Mut ist eine Spielart der Hoffnung, und Hoffnung beschrieb der Philosoph Philipp Blom vor zwei Jahren in einem Buch als „ein kluges Verhältnis zur Welt“: In Hoffnung handelt, wer an den Sinn seines Tuns glaubt, ohne für dessen Erfolg Garantien zu haben. Hoffnung hegt, wer eine Beziehung eingeht, ohne zu wissen, ob sie halten wird. Hoffnung hat, wer Kinder in die Welt setzt, ohne auf deren Entwicklung vorausblicken zu können. Mut ist schon etwas spezifischer. Er hat einen Begriff von den Risiken des Scheiterns, geht sie aber trotzdem ein – eben weil Hoffnung ihn trägt.
Wenn der Cellist Raimund Trenkler vor nunmehr 33 Jahren nicht an den Sinn der Kronberg Academy geglaubt hätte, wäre sie damals nicht ins Leben gerufen worden. Sein Motor war zunächst die Unzufriedenheit mit den deutschen Musikhochschulen, die nicht flexibel genug waren, hochbegabten Streichern, die sich einerseits noch in der Ausbildung, andererseits schon im Konzertleben befanden, ein maßgeschneidertes Studium bieten zu können. Inzwischen hat die Kronberg Academy als einzige privat finanzierte Musikhochschule Deutschlands für die Streicherelite der ganzen Welt einen Namen von höchstem Rang.

Nachdem Marta Casals-Istomin, die Witwe des Cellisten Pablo Casals, und Mstislaw Rostropowitsch, ein weiterer Jahrhundertcellist, zur Unterstützung dieser Idee gewonnen worden waren, wuchs auch der Mut, diese Institution aufzubauen: zunächst in den vorhandenen Räumlichkeiten von Kronberg, einem Städtchen mit 19.000 Einwohnern, ungefähr 20 Kilometer nordwestlich von Frankfurt am Main gelegen. Doch als Trenkler die Idee äußerte, einen neuen Musikcampus aus Konzertsaal, Unterrichtsräumen, Hotel, Verwaltungstrakt und Geigenbauerwerkstatt zu errichten, lautete die erste Reaktion, vor allem vor Ort, oft: „Das ist doch Größenwahn!“
Vor vier Jahren wurde nun das Casals Forum eingeweiht: Der Konzertsaal gilt als einer der besten Kammermusiksäle der Welt; der Instrumentalunterricht und die Prüfungsvorspiele können in den angrenzenden Räumen stattfinden. Die architektonische Einpassung des Campus in die Stadt- und Parklandschaft wurde viel gerühmt. Die klimaneutrale Heizung durch einen Eisspeicher ist ökologisch eine Pioniertat. Inzwischen decke sich der Betrieb des Casals Forums zu mehr als 90 Prozent selbst, sagt Trenkler.
Mut gehörte bereits zur Planung eines solchen Campus: Man muss für mehrere Generationen vorausdenken. Welche Räume brauchen wir in 40, 50 Jahren? Wie wird der Instrumentalunterricht aussehen? In welchen Formen von Geselligkeit werden die Menschen dann noch klassische Musik erleben wollen? Was an diesem ganzen Aufwand ist wirtschaftlich und ökologisch verantwortbar?
Immerhin konnte Trenkler im Frühjahr 2026 bekannt geben: Bauabschnitt eins der Kronberg Academy ist schuldenfrei! Die letzten Fördergelder der öffentlichen Hand, die gemeinsam mit privaten Geldgebern an der Baufinanzierung beteiligt war, sind eingegangen, die Überbrückungskredite getilgt. Ihm sei ein Stein vom Herzen gefallen, gesteht Trenkler.
Gelernt habe er während der Bauzeit vor allem, wie zeitaufwendig die Partnerschaften mit der öffentlichen Hand seien: Förderungszusagen bedeuten noch keine Geldüberweisungen. Aufwendige Prüfverfahren müssten dann erst die Zuwendungsfähigkeit solcher Bauprojekte sicherstellen. Die Verzögerung durch die Bürokratie treibt aber die Baukosten ebenso in die Höhe wie die Umständlichkeit der Ausschreibungsverfahren für die zu beauftragenden Firmen. Wenn dann durch Zahlungsverzögerungen Überbrückungskredite nötig werden, muss man schon starke Nerven und ein unterstützendes persönliches Umfeld haben, dass einen der Mut nicht verlässt.

Mut gehört auch zu dem nächsten Schritt, den Trenkler jetzt gehen muss: Er hat die Kronberg Academy gegründet und steht heute gemeinsam mit deren künstlerischem Leiter, dem Geiger Friedemann Eichhorn, an deren Spitze. Noch einmal 33 Jahre wird er die Institution vermutlich, bei aller Jugendlichkeit, die er versprüht, nicht begleiten können. Er muss die Kronberg Academy so absichern, dass sie ohne sein persönliches Engagement fortdauern kann.
