Auch wenn manche etwas anderes behaupten: Der Regisseur Peter Zadek liebte seine Schauspieler. Er vertraute unserer Phantasie und unserem Geschmack, brachte uns bei, genau zuzuhören und uns anzuschauen. Das „so tun als ob“ duldete er nicht. Wir durften wirklich miteinander spielen. Theater mit ihm zu machen, war ein riesengroßer Freiraum, ein Grenzen sprengendes Unterfangen ohne doppelten Boden, ohne falsche Farbe. Bei den Proben zu seiner legendären Hamburger „Othello“-Inszenierung im Jahr 1976 kam ich mit meiner Rolle der Desdemona zunächst einmal gar nicht zurecht. Ich dachte, sie müsste fromm und brav und schüchtern angelegt sein. Peter Zadek aber wollte ein modernes, freches Mädchen und schlug mir eines Tages vor, versuchsweise einmal in meiner Rolle Italienisch zu sprechen. „Aber das kann ich doch gar nicht“, sagte ich, und er erwiderte: „Das macht gar nichts, denk dir einfach etwas aus!“
Also betrat ich bei der nächsten Probe die Bühne und sagte in temperamentvollem Ton die italienische Speisekarte und andere Wortfetzen, die mir spontan einfielen, auf: „Othello! O Sole mio! Spaghetti bolognese! Che bella voce! Sempre gelatti motta“ und so weiter. Peter Zadek war begeistert, stürmte auf die Bühne, kniete sich vor mir nieder und flüsterte, jubelte: „Ich liebe dich!“ Ja, Zadek konnte überschwänglich loben und seine Begeisterung ohne jede Zurückhaltung zeigen. Aber natürlich war er auch mit so manchem scharfen Urteil nicht sparsam. Auch dafür war er bekannt. Auch dafür bewunderten wir ihn.

Die Inszenierung des „Othello“ war von Anfang an ein Skandal, allein schon deshalb, weil die Premiere auf zehn Uhr abends angesetzt war. Außerdem sprach Ulrich Wildgruber in der Rolle des schwarzen Generals Othello leise und guttural, die Zuschauer verstanden ihn nicht oder wollten ihn nicht verstehen, riefen „wie bitte Othello, was hast du gesagt?“. In einer Szene trat ich im Bikini auf. Da er stark schwitzte, färbte die schwarze Farbe von seinem Körper ab und „befleckte“ mich, seine Desdemona. Ein theatralisches Zeichen, von Gert Voss in einer Inszenierung von Georg Tabori am Akademietheater Wien zitiert, im heutigen Gegenwartstheater scheint es aus moralpolitischen Gründen undenkbar.
Gegen Ende des fünfstündigen Abends trat Wildgruber nur mit einer Kerze auf die sonst stockdunkle Bühne, um Desdemona in seiner rasenden Eifersucht mit einem Kissen zu ersticken. Wenn der Zuschauer nichts sieht, versteht er auch nichts, die Unruhe im Parkett und auf den Rängen steigerte sich zu Gebrüll, spöttischem Gelächter und Buhs. Als ich dann als nackte Leiche nach einer brutalen Ermordung schließlich über einer Wäscheleine hing, jetzt im gleißenden Licht, Othello sich an der Rampe mit einem Messer den Hals aufschlitzte und das Blut in den Zuschauerraum spritzte, war kein Halten mehr. Morde im Theater durften nicht grausam realistisch gezeigt werden, sie sollten schön sittsam und anständig daherkommen. Das Theater bebte an diesem Premierenabend, die Zuschauer schrien, buhten, applaudierten eine Dreiviertelstunde lang.
Die vielen Möglichkeiten des Theaters, die es heute gibt, auf die wir wie selbstverständlich zurückgreifen – viele von ihnen hat er als einer der Ersten ausprobiert und ins Regierepertoire eingeführt. Der Schauspieler Dietrich Mattausch spielte im „Othello“ die Rolle des Rodrigo. Peter Zadek schlug ihm bei einer Probe vor, von der Bühne durch die erste Loge rechts im Zuschauerraum abzugehen. Dabei zerbrach Dietrich aus Versehen die kleine, gläserne Lampe, die dort von der Decke hing, und bekam natürlich einen riesigen Schreck. Zadek dagegen gefiel dieses Missgeschick so gut, dass er anordnete, das sollte bei jeder Vorstellung so passieren. Es wurden zahlreiche Duplikate dieses Lampenschirms aus Zucker hergestellt. Der „Unfall“ gelang jeden Abend täuschend echt, das Publikum glaubte, es sei wirklich aus Versehen passiert.
Auf Skandale war er, der vor hundert Jahren am 19. Mai 1926 in Berlin Geborene, der seine Regielaufbahn an britischen Provinztheatern begann, entgegen einem landläufigen Vorurteil eigentlich gar nicht aus. Er verstand nur sehr genau, was um ihn herum und in der Welt geschah, und reagierte intuitiv darauf. Und ja, mitunter wurde aus intuitiv dann auch provokativ. Ich bin dankbar, einen so großen Lehrmeister wie Peter Zadek gehabt zu haben und durch ihn so einzigartige Kollegen wie Ulrich Wildgruber, Hermann Lause, Michael Rehberg, Uwe Bohm, Susanne Lothar, Gert Voss und viele andere kennengelernt zu haben. Heute, an Zadeks hundertstem Geburtstag, könnte sich das deutsche Gegenwartstheater ruhig einmal kurz an einen ihrer größten Hoffnungsmacher und mutigsten Formerneuerer erinnern. Aber wenn es sonst niemand tut – dann tun wir es. Gerne auch auf Italienisch: Tanti auguri, Pietro …
Die Autorin, 1954 am Tegernsee geboren, arbeitet als Schauspielerin am Theater, für den Film und im Studio. Im Moment ist sie in einem Abend von und mit Roberto Ciulli und Texten von Navid Kermani am Theater an der Ruhr zu sehen: „S wie Schädel“.
