Im Pressezentrum eines Grand-Slam-Turniers herrscht vor allem in der ersten Turnierwoche ein ziemliches Gewusel. Hunderte Tennisprofis aus der ganzen Welt treffen hier auf Hunderte Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Welt.
Für gewöhnlich läuft es so: Am Morgen stellen die Medienvertreter ihre Anträge, mit wem sie im Laufe des Tages gerne sprechen möchten. Und je nachdem, wie viele von ihnen nach einer Spielerin oder einem Spieler gefragt haben, werden diese nach ihren Partien von den Mitarbeitern des Turnierveranstalters in einen der größeren oder einen der kleineren Presseräume der Anlage geführt.
Nach Botic van de Zandschulp hat in diesen Tagen bei den US Open noch niemand gefragt. Zumindest hat der Niederländer nach keinem seiner bislang vier gewonnenen Matches eine Pressekonferenz gegeben. Niederländische Tennis-Journalisten scheinen in New York nicht oder zumindest nicht mehr vor Ort zu sein. Und der Rest der Tenniswelt nimmt von van de Zandschulp offenbar kaum Notiz.
Nicht mal, nachdem er am Montag den Franzosen Arthur Géa in fünf Stunden 3:6, 6:7, 7:6, 7:6, 6:4 niedergerungen hatte und damit ins Viertelfinale eingezogen war. Und nicht mal, als wenig später klar war, dass sein Gegner dort an diesem Mittwoch (Donnerstag, 1.30 Uhr MESZ) der an Nummer eins gesetzte Alexander Zverev sein würde, der wiederum den Italiener Luciano Darderi ohne größere Probleme 6:2, 6:2, 7:6 bezwang.
Siege über Alcaraz und Nadal
Interviewt wurde van de Zandschulp deshalb ausschließlich direkt nach seinem Match auf dem Platz. Er habe „keinen blassen Schimmer“, wie er dieses Duell noch habe gewinnen können, sagte er da. Und dass er „mindestens noch einen Tag“ brauche, um das alles zu verarbeiten, die Freude dann aber sicher riesig sei.
Außerdem sagte er, dass er „noch nicht wirklich meine Form gefunden“ habe. Das dürfte für Zverev angesichts des schon jetzt beeindruckenden Laufs des Dreißigjährigen nicht gerade beruhigend klingen. Der Deutsche sagte über seinen Gegner, dass er ein „aggressiver Spieler“ sei. Er freue sich auf „eine harte Schlacht“.

Van de Zandschulp ist gewissermaßen zu gleichen Teilen ein Spät- und ein Frühentwickler. Verhältnismäßig spät startete er so richtig in seine Profikarriere, tauchte Anfang 2021, im Alter von immerhin schon 26 Jahren, erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers auf.
Doch verhältnismäßig früh stellten sich dann die Erfolge ein. Gleich bei seiner ersten Teilnahme an den US Open schaffte es van de Zandschulp im selben Jahr ins Viertelfinale. In der Weltrangliste kletterte er in den folgenden Monaten bis auf Platz 22. Vor den US Open belegte er im Ranking allerdings nur Platz 70.
Es ist mit Sicherheit kein besonders großer Brocken, der Zverev nun auf dem Weg in sein drittes Grand-Slam-Finale in diesem Jahr als Nächstes im Weg liegt. Van de Zandschulp, 1,91 Meter groß, verfügt über einen guten Aufschlag, eine kräftige Vorhand, doch bei Weitem nicht über eine Konstanz, die ihn zu einem echten Topspieler machen würde.
Doch im Tennis kann bekanntermaßen selbst das kleinste Steinchen leicht zur Stolperfalle werden. Und genau dafür scheint der Niederländer ein besonderes Talent zu besitzen. Vor zwei Jahren besiegte er in der zweiten Runde der US Open den inzwischen siebenmaligen Grand-Slam-Champion Carlos Alcaraz glatt in drei Sätzen. Wenige Wochen später beendete er mit einem Sieg im Davis-Cup-Duell mit Spanien die Karriere des großen Rafael Nadal. In diesem Jahr hat er bei den US Open nun den an Nummer sechs gesetzten Australier Alex de Minaur ausgeschaltet.
Es ist schon einigermaßen erstaunlich, wie van de Zandschulp trotz all diesen bemerkenswerten Siegen selbst bei Kennern der Szene unter dem Radar bleiben konnte. John McEnroe nannte ihn in seiner Rolle als Experte im amerikanischen Fernsehen in den vergangenen Tagen konsequent „van de Zandschlup“. Zverev immerhin glaubte zu wissen, dass die US Open „vermutlich sein Lieblingsturnier auf der ganzen Welt“ sind, weil er hier traditionell „sein bestes Tennis spielt“.
Van de Zandschulp selbst gibt in seinem Profil auf der Website der Profiorganisation ATP allerdings an, dass Melbourne, die Heimat der Australian Open, sein Lieblingsort auf der Profitour sind. Ob das nach den Erfolgen der vergangenen Tage immer noch so ist? Man müsste ihn einfach mal fragen.
