Ein Bericht über die steigende Jugendarbeitslosigkeit in Großbritannien hat die Debatte über eine „verlorene Generation“ und Defizite im staatlichen Sozial-, Schul- und Gesundheitssystem angeheizt. Auch über den steigenden Mindestlohn wird neu diskutiert. Laut der für die Regierung erstellten Untersuchung des ehemaligen Ministers Alan Milburn verschärft sich die Jugendarbeitslosigkeit drastisch. Das oft verwendete Schreckens-Akronym lautet „Neet“: Not in Employment, Education or Training.
Aktuell sind laut Statistik fast eine Million Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 24 Jahren weder in einer Ausbildung noch in Arbeit, das sind rund 200.000 mehr als im Jahr 2020. Wenn sich die Trends so fortsetzen, werde die Zahl der jungen Arbeitslosen in den nächsten fünf Jahren auf etwa 1,25 Millionen steigen, warnt Milburn. Das entspricht einem Sechstel der jungen Generation. Der Ausschluss vom Arbeitsmarkt sei nicht mehr temporär, sondern werde dauerhaft.

„Uns droht eine verlorene Generation“, sagte Milburn, ein früherer Gesundheitsminister der Blair-Regierung. Er sprach von einem „Systemversagen“. Premierminister Keir Starmer schrieb zu dem Milburn-Bericht, junge Leute wollten arbeiten, doch das System schließe sie aus. Der Wirtschaftsverband CBI kommentierte, der Bericht offenbare „eine tragische Verschwendung von Potential“ der jungen Generation.
Die Jugendarbeitslosigkeit in Großbritannien hat noch nicht das Niveau wie in Frankreich erreicht, wo rund ein Fünftel der jungen Leute erwerbslos ist, was auch mit dem hohen Mindestlohn und der staatlichen Regulierung des Arbeitsmarktes erklärt wird. In Deutschland liegt die Quote laut offizieller Statistik mit etwas über sieben Prozent weitaus niedriger. Der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in Großbritannien führt dort nun zu einer besonders hitzigen Diskussion. Arbeitsminister Pat McFadden sagte anlässlich des Berichts: „Wir können es uns nicht leisten, eine ganze Generation junger Leute zu verlieren.“
Labour erhöht den Mindestlohn
Milburn fordert in seinem Bericht „einen kompletten Neuanfang“ in den Bereichen Schule, Bildung und Gesundheitswesen. Zu viele junge Menschen würden dauerhaft von Sozialleistungen abhängig und hätten zu wenig Anreize oder Möglichkeiten, in den Arbeitsmarkt zu finden. Das derzeitige System helfe ihnen zu wenig, da auf 25 Pfund, die für Sozialleistungen ausgegeben werden, nur etwa ein Pfund für Beschäftigungsförderung gezahlt werde, wie es in dem Bericht heißt.
Fast 60 Prozent der „Neets“ bis 24 Jahre hatten noch nie einen bezahlten Job, deutlich mehr als früher, heißt es in dem Milburn-Bericht. Jeder siebte junge Arbeitslose besitzt einen Hochschulabschluss, doch auch Uni-Abschlüsse garantieren keinen erfolgreichen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Premierminister Keir Starmer gab zu erkennen, wie unzufrieden er ist, dass einige Hochschulen zu wenig für den Arbeitsmarkt qualifizieren.
Milburn rief dazu auf, die berufliche Ausbildung zu stärken. Die Zahl der jungen Leute, die eine Lehre absolvieren, ist in den vergangenen Jahren entgegen den Ankündigungen und Versprechen der Labour-Regierung sogar gesunken. Innerhalb eines Jahrzehnts fiel die Zahl der Auszubildenden um 35 Prozent. Die größten Risikofaktoren für Jugendarbeitslosigkeit sind laut dem Bericht Schulabbruch und Absentismus. Die Zahl der Kinder, die dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben, ist seit der Covid-Krise gestiegen.
Zu viele werden krankgeschrieben
Auch über den staatlichen Mindestlohn wird nun wieder diskutiert. Labour hat im Wahlprogramm angekündigt, den Jugend-Mindestlohn auf das Erwachsenen-Mindestlohnniveau zu heben. Dieses wurde zum 1. April um vier Prozent auf 12,71 Pfund (14,65 Euro) angehoben. Der Mindestlohn für Achtzehn- bis Zwanzigjährige wurde sogar um mehr als acht Prozent erhöht. Er liegt aber noch knapp zwei Pfund unter dem allgemeinen Mindestlohn. Milburn sieht die Mindestlohn-Höhe für junge, unerfahrene Arbeitskräfte kritisch. Die Regierung habe „ein schwieriges Klima“ für Unternehmen geschaffen, Einstiegsjobs anzubieten. Das liege sowohl am höheren Mindestlohn als auch an dem neuen Gesetz für Arbeitnehmerrechte, sagte der Ex-Labour-Minister in einem Radiointerview.
Unter der einen Million „Neets“ sind mehrere Hunderttausende, die aufgrund ärztlicher Atteste Sozialleistungen beziehen. Intensiv diskutiert wird die stark gestiegene Zahl psychischer Diagnosen bei jungen Menschen. Der kürzlich zurückgetretene Labour-Gesundheitsminister Wes Streeting kritisierte einmal, dass psychische Erkrankungen und Neurodivergenz „überdiagnostiziert“ würden.
Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Konservativen, Helen Whately, sagte am Donnerstag in einem Radiointerview: „Zu viele Menschen werden krankgeschrieben, insbesondere wegen leichter psychischer Erkrankungen wie Angststörungen, leichten Depressionen und ADHS.“ Eine angestrebte Reform der staatlichen Sozialleistungen für Kranke durch die Regierung Starmer, um den Anstieg von Zahlungen zu bremsen, scheiterte bislang am Widerstand des linken Labour-Flügels.
