Schon die ersten Auszüge aus Jill Bidens Memoiren haben die amerikanischen Gemüter erhitzt. Unter dem Titel „View from the East Wing“, den der Verlag Simon & Schuster an diesem Dienstag veröffentlicht, erinnert sich die frühere First Lady der Vereinigten Staaten sachlich bis plaudernd an ihren Besuch der Krönung des britischen Königs Charles III. in der Westminster Abbey, Anekdoten mit ihren Enkeln und den Rauswurf am Northern Virginia Community College, wo sie während der Präsidentschaft ihres Ehemanns Joe weiterhin Englisch und Kreatives Schreiben unterrichtete. „Ich fühlte mich krank. Ich gab damals gerade Adventsfeiern im Weißen Haus und musste nach den Mails über meinen Rauswurf zuhören, wie Gruppen von Kindern ‚Jingle Bells‘ sangen“, schreibt Biden über den Winter 2023, ihren zweiten an der Pennsylvania Avenue.
Die Passagen über ihren Ehemann Joe, der im Alter von 78 Jahren als bislang ältester Präsident in der amerikanischen Geschichte ins Weiße Haus einzog, lesen sich derweil wie eine Mischung aus Erklärungsversuch und Rechtfertigung. „Mir fiel sofort auf, dass Joe nicht gut aussah. Von Anfang an schien er nicht er selbst zu sein“, erinnert sich Jill Biden an das Fernsehduell des damals 81 Jahre alten Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gegen seinen republikanischen Mitbewerber Donald Trump im Sommer 2024.

Der Auftritt im Studio des Senders CNN in Atlanta (Georgia) schien die Zweifel an Joe Bidens geistiger Gesundheit zu bestätigen, die viele Amerikaner nach einer Serie von verbalen Aussetzern, Namensverwechslungen und Treppenstürzen hegten. Zur Überraschung der Wähler lobte Jill Biden die Fernsehdebatte, die drei Wochen später zum Rücktritt ihres Ehemanns als Kandidat führte, damals als „großartig“.
Gespanntes Verhältnis zu Kamala Harris
In ihren Memoiren bietet die ehemalige First Lady nun eine neue Version. Im Studio in Atlanta habe sie damals einen Schlaganfall oder zu starke Medikamente zur Behandlung einer angeblichen Erkältung ihres Ehemannes vermutet. „Bis heute weiß ich nicht, was damals passiert ist“, schreibt die Vierundsiebzigjährige.
Dass der Präsident in den Stunden nach der Fernsehdebatte zu einer Wahlveranstaltung in ein Schnellrestaurant fuhr und am nächsten Tag zu einem Auftritt vor demokratischen Wahlhelfern nach North Carolina reiste, lasse diesen Erklärungsversuch aber unglaubwürdig erscheinen, monieren viele Amerikaner jetzt auf Jill Bidens Instagram-Seite. „Wenn Sie einen Schlaganfall bei Ihrem Mann annehmen, schleppen Sie ihn ins Waffle House? Wieder eine Lüge“, wirft ihr eine Nutzerin vor.
Andere spekulieren über Bidens angeblichen Versuch, durch die Memoiren das Zurschaustellen des offensichtlich angeschlagenen Präsidenten rechtfertigen zu wollen. „Ihnen war bewusst, dass Joe Biden nicht in der Lage war, ein Land zu führen“, schreibt ein Nutzer. „Aber Sie haben ihn trotzdem zu einer weiteren Amtszeit gedrängt. Warum haben Sie das amerikanische Volk bewusst hintergangen?“

Wie viel Einfluss Jill Biden damals aus dem Ostflügel, dem Büro der First Lady, auf das Oval Office im Westflügel des Weißen Hauses nahm, zeigt die Passage ihres Buchs über Kamala Harris, die nach dem plötzlichen Ende von Joe Bidens Kandidatur für die Demokratische Partei gegen Trump antrat. Seit Harris’ Rassismusvorwürfen gegen Joe Biden einige Jahre zuvor verband die First Lady und die Stellvertreterin ihres Ehemanns ein eher gespanntes Verhältnis.
Als Harris im Sommer 2024 laut „View from the East Wing“ drängte, unmittelbar nach Bidens Rücktrittserklärung als seine Nachfolgerin ausgerufen zu werden, ließ sich der Präsident Zeit und gab Harris’ Kandidatur erst später in einer separaten Mitteilung bekannt.
Dass Jill Biden die Scharmützel hinter den Kulissen wenige Monate vor den Zwischenwahlen wieder aufwärmt, kommt auch bei den Demokraten nicht gut an. Die Erinnerung an Joe Bidens kläglichen Fernsehauftritt und Harris’ Niederlage gegen Trump wirft einen Schatten auf die Partei, die im November beide Kammern des Kongresses von den Republikanern zurückgewinnen möchte.
„Bidens Memoiren haben wir gerade so nötig wie ein Loch im Kopf“, sagte Jim Manley, ein Berater der Demokratischen Partei, der „New York Post“. „Sie werden die Wahlen zwar nicht beeinflussen, sind aber eine unwillkommene Ablenkung.“
