Klaus-Michael Kühne hat die größte Zeit seines Lebens in der Schweiz verbracht, im Ort Schindellegi, dem Sitz seines Logistikkonzerns Kühne + Nagel. Aber seine letzte Ruhe findet der am 23. August verstorbene Unternehmer auf eigenen Wunsch nicht in seiner Wahlheimat, sondern in seiner geliebten Geburtsstadt Hamburg, im Familiengrab auf dem Friedhof Ohlsdorf. An der Trauerfeier am Donnerstagnachmittag in der Hauptkirche St. Michaelis nahmen rund 140 geladene Gäste teil. Die Gästeliste mit den Namen der für ihn wichtigsten Weggefährten hatte Kühne noch persönlich zusammengestellt. Dass die Pastorin Ulrike Murmann, obschon bereits im Ruhestand, die Trauerrede hielt, entsprach ebenfalls Kühnes Wunsch.
Im Kreis der zigtausend Mitarbeiter, die in der von Kühne aufgebauten Firmengruppe arbeiten, stiftet der Tod des Patriarchen unterdessen Unruhe. Viele fragen sich besorgt, ob und was sich nun für sie und ihr Unternehmen ändern wird. Schließlich haben Kühne + Nagel, Hapag-Lloyd und Lufthansa, um nur drei der Beteiligungen in Kühnes Milliardenimperium zu nennen, über Nacht ihren Großaktionär verloren.

Doch zumindest im Moment gibt es keinen Grund zur Sorge. Denn ebenso wie seinen letzten Abschied in Hamburg hat Kühne auch seinen Nachlass vorausschauend geregelt. Dem kinderlosen Milliardär lag sehr daran, dass es nach seinem Ableben nicht zu einem Hauen und Stechen um sein Erbe kommen sollte. Der erbitterte Streit um das Erbe des Milliardärs und ehemaligen Lufthansa-Großaktionärs Heinz Hermann Thiele war ihm ein warnendes Beispiel.
Kühne hatte sein Vermögen in seiner privaten Kühne Holding AG mit Sitz in der Schweiz gebündelt. Diese geht nun mitsamt der dort aufgehängten Firmenbeteiligungen, Hotels und Immobilien in den Besitz der noch von seinem Vater gegründeten Familienstiftung über. Sie soll das ihr übertragene unternehmerische Vermögen im Kern erhalten und mehren.
Gegenseitige Abhängigkeiten
Als Kühne noch lebte, waren die unterschiedlichen Interessen seiner Stiftung (Gutes tun) und seiner Beteiligungen (Geld verdienen) in einer Person vereint. Kühne entschied einfach selbst, wie viele Millionen er jährlich aus den üppigen Dividendenerträgen seiner Unternehmen an die Stiftung weiterreichte. Für das laufende Jahr waren das 65 Millionen Franken. Doch nach seinem Tod kann es diese eine Person nicht mehr geben.
Kühne kam zu dem Schluss, dass er die Macht verteilen und über gegenseitige Abhängigkeiten begrenzen musste. Damit verband er zugleich die Hoffnung, Machtkämpfe nach seinem Ableben zu verhindern. Dabei dachte er nach Informationen der F.A.Z. vor allem an das angespannte Verhältnis zwischen zwei seiner engsten Vertrauten: Karl Gernandt und Jörg Wolle.

Gernandt war seit 2008 Kühnes rechte Hand. Der frühere Banker und Unternehmensberater war sein Adlatus. Er übernahm für seinen Chef nicht nur wichtige Aufsichtsratsmandate wie jene bei Hapag-Lloyd, Lufthansa und Kühne + Nagel, sondern kümmerte sich auch um zahlreiche private Angelegenheiten. Als Verwaltungsratspräsident der Kühne Holding hat der 66 Jahre alte Deutsche nun die Hand auf den dort schlummernden Vermögenswerten, die auf bis zu 38 Milliarden Euro geschätzt werden.
Der international erfahrene und vor allem in Asien gut vernetzte Jörg Wolle hat sich seine Meriten als langjähriger Chef des Schweizer Handelshauses DKSH erworben. Der Neunundsechzigjährige führt seit 2016 den Verwaltungsrat des Logistikriesen Kühne + Nagel und sitzt im Verwaltungsrat der Kühne Holding sowie im Stiftungsrat der Kühne-Stiftung.
Ehrgeizig und geltungsbewusst
Beide Manager sind sehr ehrgeizig und geltungsbewusst. Und beiden wird nachgesagt, dass sie nur allzu gerne die Kühne-Stiftung präsidieren wollen, die durch die Übernahme der Kühne Holding zu einer der potentesten und reichsten Stiftungen Europas avanciert. Aktuell ist dieser prestigeträchtige und mächtige Posten allerdings schon vergeben. Kühne hatte verfügt, dass ihm nach seinem Tod sein langjähriger Anwalt Thomas Staehelin als Präsident des Stiftungsrats nachfolgen sollte. Der Schweizer amtiert auch als Kühnes Testamentsvollstrecker und Nachlassverwalter.

