Ich kann jemand erschießen oder Drogen von A nach B bringen, heiße es von Jugendlichen in sozialen Netzwerken, berichten auch die beiden Sozialarbeiter Tim Esplana und Magdalena El-Sayed. Sie arbeiten im Stadtbezirk Järva im Nordwesten Stockholms. Zu dem gehören die Stadtteile Rinkeby, Husby und Tensta, allesamt „besonders gefährdete Gebiete“, die im Land einschlägig für Bandengewalt bekannt sind. Auch hier ist die Zahl der Schießereien zwar zurückgegangen, doch auch hier werden die Gangmitglieder immer jünger.
Die Sozialarbeiter verbringen einen Teil ihrer Arbeitszeit bei der Polizei, den anderen bei der Sozialbehörde. Der Perspektivwechsel helfe, sagen sie. Und die Zusammenarbeit mit der Polizei habe sich enorm verbessert, was vielleicht ein Teil der Erklärung für den Rückgang der Schießereien sei.
Banden setzen Elfjährige als Drogenkuriere ein
Zusammen mit der Polizei prüfen sie, welche Jugendlichen das höchste Risiko haben, in die Netzwerkkriminalität zu geraten. Es geht dann etwa um jene, die oft mit Gangmitgliedern gesehen werden. Früher waren Sechzehn- bis Siebzehnjährige betroffen, mittlerweile aber auch schon Elfjährige. Die werden von den Banden etwa als Drogenkuriere genutzt, oder, um Drogen zu parken, sagt Esplana. Wenn etwas auffällt, geht ein Sozialarbeiter hin, spricht erst einmal mit den Eltern. Aber es gibt auch Sanktionsmöglichkeiten, von der Unterbringung der Kinder in anderen Familien bis hin zu Jugendheimen. Ziel sei es, die „Negativspirale“ zu stoppen, sagt Esplana.
Das Problem: Die Kinder aus dem Verbrechen herauszuholen, ist extrem schwierig. Oft werden die Jugendlichen von Vertrauenspersonen in die Gangs gelockt, dem großen Bruder, einem Freund. Bei den Gangs fühlten sich die Jugendlichen sicher und etwas wert, als Teil einer Familie, sagt El-Sayed. „Und am Anfang profitieren die Jugendlichen sehr.“ Niemand halte ihnen eine Waffe an den Kopf, um sie in eine Gang zu holen. Später aber müssten sie oft Schulden zurückzahlen, würden bedroht, ebenso ihre Familie.
„Du brauchst sehr viel Anstrengungen und Willen, um da selbst rauszukommen“, sagt El-Sayed. Oft sei ein Wegzug die einzige Möglichkeit. „Wir tun alles, was wir können, aber die Kraft, Teil dieser Community zu sein, ist sehr groß.“
90 Prozent der Jugendlichen werden wieder straffällig
Die Sozialarbeiter sind skeptisch, was die Absenkung der Strafbarkeit für Jugendliche angeht. Im Gefängnis besserten sich die Jugendlichen nicht, im Gegenteil, sagt Esplana. Zudem sei es nach einer Gefängnisstrafe extrem schwierig, etwa einen Job oder einen Platz an der Schule zu bekommen.
Eigentlich müsste man bei den Betroffenen sehr viel früher anfangen, noch im Kindergarten, sagt Esplana. Oft sei sehr früh zu erkennen, welche Kinder später als Jugendliche in problematische Situationen gerieten.
Auch der Gefängnisdirektor Wessman sagt, es sei eigentlich ein Versagen der Gesellschaft, dass die Jugendlichen ins Gefängnis kommen und nicht früher auf den richtigen Weg gebracht wurden, etwa in der Schule. Im Gefängnis würden die Jugendlichen eng betreut, hätten kleine Klassen und viele Lehrer. „Wenn wir das früher in ihrem Leben gemacht hätten, wären sie vielleicht nicht hier.“
Er hofft, den Jugendlichen helfen zu können. Aber sehr zuversichtlich ist er nicht. Rund 30 Prozent der erwachsenen Insassen würden wieder straffällig nach dem Gefängnis, sagt er, bei Jugendlichen betrage die Zahl rund 90 Prozent. Draußen seien sie nach der Haft oft isoliert und damit für die Gangs leichte Beute.
