Kann ein Buch zugleich hochaktuell und veraltet sein? Dieses Paradox scheint aus heutiger Sicht auf Joshua Cohens Roman „Book of Numbers“ zuzutreffen. Versuch einer Erklärung: Als er 2015 im englischen Original erschien, wurde er bald als einer der großen Würfe satirischer Beschreibungen des Internetzeitalters erkannt. Während Dave Eggers kurz zuvor mit „The Circle“ immerhin die plakative Fiktionalisierung einer realen Gegenwart gelungen war, in der sich Massen von Menschen freiwillig einem Datenkraken wie Google ausliefern und dessen Pseudoreligion verbreiten, diese in der Form aber holzschnittartig und witzlos blieb, wurde Cohens Buch zum überambitionierten Gegenstück.
Von der Gegenkultur zur Cyberkultur
Das wird schon beim Versuch einer Wiedergabe des inhaltlichen Kerns deutlich: In „Book of Numbers“ soll ein Protagonist namens Joshua Cohen zum Ghostwriter der Biographie eines anderen Joshua Cohen werden. Der eine ist ein jüdischer Schriftsteller und Journalist, der andere Computer-Guru und Chef eines großen Internetkonzerns. Der eine ist angeekelt von der Digitalisierung, der andere hat diese maßgeblich geprägt. Zur Komplikation des erzählerischen Settings trägt bei, dass es großteils auf „unredigierten“ Tonprotokollen beruht, es noch viele andere Themenstränge und kaum chronologische Ordnung gibt.

Schon damals wirkte das Ergebnis wie ein historischer Roman, weil Cohen – wie vertrackt auch immer gebrochen durch metafiktionale Spiele – darin eine Technikgeschichte nacherzählt, die von der antiken Schriftkultur über den Buchdruck und den Lochkartencomputer bis in die Google-Gegenwart reicht, mit Schwerpunkt auf dem Kapitel „From Counterculture to Cyberculture“ (so der Titel eines real existierenden Sachbuchs). Kurz gesagt, also ergründen will, wie aus dem Geist der Hippies jener des Silicon Valley werden konnte.
Von der Anspielung auf das alttestamentliche Buch Numeri bis zur fiktionalisierten Fortschreibung der Wikileaks-Affäre bietet Cohens Roman eine Fülle von stark interpretationsbedürftigen Elementen. So nahe viele davon noch vor wenigen Jahren an der selbst erlebten Gegenwart schienen, so fern davon scheinen sie inzwischen, weil der Roman vor dem entscheidenden Sprung in der Entwicklung sogenannter Künstlicher Intelligenz endet: Er macht sich zwar lustig über den Sprachmüll von scheinbar großen Denkern und Entwicklern, aber er kennt noch nicht den Halluzinationsschrott der großen Sprachmodelle. Dadurch ist dieser historische Roman ganz schnell noch viel historischer geworden.
Bleibt die Frage, inwiefern „Book of Numbers“ aber andererseits doch weiterhin aktuell sein könnte. Vielleicht insofern, als dieses Buch folgendes Problem aufwirft: Wenn der Befund einer Unterwerfung des Geistes und der Literatur unter Konzerndenken und der damit einhergehende Kulturverfall schon vor knapp zehn Jahren Anlass für bittersten Sarkasmus gaben – wozu gibt dann der Zustand einer noch viel weiter heruntergekommenen, vielleicht gar nicht mehr parodierbaren Gegenwart Anlass, in der sogar Journalisten und Schriftsteller sich freiwillig von Algorithmen ersetzen lassen?
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
