Während am Bildschirm die Scheinwerfer auf den Eurovision Song Contest in Wien gerichtet sind, kämpft der ORF hinter den Kulissen mit einer Vertrauens- und Führungskrise, deren Konturen immer schärfer zutage treten. Seit dem plötzlichen Abgang des Generaldirektors Roland Weißmann im März hat sich eine Kette von Konflikten geöffnet, die von Machtmissbrauchsvorwürfen über Compliance-Verfahren bis zu Grundsatzfragen der Governance reicht. Darauf reagiert nun die Politik, deren Verbindung zum öffentlich rechtlichen Sender Österreichs schon immer ein Zankapfel war.
Medienminister Andreas Babler, zugleich Vizekanzler und Vorsitzender der SPÖ, will nun einen Reformprozess für den größten Medienkonzern Österreichs vorziehen. Im September ist das „Zukunftsforum – Ein Konvent für den ORF“ geplant, mit österreichischen und internationalen Experten. Im Zentrum steht eine Gremienreform, die Verhinderung von Machtmissbrauch, Effizienzsteigerung und eine Anpassung der digitalen Möglichkeiten. Zudem kündigt das Ministerium Maßnahmen bei Spitzengehältern und Nebenbeschäftigungen an. Babler formuliert es gegenüber der Wiener Tageszeitung „Standard“ martialisch: Man müsse die „aus dem Lot geratenen Gagenexplosionen“ einhegen. Der ORF solle „schlanker, digitaler, transparenter, bürgernäher, regionaler und nachhaltiger“ werden.
Den Ausgangspunkt der jüngsten Eskalation bildet der Fall Weißmann – zugleich Symptom eines tieferen Problems. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt nun, ob die Mitarbeiterin, die ihm Fehlverhalten vorwirft, ihn erpresst hat und ob Tonaufnahmen missbräuchlich verwendet wurden. Demnach soll die Frau über Jahre Gespräche mit Weißmann ohne sein Wissen aufgezeichnet und im März Dritten vorgespielt haben. Auch steht der Vorwurf im Raum, es sei gedroht worden, belastendes Material zu veröffentlichen, sollte Weißmann nicht zurücktreten und Schadenersatz leisten. Juristisch gilt – wie in all diesen Fällen – die Unschuldsvermutung; die Ermittlungen laufen.
Reihenweise Baustellen
Im Sender selbst setzte eine Compliance-Untersuchung an. Ihr Ergebnis: keine sexuelle Belästigung im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes. Dennoch wurde Weißmann gekündigt – mit der Begründung, es bestehe der Anschein unangemessenen Verhaltens. Die neue ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher zeigte sich von bekannt gewordenen Chatprotokollen schockiert und urteilte im April, Weißmanns Verhalten sei falsch und für eine Führungskraft inakzeptabel gewesen. Diese Unterscheidung – zwischen strafrechtlicher Relevanz und organisationsethischer Erwartung – ist zentral. Sie markiert eine Linie, an der viele Häuser ringen: Was darf, was muss eine Unternehmenskultur sanktionieren, bevor Juristen urteilen? Und wie schützt man dabei Persönlichkeitsrechte und die Integrität von Verfahren?

Der Stiftungsrat als oberstes Aufsichtsgremium ist nun am Zug. In einer Sitzung wurde beschlossen, Einsicht in den Compliance-Bericht zu Weißmann zu nehmen – und zugleich in ältere Untersuchungen, die öffentlich Aufsehen erregten. Prominent darunter: der Fall des ORF III-Programmgeschäftsführers Peter Schöber. Ihm waren verbale Entgleisungen und Mobbing vorgeworfen worden. Nach einer internen Untersuchung sprach der ORF von teilweise problematischem Führungsverhalten und schnitt seine Befugnisse zurück. Nun aber versucht Schöber, die Einsicht des Stiftungsrats in den Bericht gerichtlich zu verhindern – mit Klage und Antrag auf einstweilige Verfügung.
