Martina Bollinger und Matthias Zimmermann haben jahrelang unter Engeln geschlafen, ohne davon zu wissen. Gerade rechtzeitig noch hat das Ehepaar aus Bad Homburg von dem mehr als 100 Jahre lang gehüteten Geheimnis erfahren – und ein Guckloch in die Schlafzimmerdecke gebohrt.
Kurz vor dem Auszug aus der Wohnung über Supp’s Buchhandlung in der Innenstadt lassen Bollinger und Zimmermann die Besucher auf einer Stehleiter durch das Bohrloch schauen. Der Blick fällt unmittelbar auf einen Putto mit Flöte. Denn die weiß getünchte Schlafzimmerdecke ist bloß eine Abhängevorrichtung über der eigentlichen Zimmerdecke. Und auf der befinden sich neun Gemälde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein jedes in Stuck eingefasst. Um die weiter entfernten Engel zu sehen, muss eine Kamera durch das Loch geführt werden.
Die Entdeckung machten die beiden nicht zufällig. Vielmehr habe eine Person, die davon gewusst habe, ihnen das Geheimnis offenbart. Genannt werden möchte diese Person Bollinger zufolge nicht. Zuvor habe die Mutter des 2019 in hohem Alter gestorbenen Buchhändlers Franz Ferdinand Supp ihrem Sohn von der Existenz der Engel erzählt. Um die Gemälde vor Bomben im Ersten Weltkrieg zu schützen, hätten sie und ihr Mann die Hängedecke eingebaut, soll die Mutter dem Sohn anvertraut haben.
Warum das Geheimnis jetzt gelüftet wurde
Der 1927 geborene Buchhändler, der zeit seines Lebens in dem Haus gewohnt habe, habe selbst keine Kinder gehabt. Also habe er das Geheimnis an die Vertrauensperson weitergegeben. Mit der Bitte: „Es darf nur gelüftet werden, wenn du meinst, dass es gelüftet werden muss.“ So erzählt es Bollinger. Der Grund, nun auch öffentlich von den Engeln zu sprechen, sei gewesen, dass in dem Haus von 1846 an der Louisenstraße möglicherweise eine Grundsanierung anstehe.
Bollinger hat die Traditionsbuchhandlung im Erdgeschoss seit 2017 geführt und zum 1. April dieses Jahres aus Altersgründen übergeben. Der Mietvertrag für die schon weitgehend leer geräumte Wohnung läuft nach ihren Angaben noch bis Ende Juni. Das Gebäude gehört, wie sie sagt, seit Supps Tod einer Stiftung. Gebohrt hat ihr Mann vor etwa zwei Wochen. Mit der Geheimnisträger-Person hätten sie einander nach dem ersten Blick nach oben in den Armen gelegen, sagt Bollinger. „Wir haben geweint, alle drei.“ Am Donnerstagnachmittag wollte das Ehepaar die Entdeckung auch Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) und Vertretern des Denkmalschutzes zeigen.

Sie selbst haben in den vergangenen Tagen viel geforscht. Dabei kam zutage, dass der Spielbank-Gründer François Blanc exakt in ihrer Wohnung lebte. Blanc ließ das erste Kurhaus der Stadt errichten, wofür laut Zimmermann ein Baurat namens Jacob Westerfeld mitverantwortlich war. Derselbe Baurat habe das Haus an der Louisenstraße betreut, sodass der Schluss naheliegt, dass es auch dieselben Künstler waren, welche die Wände im Kurhaus und der Privatwohnung des Spielbank-Betreibers bemalten.
Gregor Maier jedenfalls, Vorsitzender des Vereins für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg und außerdem Kulturamtsleiter des Hochtaunuskreises, schätzt die Engel als „spektakuläre Entdeckung“ ein. Bollinger berichtet zudem, dass das Gebäude beide Weltkriege fast ohne Schaden überstanden habe. „Ich sage immer, die Engel haben das Haus beschützt.“
