Es ist einer dieser seltenen kulturellen Kraftorte, an dem der Geist des Gründers über die Zeiten hinweg lebendig geblieben ist: Die Villa Senar am Ufer des Vierwaldstättersees nahe Luzern. Erbaut in den frühen Dreißigerjahren nach den Plänen von Sergej Rachmaninow im reinen Bauhausstil, diente sie ihm und seiner Frau bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als sie wieder in die USA emigrierten, als Sommerwohnsitz. Die Villa ist ein architektonisches Kunstwerk, aus dem höchstes Stilbewusstsein spricht. Mit der klaren Rationalität des Designs und den harmonischen Proportionen lässt sie auch das Werk des Komponisten in einem gänzlich neuen Licht erscheinen, der gerade von den deutschen Modernisten lange auf die Gestalt eines rein gefühlsgesteuerten, exilrussischen Postromantikers reduziert wurde.
In der originalgetreu renovierten Villa befindet sich seit 2023 die Serge Rachmaninoff Foundation, die mit ihren Aktivitäten den Ort mit neuem Leben erfüllt. Mittelpunkt ist der sorgsam wieder hergerichtete Musikraum Rachmaninows, wo sein Originalflügel für Konzerte bereitsteht. Das großzügig geplante Interieur bietet rund drei Dutzend Zuhörern Platz und ist ideal bemessen für intime Kammerkonzerte, wie man das jetzt gerade bei einer Liedermatinee erleben konnte.

Das Programm war weitgehend dem Liedschaffen von Rachmaninow gewidmet, darin eingebettet die Uraufführung von drei Liedern des estnischen Komponisten Jüri Reinvere, die dieser im Frühjahr als Gast der Villa Senar geschrieben hatte. Mit ihrem ruhigen, nachdenklichen Gestus und den durch den Klaviersatz weit geöffneten Klangräumen, in denen mildes Licht und erdiges Dunkel die klanglichen Pole bilden, fangen sie etwas von der einzigartigen Atmosphäre des Ortes ein, ohne je in Stilzitate abzugleiten. Die von Reinvere selbst verfassten Liedtexte in Deutsch, Englisch und Russisch, den Sprachräumen, in denen sich Rachmaninow bewegte, beschreiben in Form von poetischen Bildern die Zerbrechlichkeit der Welt und die Gefährdung des Individuums – Gedanken, die für den Emigranten Rachmaninow alltäglich waren und es auch heute wieder werden. Dessen abgrundtiefe Melancholie wird bei Reinvere allerdings durch Hoffnungsschimmer aufgehellt.
Die Lieder von Rachmaninow gewährten einen packenden Einblick in sein Vokalschaffen, das einen großen Teil seines Werks umfasst. Sein musikalisches Denken und Fühlen kommt hier vermutlich am klarsten zum Ausdruck, und es zeigte sich: Rachmaninow ist ein Melodiker von unerschöpflicher Erfindungskraft. Durch die Allgegenwart seiner Klavierwerke auf den Konzertbühnen der Welt gerät das oft in Vergessenheit. Vorgetragen wurden die Lieder vom russischen Bassbariton Mikhail Timoshenko und der bulgarischen Pianistin Elitsa Desseva. Das junge, in Wien lebende Duo beeindruckte durch seine phänomenale Gestaltungskraft und hohe Stilsicherheit. Es ist bereits auf dem Weg, sich einen Platz in der ersten Reihe der Liedinterpreten zu erobern.

Die Live-Veranstaltungen vor Ort sind nur ein kleiner Teil der Aktivitäten, die über die Schweiz weit hinausstrahlen und das Zentrum zu einem bedeutenden Impulsgeber in Sachen Rachmaninow im internationalen Musikleben machen. Unter der Losung „Serge Rachmaninoff weiterdenken. Sein Erbe erlebbar machen“ hat die künstlerische Leiterin Andrea Loetscher, unterstützt von einem kleinen Team, ein umfangreiches Programm für die nächsten Jahre entwickelt. Ihre knappen Mittel – das Zentrum kommt ohne Subventionen aus – kompensiert sie durch Ideenreichtum und zielgerichtete Kooperationsmodelle.
Die jetzige Liedermatinee bildete den Auftakt zu einer Konzertreihe, die künftig in loser Folge neue Werke zeitgenössischer Komponisten neben solche von Rachmaninow stellen wird. Unmittelbar bevor steht eine Kooperation mit dem Opernhaus Zürich, das am 1. November eine Aufführungsserie mit den drei Einaktern „Aleko“, „Der geizige Ritter“ und „Francesca da Rimini“ startet; hier engagiert sich die Stiftung beim Einführungsabend mit dem Referenten und mit ausgewählten Arien.
Im Januar folgt dann ein Großprojekt, das sich über drei Kontinente erstreckt: Eine Orchesterfassung von Rachmaninows Corelli-Variationen, die der russische Komponist Alexander Raskatov im Auftrag der Stiftung erstellt hat, wird in Washington uraufgeführt und in Leipzig, Zürich, London und Hongkong von den dortigen Orchestern nachgespielt. Eine weitere Aktivität betrifft die wissenschaftliche Erschließung von Rachmaninows Korrespondenz und anderer Dokumente aus seinen Schweizer Jahren, die aus der Villa ins Staatsarchiv Luzern überführt worden sind.
Solche Aktivitäten stellen einen bedeutenden Beitrag zum internationalen Ruf der Kulturregion rund um den Vierwaldstättersee dar, finden aber praktisch unbemerkt von der lokalen Öffentlichkeit statt. Der alles überstrahlende Leuchtturm ist hier das Lucerne Festival, und das ist dem Heute verpflichtet. Doch was sich in seinem Schatten in der Villa Senar entwickelt, weist über die Gegenwart hinaus. Es ist die Keimzelle eines Rachmaninow-Bildes der Zukunft.