Kaum weniger heikel ist der Fall Robert Ziegler, der als ORF-Landesdirektor in Niederösterreich wegen vermuteter Nähe zur ÖVP und umstrittener Führungspraktiken zurückgetreten war und inzwischen eine Funktion in der Zentrale hat. Im Landesstudio Niederösterreich wächst der Unmut. Nach einem Bericht des Branchenmagazins „Horizont“ wandten sich mehrere Redakteure an Thurnher. Dutzenden Auskunftspersonen sei einst absolute Anonymität zugesichert worden. Es ist die Achillessehne jeder internen Aufklärung: Ohne verlässlichen Schutz der Whistleblower trocknen die Quellen aus. Der ORF betont gegenüber der Austria Presseagentur, die Vertraulichkeit habe oberste Priorität; Einsicht nur nach rechtlicher Prüfung, anonymisiert, gegebenenfalls geschwärzt, in einem gesicherten Raum, beaufsichtigt und dokumentiert.
Streit über Sonderpension
Mehrere Stiftungsräte haben bereits Akteneinsicht genommen. Der von der FPÖ entsandte Peter Westenthaler sprach danach gegenüber „oe24“ von „Gefahr in Verzug“ und forderte rasches Handeln. Stiftungsrat Leonhard Dobusch, von der Publikumsseite in das Gremium entsandt, empfahl Thurnher im Zusammenhang mit einer früheren Pensionszusage für einen Manager eine Sachverhaltsdarstellung wegen mutmaßlicher Untreue und Bilanzfälschung einzubringen. Dobusch wiederholte diese Forderung öffentlich, unter anderem auf Bluesky. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang: Ein Stiftungsrat setzt die Geschäftsführung unter Druck, Strafermittlungen anzustoßen, während die Betroffenen und ihre Unterstützer die Vorwürfe als falsch zurückweisen.
Der Name Pius Strobl steht für den wohl am besten bezahlten Manager des Hauses – und für eine juristische Gemengelage. Der frühere Generaldirektor Alexander Wrabetz hatte Strobl eine Sonderpension zugesagt. Unter Weißmann, und nun auch unter Thurnher, verweigert der ORF die Auszahlung mit Verweis auf zwei Rechtsgutachten. Strobl kündigte an, die Pension nach seinem Ausscheiden einzuklagen.
In Wrabetz’ Umfeld heißt es, der einstige Generaldirektor weise die Vorwürfe entschieden zurück. Er habe seinen Nachfolger Weißmann und Finanzdirektorin Eva Schindlauer Ende 2021 explizit auf die Pensionszusagen hingewiesen. Entsprechende Rückstellungen seien in der Bilanz 2021 erfasst worden. Der Stiftungsrat habe Wrabetz entlastet.
Journalisten protestieren gegen den Sender
Inmitten dieser Gemengelage soll eine Frau nun reinen Tisch machen: Ingrid Thurnher, bis Jahresende als Generaldirektorin bestellt, will Transparenz herstellen, ohne öffentliche Tribunale zu veranstalten. Informiert werde erst, wenn belastbare Ergebnisse vorliegen. Parallel dazu hat sie einen Transparenzbeirat eingerichtet. Dessen Vorsitzende, die Rechtsanwältin Bettina Knötzl, die auch Präsidentin des österreichischen Ablegers der Nichtregierungsorganisaiton Transparency International ist, kündigt an, auch ältere Fälle zu prüfen und daraus systemische Empfehlungen abzuleiten. Eine zusätzliche externe Meldestelle ist bereits eingerichtet. Thurnher weiß, dass Aufklärung nicht allen gefallen wird: Da müsse man jetzt einfach mal durch.
Während Aufsichtsgremien und Führungsetagen streiten, hat die Redaktion ein eigenes Signal gesetzt. Hunderte Journalisten protestieren unter dem Hashtag #nichtmituns auf Social Media und einer eigens eingerichteten Webseite. Es ist eine privat organisierte Aktion, nicht eine des Senders. Die Kernbotschaft: „Wir wollen unsere Arbeit machen und nicht mit Skandalen und Missständen in Verbindung gebracht werden, für die wir nichts können.“ Für ein Haus, das sich als zentrale Informationsinstanz versteht, ist das mehr als Symbolik. Es ist der Versuch, die Trennlinie zwischen redaktioneller Arbeit und Managementfehlern sichtbar zu machen – eine Trennlinie, die in öffentlichen Debatten oft verwischt.
Der Eurovision Song Contest steht für das Schaufenster eines öffentlich-rechtlichen Senders und findet zum dritten Mal in Wien statt: Spektakel, Reichweite, Gemeinschaftsgefühl. Die interne ORF-Krise steht für das Backoffice: Prozesse, Protokolle, Checks and Balances. Öffentlich-Rechtliche bestehen nur, wenn beides zusammenpasst.
