
„Wir holen uns die Fahne zurück“, hat Jürgen Klopp als Ziel ausgegeben. Der Bundestrainer formulierte seinen Fahnen-Appell am vergangenen Donnerstag während seiner Pressekonferenz in der Frankfurter DFB-Zentrale aus Anlass der Nominierung des Nationalmannschaftskaders. Das ist ein kurzer Satz mit einigen Implikationen. An wen Klopp Schwarz-Rot-Gold verloren wähnt, das war allen im Saal sofort klar, ohne dass es gesagt wurde: an die AfD. Klopp weiter: Wer Schwarz-Rot-Gold schwinge, solle sich nicht schämen oder schief angesehen werden.
Einige Kommentatoren haben Klopp für seine Aussage gefeiert, der Kanzler solle sich ein Beispiel an Prägnanz und Bekenntnismut des Bundestrainers nehmen. Andere hielten dagegen: Hätte Merz wie Klopp gesprochen, ihm wäre Banalität vorgeworfen worden. Klopp sehe ein Problem, das sich längst erledigt habe, schließlich sei spätestens seit 2006 das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nationalfahne entspannt.
Die Lage ist etwas komplizierter. Denn man muss konstatieren, dass die AfD ziemlich weit gekommen ist in ihrem Bemühen, sich die Farben Schwarz-Rot-Gold anzueignen. Was, wie sie genau weiß und was sie nur allzu gern befördert, einer Kontamination für viele andere gleichkommt. Während der vergangenen Fußball-Turniere waren längst nicht so viele Fahnen zu sehen wie 2006. Ob es an der gedämpften Vorfreude angesichts der zu erwartenden mäßigen Leistung der Mannschaft lag oder an einer neuen Scheu gegenüber den deutschen Farben, lässt sich nicht so leicht feststellen.
Die berüchtigte Szene mit Angela Merkel am Wahlabend 2013
Vieles deutet jedenfalls darauf hin, dass die AfD seit langer Zeit darauf hinarbeitet, sich der Fahne zu bemächtigen. Es begann mit der Erzählung der Rechtspopulisten, dass sie die Fahne gerettet hätten, nachdem sie von Angela Merkel am Abend der Bundestagswahl 2013 weggeworfen worden sei.
Die einschlägige Szene ist mit passendem AfD-Framing auf vielen Youtube-Videos zu sehen: Merkel nimmt Hermann Gröhe ein kleines Deutschland-Fähnchen aus der Hand, das der damalige Generalsekretär der CDU auf der Tribüne des Adenauer-Hauses eher beiläufig schwenkt. Die Kanzlerin reicht die Fahne einer nicht zu erkennenden Person im Publikum, wendet sich wieder Gröhe zu und schaut ihn mahnend mit einem leichten Kopfschütteln an, wie es eine Lehrerin tut, die ihre Indigniertheit ob des Fehlverhaltens eines Schülers zeigen möchte.
Gröhes Nachfolger Peter Tauber hat dreieinhalb Jahre später auf seinem persönlichen Blog „Schwarzer Peter“ zu erklären versucht, worum es Merkel gegangen sei. „Wir machen uns den Staat nicht zur Beute, wir dienen ihm“, nicht anderes habe die Kanzlerin „wohl damals zum Ausdruck bringen“ wollen. Das Wörtchen „wohl“ ist bezeichnend, nicht einmal Tauber scheint recht überzeugt von dieser Trennung zwischen Amt und Partei.
Unter seiner Ägide setzte die CDU jedenfalls im Wahlkampf 2017 wieder stark auf Schwarz-Rot-Gold. Zuvor hatte sich Tauber im Oktober 2015 in einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ sehr ähnlich wie jetzt Klopp geäußert: „Nehmen wir denen unsere Fahne weg. Sie ist zu schön dafür.“ Das bezog sich mutmaßlich auf Björn Höcke, der ein paar Tage zuvor in einer Talkshow die Deutschlandfahne über der Lehne seines Sessels ausgebreitet hatte. Auch Pegida zog damals unter Schwarz-Rot-Gold in den Meinungskampf.
Tragweite der Entwicklung noch nicht abzusehen
An jenem Septemberabend im Jahr 2013, als Merkel die Deutschlandfahne auf der Bühne nicht dulden mochte, kam die CDU auf 41,5 Prozent der Stimmen, die AfD scheiterte mit 4,7 Prozent an der Fünfprozenthürde. 13 Jahre später haben sich die Zahlenverhältnisse bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern umgekehrt. Und die AfD schwenkt nach Wahlen gern Deutschlandfahnen, während die CDU keinen Anlass mehr für irgendein Fahnenschwenken hat.
Die Tragweite der Entwicklung ist noch nicht abzusehen. Die Parteien der linken Mitte haben jedenfalls unverändert ein sehr distanziertes Verhältnis zur Deutschlandfahne, wie Umfragen unter Politikern von SPD und Grünen immer wieder zeigen. Es könnte darauf hinauslaufen, dass sich demnächst die beiden politischen Großlager hierzulande unter zwei Flaggen versammeln: Das linke Lager unter der Regenbogenfahne und das rechte unter der Deutschlandfahne. Deren Bannerträger wäre dann die AfD, die in ihrer Russlandunterwürfigkeit und ihrem Landesverteidigungsdefätismus die Grenze zum Landesverrat überschreitet. Sie hätte endgültig ihr Ziel erreicht, der CDU als Deutschlandpartei nachzufolgen.
An Jürgen Klopps Satz ist die entscheidende Frage, wer unter „wir“ zu verstehen ist. Er selbst glaubt offenkundig eine mehr oder weniger schweigende Mehrheit in den Stadien hinter sich, die sich den traditionellen Werten der Bundesrepublik verbunden fühlt. Eine Mehrheit, die Stolz – Klopp sprach sogar explizit von Nationalstolz – auf deutsche Tugenden und sportliche Errungenschaften mit Weltoffenheit verbindet. Es könnte sein, dass Klopp zu spät kommt. Aber es ehrt ihn, dass er sich mit seinem Charisma in den Dienst der demokratischen Mitte stellt.