Wie zu hören ist, sieht sich Staehelin nicht bloß als Übergangslösung. Das passt insofern, als er das Amt so lange ausüben kann, wie er will. So hat es Kühne verfügt. Und Staehelin ist offenbar wild entschlossen, die Stiftung nicht nur zwei oder drei Jahre zu führen. Er nehme seine Aufgabe an und ernst, betonte er angeblich auf der Trauerfeier in Hamburg.
Allerdings ist der Basler Jurist schon 78 Jahre alt. Daher stellt sich schon die Frage, an wen er das Zepter eines Tages weitergeben wird. Kühne hat darauf keine Antwort hinterlassen. Für die Nachfolge Staehelins gebe es mehrere Kandidaten, sagte er vor zwei Jahren im Gespräch mit der F.A.Z. Damit war schon damals das Rennen eröffnet, das nach dem Willen Kühnes bloß nicht in einem zerstörerischen Kampf um Macht und Milliarden münden soll. Noch kurz vor seinem Tod habe Kühne seine Vertrauten auf ihre Friedenspflicht eingeschworen, heißt es.
Protagonisten mit Stich in der Hand
Der Patron beließ es aber nicht bei derlei Mahnungen. Er spann ein feines Netz von Abhängigkeiten, um die Macht zwischen den Parteien auszubalancieren. In ihrem Zusammenspiel hat jeder der Protagonisten einen Stich in der Hand, um einzugreifen, wenn ein anderer sich von Kühnes Vorstellungen und Vorgaben entfernt. Diese Vorstellungen betreffen zum einen die Rollenverteilung zwischen der Kühne-Stiftung und der Kühne Holding und zum anderen die konkrete Beteiligungs- und Investitionsstrategie. Beides ist eng verwoben.

Dem Vollblutunternehmer Kühne war wichtig, die Sphären seiner Stiftung und seiner unternehmerischen Aktivitäten klar zu trennen. Letztere sollen nach seinen Vorstellungen weiterhin selbständig von der Kühne Holding gesteuert werden. Obwohl diese jetzt vollständig der Stiftung gehört, soll die Stiftung keinen direkten Zugriff auf die Tätigkeit der Holding und schon gar nicht auf deren Beteiligungen haben. Allerdings hat die Stiftung einen wichtigen Hebel in der Hand: Sie entscheidet darüber, wer die Holding präsidiert, und über die Dividende, die von der Holding an die Stiftung fließt.
Je nachdem, wie sich die Geschäfte in den Beteiligungen der Holding entwickeln, könnte die jährliche Dividende theoretisch auf mehr als eine Milliarde Franken klettern. Doch das wäre wohl nicht in Kühnes Sinn. Für ihn war wesentlich, dass die Holding ihre unternehmerische Rolle als Beteiligungsgesellschaft fortführen kann und dafür auch die erforderlichen Mittel zur Verfügung hat.

Der Stiftung soll nicht der maximal größte Betrag ausgeschüttet werden. Sie soll schlicht genug Dividenden bekommen, um ihre Projekte zu finanzieren. Dazu gehört unter anderem der Bau einer neuen Oper in Hamburg. Für dieses Herzensprojekt von Klaus-Michael Kühne will die Stiftung in den kommenden Jahren in Summe 340 Millionen Euro bereitstellen.
Die Holding soll nach dem Willen Kühnes auch künftig einen möglichst großen finanziellen Hebel haben. Zeitlebens hing Kühnes Herz vor allem an zwei Unternehmen: Kühne + Nagel und Hapag-Lloyd. Die Beteiligungen an dem Logistikkonzern (55 Prozent) und an der Reederei (30 Prozent) sind nach dem Willen Kühnes nicht nur unverkäuflich, sondern sollen auch finanziell abgesichert werden. Sollten die Unternehmen Milliarden für eine Übernahme brauchen, soll die Holding die dafür nötigen Mittel bereitstellen können. Eine Kapitalerhöhung, die allein durch andere Aktionäre finanziert würde, würde den Anteil der Holding verwässern – das gälte es gemäß Kühnes Vermächtnis zu verhindern.
Auch für den Fall, dass die chilenische Reederei CSAV ihre Beteiligung an Hapag-Lloyd (30 Prozent) eines Tages verkaufen will, soll die Holding parat stehen und ihr Vorkaufsrecht nutzen können. Für dieses Anteilspaket müsste sie gemessen an der aktuellen Börsenbewertung von Hapag-Lloyd mehr als sieben Milliarden Euro auf den Tisch blättern.

