
Fast zwei Drittel der deutschen Unternehmen betrachten Krieg im Bereich politischer Gewalt als das größte Risiko. Das geht aus einer aktuellen Studie der auf Firmenkunden spezialisierten Allianz Commercial zum Thema politische Gewalt hervor. Terrorismus oder Sabotage landen mit jeweils 54 Prozent auf dem zweiten Rang. Dahinter folgt die Sorge vor umfassenden Desinformationskampagnen mit 46 Prozent. Die Allianz-Experten befragten dazu die Risikomanager von 56 deutschen Unternehmen.
In dem im Januar veröffentlichten Allianz Risk Barometer waren politische Risiken und Gewalt als größte Gefahren für Unternehmen vom neunten auf den siebten Platz vorgerückt. In der nun dazu vertieften Umfrage bewertet mehr als die Hälfte der 500 befragten Unternehmen aus 50 Ländern Krieg als das am meisten gefürchtete Risiko im Bereich politischer Gewalt. Konflikte in Europa und im Nahen Osten störten den globalen Handelsfluss, belasteten politische Allianzen und erhöhten die Risiken für Unternehmen weltweit.
Betriebsunterbrechung ist die größte Gefahr
Rund 60 Prozent der Befragten aus Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum sehen Krieg als das größte Risiko an. Zivile Unruhen liegen weltweit auf Platz zwei (49 Prozent), Terrorismus/Sabotage auf Platz drei (46 Prozent). Als eines der gravierendsten Risiken politischer Gewalt betrachten die Allianz-Fachleute die Betriebsunterbrechung, die zu erheblichen wirtschaftlichen und versicherten Verlusten führen kann. Über 70 Prozent der Unternehmen stufen Betriebsunterbrechungen oder Störungen der Lieferkette als gefährlichste Auswirkung auf ihr Geschäftsmodell ein.
Anpassungsfähigkeit und der Aufbau von Resilienz seien daher für Unternehmen jeder Größe von entscheidender Bedeutung. „Kriege, die Gefahr künftiger Konflikte und andere politische Gewalt dürften die geopolitische und wirtschaftliche Stabilität 2026 und darüber hinaus untergraben“, erklärte Allianz-Commercial-Chef Thomas Lillelund. Viele Unternehmen hätten weiterhin Probleme, derartige Risiken in ihren physischen und digitalen Lieferketten zu identifizieren. Dabei sei gerade diese Fähigkeit von entscheidender Bedeutung.
Risikomanager müssten bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Resilienzstrategien vorausschauend handeln und diese ständig weiterentwickeln. „Nur so können sie mit neuen Bedrohungen, jetzt und in Zukunft, Schritt halten“, sagte Lillelund. Der Konflikt zwischen den USA und Iran dürfte nach Einschätzung der Allianz-Experten künftig erhebliche Auswirkungen auf Risikominderungsstrategien haben. Laut dem Allianz Risk Barometer prüften schon vor dem Krieg etwas mehr als ein Drittel (35 Prozent) der Unternehmen die Verlagerung von Unternehmensprozessen, der IT-Entwicklung oder der Produktion in geographisch nahe gelegene Länder, also das sogenannte Nearshoring, und bewerteten inländische Produktionsoptionen.
Lieferketten auf dem Prüfstand
32 Prozent wollten ihr Bestandsmanagement verbessern, etwa durch Lagerung in Freihandelszonen, und fast die Hälfte (49 Prozent) beschäftigte sich mit der Neuverhandlung und Diversifizierung ihrer Lieferketten, um auf geopolitische Veränderungen zu reagieren. Diese Entwicklungen dürften durch den Konflikt weiter beschleunigt werden. „In einer Phase erhöhter Unsicherheit war es noch nie so wichtig, die Auswirkungen dieser Risiken zu verstehen und sie in unseren vernetzten Geschäftsökosystemen zu begrenzen“, sagte Srdjan Todorovic, Fachmann für politische Gewalt bei Allianz Commercial. Versicherungen spielen seinen Worten zufolge dabei eine zentrale Rolle.
Allianz Commercial sehe ein deutlich gesteigertes Interesse und mehr Käufer als je zuvor in diesem Marktsegment. Das stelle einen deutlichen Wandel gegenüber dem Markt- und Käuferverhalten vor dem Krieg in der Ukraine dar, der durch die nachfolgenden Ereignisse zusätzlich verstärkt worden sei, lautet das Fazit von Todorovic. Unternehmen, die von bewaffneten Konflikten betroffen seien, stünden vor erheblichen Herausforderungen. Störungen der Lieferketten, der Verlust des Marktzugangs sowie das Risiko von Cyberangriffen und Sabotage sind für die Allianz-Experten nur einige Beispiele.
Sie verweisen auf Schätzungen, wonach das Konfliktrisiko für Unternehmensvermögen schon vor dem Irankrieg in den vergangenen fünf Jahren um mehr als ein Fünftel gestiegen sei. Für die Versicherungsbranche und insbesondere den Bereich politische Gewalt und Terrorismus könnte der Krieg im Nahen Osten in einigen Bereichen zu erheblichen Verlusten und zu neuen Risikobewertungen für spezielle Branchen und Regionen führen. Es zeichne sich ab, dass das Ausmaß der finanziellen Verluste zu einem kostspieligeren Ereignis führen könnte als die Schadenfälle infolge des Krieges in der Ukraine.
