
Der Hackerangriff auf die Berliner Verwaltung ist kein Weckruf gewesen, er ist in der Hauptstadt der größten Volkswirtschaft Europas der bislang massivste Angriff gewesen – und der hat gesessen. Erst kaperten die Angreifer zentrale Teile der Netze und Computer der städtischen Verwaltung, dann griffen sie riesige Datenmengen ab, nahmen sie in virtuelle Geiselhaft und machten ihr Raubgut nach der verweigerten Zahlung des geforderten Lösegelds in den dunkelsten Ecken des Internets schließlich öffentlich.
Angesichts der erbeuteten Informationen zu wichtigen Rüstungsfirmen und bundesweiten Infrastrukturen, zu lebenswichtigen Einrichtungen, personenbezogenen Daten, Zivilschutz, Krisen-, Not- und Einsatzplänen ist das nicht nur für die Hauptstadt eine Katastrophe, sondern für das ganze Land. Denn ein funktionierender Cyberschutz ist die Basis für das, was gern und oft als ein ehrenwertes Ziel ausgegeben wird: die digitale Souveränität. Die aber ist ohne Sicherheit der bestehenden Systeme nicht zu haben.
Eklatante Schwächen
Deutschland kann aus eigenen Kräften und Mitteln im virtuellen Raum schon lange nicht mehr selbstbestimmt handeln. Dafür fehlen ihm auf breiter Front eigene IT-Großunternehmen, eigene Spitzentechnologien und von ihm selbst kontrollierte digitale Plattformen. Das Land hat keine namhaften Hersteller von Computern, Prozessoren oder Speicherchips. Der Großteil der in Deutschland genutzten Software stammt aus Übersee, die wichtigen Anbieter von KI-Systemen sitzen in Amerika oder China.
Diese Schwäche macht verwundbar. So ist es kein Wunder, dass kein anderes Land in der EU so oft im Fadenkreuz der Hacker steht wie Deutschland. Täglich registrieren hiesige Behörden tausend schwere Cyberdelikte; täglich werden sechs von zehn Internetnutzern Opfer von Cyberkriminellen, täglich sehen sich neun von zehn Firmen von Hackerattacken getroffen. Jeder dritte Angriff lässt sich fremden Staaten zuordnen. Die Schäden belaufen sich mittlerweile auf gewaltige 270 Milliarden Euro im Jahr.
Es geht aber nicht nur ums Geld. Seit dem Hackerangriff auf das Netz des Bundestags 2015 ist klar, dass die digitalen Heckenschützen auch die Politik im Visier haben. 2017 zielten sie auf Stiftungen der hiesigen Parteien und 2018 auf die Verwaltung des Bundes. 2021 legten sie die Computer des Landkreises Anhalt-Bitterfeld lahm, 2023 die von 70 Kommunen in NRW. 2025 wurden bundesweit so viele Attacken registriert wie nie zuvor. Und nun traf es Berlin.
Das große Wirrwarr
Die digitale Infrastruktur der Metropole ist so kompliziert wie ihre Bürokratie selbst. Neben zwölf Bezirksverwaltungen gibt es die zentrale Hauptverwaltung samt den zehn Senatsverwaltungen und ihrer rund 40 nachgeordneten Einrichtungen, Ämter und Behörden. So ist das Landesnetz strukturell zwar zentral angelegt, wird aber dezentral genutzt, pflegen viele einzelne Bezirke doch ganz eigene IT-Systeme. Der Senat kann für alle zwar Richtlinien erlassen, aber letztlich nicht auf die Strukturen der einzelnen Bezirke durchgreifen.
Dieses zweistufige System mit seinen Zehntausenden Computern und Hunderten Fachprogrammen ist zwar teuer und verwirrend, technisch gesehen muss das aber kein Nachteil sein. Denn eine unübersichtlich dezentral ausgerichtete IT ist in Gänze schwerer zu hacken als eine übersichtlich zentral organisierte. So zielte der jüngste Cyberangriff auch nicht auf die kleinteiligen IT-Systeme der Berliner Bezirke, sondern auf die der großen Hauptverwaltung. Hier fanden die Hacker, wonach sie suchten: Schwachstellen im System bei gleich zwei Senatsverwaltungen.
Das ist nicht nur auf Mängel bei der Passwörtervergabe oder dem sorglosen Umgang mit der Technik durch Mitarbeiter zurückzuführen. Die Verwundbarkeit beruht auch auf einer größeren Lücke. So wird die Landesverwaltung zwar grundsätzlich von den EU-Richtlinien zur Netzwerk- und Informationssicherheit erfasst. Sie ist aber von dem in nationales Recht gegossenen, verbindlichen bundesgesetzlichen Pflichtenkatalog aufgrund der föderalen Verfasstheit Deutschlands zumindest in Teilen ausgenommen. Zu dem großen IT-Wirrwarr kommt ein nicht minder großes Rechts-Wirrwarr.
Nachdem die abgewählte Ampelregierung in Sachen digitaler Sicherheit viel versprochen und nichts gehalten hatte, tat die amtierende Regierung gut daran, für Klarheit zu sorgen und schnell zu handeln. Im Mai legte sie den Entwurf für ein Gesetz zur Stärkung der Cybersicherheit vor. Bis Ende des Jahres wird das Bundesinnenministerium einen Plan für ein nationales Erkennungs- und Cyberabwehrsystem vorgelegt haben. Das Bundesamt für Sicherheit in der IT soll zur Bund-Länder-Plattform für Cybersicherheit ausgebaut werden. Die Nachrichtendienste werden im virtuellen Raum mehr Befugnisse als bisher erhalten. Denn der Angriff auf die IT-Systeme Berlins war kein Weckruf, sondern eine Kampfansage.