Bislang finanziert sich die Academy zu einem Großteil über Spenden. Damit sie langfristig Bestand hat, muss sie finanziell auf sicheren Beinen stehen. Trenkler schwebt die Bildung eines Endowments vor: eines Kapitalgrundstocks im Stiftungsvermögen, dessen Erträge den Betrieb sicherstellen. Eine Größenordnung um 100 Millionen Euro schwebt ihm dabei vor. Da die Kronberg Academy schon jetzt über den deutschsprachigen Raum hinaus internationale und transkontinentale Unterstützung, darunter aus New York und Tokio, genießt, scheint diese Vorstellung nicht unrealistisch.
„Courage!“ steht als Motto auch über dem Festival der Kronberg Academy, das vom 22. September bis 4. Oktober stattfinden wird. Es ist eine Reminiszenz an den Cellisten Pablo Casals, der vor 150 Jahren geboren wurde und in vielerlei Hinsicht Mut bewiesen hatte. Aber es fragt auch danach: Wozu gehört heute Mut in der Kunst?
Im einfachsten und direktesten Sinne ist er in der Musik schon bei der Gestaltung eines inhaltlich aussagekräftigen Programms gefragt. Denn bei einigen erfolgreichen Musikfestivals fehlt er heute schon im Sinne eines eigenen künstlerischen Anspruchs. Durch die über Künstleragenturen vermittelten Engagements kommen überhaupt vielerorts austauschbare Programme mit populären Werken zustande. Das Kronberg Festival hat unterdessen von seinen kleinen Anfängen als Cello-Festival her, mit Konzerten in einer Kirche, im Rathaus und in der Stadthalle, traditionell Werkstattcharakter. Studenten auch aus den Meisterkursen erarbeiten von jeher mit den Dozenten in wechselnden, teils ungewöhnlichen Besetzungen auch entlegenere Werke, die für sie ergiebig und wichtig waren.
Hier reist Musik nicht durch, hier entsteht sie
Die Besucher seien hier an einem Ort, „wo Musik nicht nur durchreist, sondern entsteht“, sagt Trenkler gerne. Der Mut zur Rarität bleibt so in vielen der 27 Festivalkonzerte weiterhin erkennbar. Zwar sind etwa auch Cellokonzerte von Camille Saint-Saëns und Joseph Haydn zu hören. Aber daneben erklingen auch weniger bekannte von Édouard Lalo, Friedrich Gulda, Luigi Boccherini und als Uraufführung das Stück „Seasons“ für Cello und Streichorchester unter der Leitung des Komponisten Christian Jost.
Die 1992 geborene estnische Komponistin Alisson Kruusmaa hat eigens ein Werk zum Thema „Courage“ geschrieben, das die Kremerata Baltica unter Leitung von Gidon Kremer zur Uraufführung bringt. Ein weiteres Auftragswerk stammt von dem Briten Jeffrey Ching. Ein Streichensemble mit der Primaria Janine Jansen stellt es unter dem Titel „An die Musik“ vor.
Als Ensemble aus Studierenden und Alumni der Academy widmen sich die Kronberg Young Soloists unter der Leitung des Alte-Musik-Spezialisten Reinhard Goebel einem Programm zwischen Barock und Empfindsamkeit mit Werken auch von sogenannten „Kleinmeistern“. Das Nebeneinander und Miteinander von Altstars, zu Stars und Lehrenden gewordenen Ehemaligen und Studierenden ist dabei bezeichnend für die Academy. Dabei soll es stets um die „Weitergabe des Feuers“ gehen, wie das Festival 2024 überschrieben war, und nicht um „die Anbetung der Asche“. Der Mut, sich die Finger zu verbrennen, sollte demnach für die Musiker in Kronberg dazugehören.
Ungebrochen bleibt der Mut auch bei Raimund Trenkler selbst. Bald beginnen die Arbeiten für den Bauabschnitt zwei. Ein Wohnheim für Studenten – die „Casa Casals“ – wird entstehen mit 20 Zimmern und einem Bistro. Doch damit nicht genug: Die medizinische Forschung wird sich in Kronberg ansiedeln. Das neu gegründete Kronberg Institute for Music & Health will in einem „Living Lab“, einem Konzertsaal mit 88 Plätzen, die Möglichkeiten eines präventiven wie therapeutischen Einsatzes von Musik bei neurologischen Erkrankungen systematisch erforschen.
Trenkler beziffert die Kosten für den zweiten Bauabschnitt auf 25 Millionen Euro. Sie sollen ausschließlich privat erbracht werden. Das hessische Textilunternehmen Strauss aus Biebergemünd ist dabei frühzeitig in die Initiative gegangen. Schon für Ende 2028 wird mit der Fertigstellung des Konzertsaallabors gerechnet. Auch dieses Zutrauen in die heilende Kraft von Musik zeugt von Mut.
