Für Boris Rhein hat sich der Besuch des Frankfurter Oktoberfests gelohnt. Der hessische Ministerpräsident bekam Selfie-Anfragen und in der ersten Reihe jubelte ihm, der auf der Bühne das Fest offiziell eröffnete, ein schon gegen 19 Uhr vom Bier beseelter Besucher zu. Er forderte gar lautstark, Rhein zum neuen Bundeskanzler zu machen. Solche Ovationen sind für CDU-Politiker derzeit nicht an der Tagesordnung.
Der derart gefeierte Ministerpräsident lächelte freundlich und kam seiner wichtigsten Aufgabe am Abend nach: Er erledigte den offiziellen Fassbieranstich mit zwar vorsichtigen, aber zielgerichteten Schlägen bis zum gewünschten Bierfluss. Rhein ist nach mittlerweile drei Jahren, in denen er die Frankfurter Variante des Volksfestes mit schlagkräftiger Hand eröffnete, kein Novize mehr am Fass.
Entsprechend routiniert sandte der Hesse Grüße nach München, wo das originale Oktoberfest zwar seine Heimat habe, aber eben noch lange nicht gefeiert werde. Das gehört zur Folklore am Waldstadion, wo dem Ministerpräsidenten im Wechsel mit dem jeweiligen Frankfurter Oberbürgermeister die Ehre der Eröffnung zukommt. Ganze zehn Tage vor München hat in Frankfurt damit die Bierzeltgaudi begonnen und es wird so lange gefeiert wie noch nie zuvor: Bis zum 11. Oktober und somit über einen Monat lang fließt das Bier, werden Haxen und Knödel serviert und vor allem sämtliche Klassiker der Münchner Oktoberfestkultur zum Besten gegeben von Bands, die festzelterprobt sind und von den Songs der Spider Murphy Gang bis zum Hit „Prosit auf die Gemütlichkeit“ das gesamte Repertoire beherrschen.
In diesem Jahr schwingt bei jedem Takt und jedem Schluck eine gewisse Wehmut mit: Nach der 16. Auflage muss das Oktoberfest einen neuen Standort suchen. Für das kommende Jahr gilt eine Austragung auf dem Parkplatz P9 am Stadion als ausgeschlossen, weil dort dann zumindest die Vorarbeiten für den Bau der Multifunktionsarena begonnen haben sollen. Die Pressemitteilung der Veranstalter, den Schausteller-Brüdern Dennis und Patrick Hausmann sowie ihrem Geschäftspartner Kai Mann, lässt zwar mit dem Wort „vermutlich“ ein letztes Hintertürchen offen. Mann bestätigte aber auf Nachfrage, dass es keine Hoffnung auf ein weiteres Jahr auf P9 gebe.

Einen neuen Platz, der für das 7000 Quadratmeter große Festzelt geeignet ist, die notwendige Infrastruktur und eine gute Verkehrsanbindung hat, habe man noch nicht gefunden. Es gebe viele Ideen, eine Verkündung der neuen Adresse während der fünf Oktoberfestwochen sei aber nicht zu erwarten. Die Veranstalter benötigen für die Festvorbereitungen ein gutes Jahr Vorlauf, die Zeit drängt also. Zugleich wollen die Hausmanns und Mann einen Ort finden, der Planungssicherheit für möglichst viele Jahre bietet. Das sind Anforderungen, die im Raum Frankfurt nicht leicht zu erfüllen sind, zumal das Fest stets zeitgleich zur Herbst-Dippemess ansteht, die den Festplatz am Ratsweg in Beschlag nimmt.
Botschafterin preist Festzelt
Ungeachtet dieser Sorgen geht es nun erst einmal darum, mit täglich bis zu 2500 Gästen insgesamt zwei Dutzend Veranstaltungen zu feiern. Am Eröffnungsabend gab dabei auch Mickey Krause, einer der unangefochtenen Stars der Ballermann-Musik, seine Hits „Zehn nackte Friseusen“ oder „Schatzi schenk mir ein Foto“ zum Besten, die zu den bekanntesten wie furchterregendsten Songs des Genres zählen. Die Stimmung im Festzelt erreichte, unterstützt durch seine schlüpfrigen Witze, entsprechend schnell ein Niveau, wie es sich für eine derartige Veranstaltung gehört.
Ob es dafür auch noch einer Oktoberfestbotschafterin bedarf, für die immerhin ein gewisses Honorar bezahlt werden muss, wird auch an einem neuen Standort ein schwer zu lösendes Rätsel bleiben. In diesem Jahr heißt sie Claudia Obert, die mit Bezeichnungen wie Reality-TV-Ikone und Unternehmerin charakterisiert wird und gerade mit ihrem Austritt aus der CDU und heftiger Kritik am Kanzler in den Schlagzeilen ist. Die Wiesn-Botschafterin urteilte am Eröffnungsabend fachkundig, dass die Frankfurter Version den Festzelten auf der Münchner Theresienwiese in nichts nachstehe.

Derweil hat sie dem bayrischen Original sogar etwas voraus: Erstmals wird am 16. September eine „Ladies Wiesn“ angeboten, an diesem Tag haben nur Frauen Zutritt zum Festzelt. Solche Extravaganzen kann sich das vielfach größere Original vermutlich wegen seiner Kürze von gut zwei Wochen nicht erlauben. Dort gibt es nur kleinere dem weiblichen Geschlecht vorbehaltene Charity Events.
Das Frankfurter Oktoberfest geht noch auf andere Weise mit der Zeit: So wird es laut Veranstalter einen Tag mit Bekanntheiten aus dem Reality-TV geben. Das verschaffe ebenso wie Festpatin Obert Reichweite, die für die Vermarktung heutzutage unerlässlich sei.
Diese Strahlkraft trägt freilich auch dazu bei, dass das Oktoberfest Gutes in Bewegung setzen kann: Seit Jahren unterstützen die Veranstalter mit einem Teil des Gewinns den Bau von Schulen in der Dominikanischen Republik, im vergangenen Jahr mit einer Summe von 80.000 Euro. Das Oktoberfest lohnt sich also nicht nur für jenen Politiker, der das Fassbier anstechen darf.
Frankfurter Oktoberfest
Das Frankfurter Oktoberfest dauert bis zum 11. Oktober, das Festzelt steht auf dem Parkplatz P9 am Waldstadion. Für einige Veranstaltungen gibt es noch Karten über die Seite der Veranstalter unter www.frankfurter-oktoberfest.de.
