Seit Johannes Golla seine „mentale Gesundheit“ als „gefährdet“ bezeichnet hat, falls er in Melsungen bleiben müsste, haben die Diskussionen um den Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft eine andere Tragweite bekommen. Ein Arbeitsplatz, an dem jemand wissentlich sein Wohlergehen riskiert? Golla hat den Druck auf seinen Arbeitgeber, die MT Melsungen, erhöht.
Der 28 Jahre alte Kreisläufer will die Nordhessen aus privaten Gründen verlassen und sich wieder der SG Flensburg-Handewitt anschließen – am besten schon zum 1. Juli 2027.
Golla war erst vor drei Monaten aus Flensburg nach Melsungen gewechselt. Ausgestattet mit einem wuchtigen Vertrag bis zum 30. Juni 2031, war er mit seiner Frau Elena und den beiden Kindern, fünf und drei Jahre alt, in ein Haus nahe Kassel gezogen. Weniger lange Fahrten aus dem Norden im Teambus und die Nähe zu seinen Eltern und Großeltern waren ausdrücklich Gründe des Umzugs.
Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt der Melsunger Vereinsvorstand Andreas Mohr: „Johannes Golla hat betont, dass die MT mit seiner Gefühlslage nichts zu tun hat. Ihn leitet der Wunsch, in die neue, alte Heimat zurückzukehren. Wir hatten und haben langfristige Pläne mit ihm. Wir müssen deswegen grundsätzlich Vertragstreue einfordern. Aber zu einem Vertrag gehören immer zwei Seiten.“
„Ich habe mich ehrlich und verletzlich wie nie gezeigt“
Golla wollte am Montag gegenüber der F.A.Z. nichts mehr zum Thema sagen. Er verwies auf seinen Instagram-Post. Darin schreibt er: „Ich habe mich gegenüber Melsungen ehrlich und verletzlich wie nie gezeigt. Das letzte Jahr war für uns außerordentlich schwer. Menschen, die mich gut kennen, haben längst gesehen, dass es mir nicht gut geht und dass es mittlerweile nicht ,nur‘ Heimweh ist, sondern meine mentale Gesundheit ernsthaft gefährdet ist.“ Dem Vernehmen nach soll es vor allem seine Ehefrau sein, die sich nach dem Umzug schlecht fühlt und die Fühler Richtung Flensburg ausgestreckt hat.
MT-Vorstand Mohr bemüht sich, das Thema emotional abzuschichten. Er befürchtet Schäden für alle Beteiligten, würde man den „Fall Golla“ nun allzu sehr mit Gefühlen aufladen. Er sagt: „Die Enttäuschung auf allen Ebenen ist groß bei uns. Aber wenn wir das Thema nun auf der emotionalen Ebene weiterspielen, haben wir nur Verlierer. Wir müssen das Dilemma sachlich lösen: Entweder Flensburg macht ein vertretbares Angebot oder sie machen es nicht. Dann gelten bestehende Verträge.“
Zu Gollas Vertragswerk gehört eine Ausstiegsklausel mit einer festgeschriebenen Ablöse. Sie soll, wie zu hören ist, bei mehr als 750.000 Euro liegen – eine hohe Summe für die Verhältnisse des Handballs.

MT-Chef Mohr ist 52 Jahre alt und seit zweieinhalb Jahren in Melsungen verantwortlich. Er sieht den Ball aufseiten der Flensburger liegen: „Solche Dinge gehören zum Profisport. Hier sind überall Menschen unterwegs und keine Maschinen. Aber wir müssen die Interessen der MT schützen und wahren. Wir hatten langfristige Planungen mit Johannes Golla verbunden.“
An dieser Stelle kommt die SG Flensburg-Handewitt ins Spiel. Deren Sportchef Ljubomir Vranjes bestätigt gegenüber der F.A.Z. Gespräche mit Melsungen. Eine Lösung sei jedoch weit entfernt. „Wir haben das nicht geplant. Wenn es in seinem Vertrag eine Möglichkeit gibt, ihn zu bekommen, ist es interessant für uns. Wir können eine Lösung finden. Johannes macht jede Mannschaft besser.“
Anders als Mohr sehen Vranjes und sein Geschäftsführer-Kollege Holger Glandorf Golla selbst am Zug. Er müsse seine vertragliche Situation klären. Dazu gehört auch, wann er denn zurückwechseln will. „Wir können ja Melsungen nicht zwingen. Wir richten uns nach seinem Vertrag“, sagt Vranjes.
Die Flensburger sind selbst Opfer veränderter Spielerpläne
Die Flensburger wissen gut, wie es ist, Opfer veränderter Pläne bei fest verankerten Spielern zu werden. So ist seit Langem bekannt, dass Rückraumstar Simon Pytlick die SG im nächsten Sommer Richtung Füchse Berlin verlassen wird. Dabei hatte die SG ihn als Mann des Aufbruchs, als zentralen Pfeiler aufgebaut.
Doch das Angebot aus Berlin schien zu verlockend: finanziell, aber auch mit der Aussicht, vom 1. Juli 2027 an mit Mathias Gidsel und Dika Mem zu agieren. Dabei hatte Flensburg Pytlicks Arbeitspapiere erst im April 2025 bis 2030 verlängert. Die feste Ablöse soll bei einer dreiviertel Million Euro liegen – die gleiche Summe also, wie sie bei Golla geschätzt wird. Auch durch frisches Geld aus der Hauptstadt könnte Flensburg somit für Golla „flüssig sein“. Ebenso passte eine Rückkehr des zuvor acht Jahre bei der SG spielenden Kapitäns in die Kaderpläne, denn die Verträge der aktuellen Kreisläufer Arnar Árnason und Blaž Blagotinšek laufen 2027 und 2028 aus.
Bleibt die Frage, wie umsichtig es ist, dass Golla seine „mentale Gesundheit“ als gefährdet bezeichnet hat. Als Druckmittel auf die MT oder als ehrliche Aussage – oder einer Mischung aus beidem?
Johannes Golla wirkt gefestigt und robust. Nicht wie einer, der stündlich auf Tuchfühlung zur eigenen Befindlichkeit geht. Seine Auftritte für die MT sind tadellos. Aber wie es dabei in ihm aussieht, kann natürlich niemand sehen.
