Eine Frau hält sich an der Haltestange der New Yorker Subway fest, ihr Blick geht genervt-resigniert in die Ferne. Hinter ihr auf den Sitzbänken hält sich eine andere Passagierin die Nase zu. Das ist eine Alltagsszene aus den Vierzigerjahren, als es noch keine Klimaanlage für die dicht gedrängten „straphangers“ gab.
Gemacht hat dieses Foto Stanley Kubrick, als Teenager, also lange bevor er der weltberühmte Filmregisseur Stanley Kubrick wurde. Von seinen fünf Jahren als Fotograf für das „Look“-Magazin, das ihn 1945 als Siebzehnjährigen einstellte, lagern allein im Museum of the City of New York mehr als zwölftausend Negative und Abzüge. Und doch sind nun noch einmal ganz neue Bilder aufgetaucht, die Kubrick in seinem Anfangsjahr als professioneller Fotograf in der Subway gemacht hatte – unter ihnen auch die mutmaßliche Luftverpestungsszene aus dem Untergrund.
Achtzehn bisher unbekannte Fotos entdeckte Daniel Miller von der Duncan Miller Gallery in Los Angeles durch Zufall, als Teil eines größeren Ankaufs. Bei der Photography Show in der New Yorker Park Avenue Armory waren nun einige davon zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Alle achtzehn Fotos waren da bereits an einen privaten Sammler verkauft worden, der Preis für die Serie lag zwischen 125.000 und 150.000 Dollar.

Frühe Leidenschaft Fotografie
Als der junge Kubrick die Fotos machte, träumte er laut zeitgenössischen Artikeln über ihn bereits davon, Filme zu drehen. Doch die erste Leidenschaft des introvertierten Teenagers aus der Bronx war die Fotografie gewesen, für die er sich mehr interessierte als für die Schule. Mit dreizehn Jahren hatte ihm sein Vater eine Graflex-Kamera geschenkt, und auch andere erkannten früh sein Talent: Erst heuerte Kubricks High School ihn für offizielle Fototermine an, dann wurde er mit seinen siebzehn Jahren der jüngste Fotograf beim „Look“-Magazin.
Von 1945 bis 1950 fertigte er Fotos für mehr als 135 Artikel in der Zeitschrift an. Darunter waren Geschichten über Boxer, Showgirls, jugendliche Schuhputzer und ebenjene Serie aus der New Yorker U-Bahn, aus der auch die bisher unentdeckten achtzehn Fotografien stammen. Um diese Aufnahmen zu machen, benutzte Kubrick die Subway vor allem zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Seine Kamera trug er dabei stets auf Brust- oder Bauchhöhe, damit er diskret viele Male auf den Auslöser drücken konnte, ohne dass die anderen Fahrgäste merkten, dass sie fotografiert wurden. Die Bilder aus der U-Bahn verraten bereits jenes Auge für Details, Beziehungen und Abgründe, mit dem Kubrick später als Regisseur von Filmen wie „2001: A Space Odyssey“, „Full Metal Jacket“ oder „Eyes Wide Shut“ berühmt wurde.

Pendler und Gestrandete
Manche dieser Fotos erzählen ihre eigenen Geschichten – oder verbergen ihr Geheimnis. Da scheint eine Frau mit einem eleganten Hut distanzierten Blickes das Treiben im Wagen zu beobachten. Ein erschöpft aussehendes Paar hält seine schlafenden Kleinkinder auf den Schößen, der Mann blickt mit eingefallenen Wangen vor sich hin. Ein Mann schläft, den Kopf in die Hand gestützt, hinter ihm liegt ein leblos aussehender anderer Mann auf der Bank. Eine junge Frau wird von zwei Männern verdeckt, der eine fasst sie am Arm – sind das aufgeregt redende Freunde, oder wird die Frau bedrängt?
Kubrick zeigte in solchen Aufnahmen das tägliche Drama der Metropole New York ungestellt und ordnete sich so in eine Tradition von Fotografen wie Walker Evans oder Weegee (Arthur Fellig) ein. Und die Zeit bei „Look“ prägte seine Karriere auch durch persönliche Begegnungen: Weegee etwa wurde später Special-Effects-Berater und Still-Fotograf bei Kubricks Film „Dr. Strangelove“.
Die achtzehn bisher unbekannten Fotos aus der U-Bahn (wie die ganze Serie, aus der sie stammen) sind schon für sich genommen meisterhaft, zeigen aber auch einen Punkt in der autodidaktischen Entwicklung Kubricks zum Filmregisseur. Aufs College ging er nie, die Zeit bei „Look“ wurde seine Lehre. „Als ich einundzwanzig wurde, hatte ich vier Jahre Zeit gehabt, zu sehen, wie die Welt funktioniert“, zitierte das Museum of the City of New York im Jahr 2018 den bereits 1999 gestorbenen Kubrick: „Ich glaube, wenn ich aufs College gegangen wäre, dann wäre ich niemals Regisseur geworden.“