Für ein solches Manöver könnten theoretisch auch andere Firmenbeteiligungen, die Kühne weniger stark am Herzen lagen, versilbert werden. Da gibt es einiges: vom Transportdienstleister Flix über den Chemielogistiker Brenntag und den Pharma-Auftragsfertiger Aenova bis hin zur Deutschen Lufthansa. Der Einstieg bei Deutschlands größter Fluggesellschaft war nicht Kühnes Idee, sondern die seines langjährigen Beraters Wolfgang Peiner, einst Finanzsenator in Hamburg.
Kühnes Luxushotels auf Mallorca (Resort Castell Son Claret) und in Hamburg (The Fontenay) zählen indes nicht zur potentiellen Verkaufsmasse, heißt es in gut informierten Kreisen. Dies dürfte auch damit zu tun haben, dass sich Kühne und seine Ehefrau Christine seinerzeit mit viel Herzblut in die Gestaltung dieser Edelherbergen eingebracht haben – nicht immer zur Freude der Architekten. Die 88 Jahre alte Christine Kühne mischt sich ansonsten nicht in geschäftliche Vorgänge ein. Der tief trauernden Witwe geht es darum, das Andenken an ihren „Micha“ zu bewahren. Sie behält aber ihren Sitz im Stiftungsrat, in dem sie sich vor allem um das nach ihr benannte Zentrum für Allergieforschung (CK-Care) in Davos kümmert.
Das Personaltableau, das Kühne für Stiftung und Holding ersonnen hat, folgt dem Gedanken der „checks and balances“. Keiner der Aspiranten für das Präsidentenamt bei der Stiftung soll eine beherrschende Position haben; jeder soll wissen, was der andere tut und plant. Daher sitzen Gernandt und Wolle beide im Stiftungsrat. Wolle hat ebenso wie Staehelin einen Platz im Verwaltungsrat der Kühne Holding, den Gernandt führt, und Gernandt ist der Stellvertreter von Wolle im Verwaltungsrat von Kühne + Nagel. Man schaut einander auf die Finger, um die prinzipiell unterschiedlichen Interessen von Stiftung und Holding auszutarieren.
Erfahrener Spitzenmanager soll dereinst die Stiftung führen
Auf dem Papier hat Gernandt die etwas bessere Position als Wolle: In der jährlichen Aktionärsversammlung von Kühne + Nagel vertritt er die Kühne Holding als Mehrheitsaktionär. Aus dieser Rolle heraus könnte er Wolle theoretisch aus dem Amt heben. Allerdings brauchte er dafür die Rückendeckung Staehelins, der als Präsident der Stiftung seinerseits Gernandt aus der Holding herauswerfen könnte.
Als jemand, der fünf Jahrzehnte eng an der Seite von Kühne stand, kennt Staehelin Gernandt und Wolle sehr gut. Er schätzt die beiden Manager und weiß zugleich um deren Rivalität. Der Anwalt sieht es – ganz im Sinne Kühnes – als seine Aufgabe an, für ein möglichst harmonisches Zusammenspiel der Kontrahenten zu sorgen.
Staehelin wird die maßgebliche Stimme sein, wenn es dereinst darum geht, seinen Nachfolger zu bestimmen. Formell beruft der Stiftungsrat eine Person aus seinem Kreis in diese Position. Angesichts des gewaltigen Beteiligungsschatzes der Stiftung und deren Sitzes in der Schweiz hatte sich Kühne vorgestellt, dass ein international erfahrener Spitzenmanager aus der Eidgenossenschaft auf Staehelin folgen sollte. Gemessen an diesem Profil dürfte Wolle die Nase vorn haben. Er ist zwar in Deutschland geboren, lebt aber schon seit Jahrzehnten in der Schweiz und hat auch den roten Pass. Gernandt lebt in Hamburg.
Nach Informationen der F.A.Z. könnte es rund sechs Monate dauern, bis Staehelin in seiner Verwalterrolle den Nachlass von Kühne in seinem gesamten Umfang geordnet, aufgestellt und bewertet hat. Steuern werden bei der Übertragung des Milliardenvermögens nicht fällig. Das ist ein weiterer Clou der Stiftungslösung.
Veränderungen in der Struktur, Besetzung und Aufstellung von Stiftung und Holding sind dem Vernehmen nach derzeit nicht geplant. Bewegung könnte es aber in eine andere Richtung geben. Im Stiftungsrat denkt man darüber nach, die dunkle Vergangenheit der Spedition Kühne + Nagel in der Nazizeit von unabhängigen Historikern aufarbeiten zu lassen. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 musste Adolf Maass, der jüdische Mitgesellschafter von Kühne + Nagel, seine Anteile an der Spedition abtreten. Er wurde später in einem KZ ermordet. Als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ transportierte Kühne + Nagel im großen Stil Möbel und Hausrat geflohener oder deportierter Juden aus den Westgebieten ins Deutsche Reich. Klaus-Michael Kühne hatte eine unabhängige Aufarbeitung stets abgelehnt, obwohl die Ergebnisse ihn persönlich nicht hätten belasten können: Er war bei Kriegsende erst sieben Jahre alt.
