Wenn Sandra Ludwig auf einer Party von ihrem Job erzählt, machen die Leute große Augen. „Sie sind immer sofort begeistert“, sagt die Ingenieurin, die in ganz Europa auf unterschiedlichen Bohrinseln tätig ist. Derzeit ist ihr Einsatzort die Offshore-Anlage Mittelplate in der Nordsee vor der Küste Schleswig-Holsteins. Rund 90 Menschen sind dort rund um die Uhr im Einsatz. Die Kielerin ist eine der wenigen Frauen, die hier arbeiten, und die Einzige, die direkt an den Bohrungen beteiligt ist. Das andere weibliche Personal ist vor allem für die Zimmerreinigung zuständig.

Die Einundfünfzigjährige ist vor einigen Tagen von Cuxhaven aus mit dem Schiff angereist, um die 33. Bohrung im größten deutschen Ölfeld mitzubetreuen. Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Jonink ist sie dafür zuständig, dass der frisch gesetzte, mit Industriediamanten belegte Bohrkopf durch das Sedimentgestein exakt in die gewünschte Richtung gesteuert wird. „Wir sind sehr spezialisiert auf das, was wir machen“, sagt Ludwig. Alle notwendigen Daten überwachen sie auf zehn Bildschirmen. „Manchmal reichen die noch nicht“, sagt der zweiundsechzigjährige Jonink.
Aus dem Rohöl wird Kerosin
Ludwig und Jonink sind für ihren Arbeitgeber, die Erdöl-Servicegesellschaft Baker Hughes aus Celle, in Europa als Richtbohr-Ingenieure im Einsatz. Seit rund 15 Jahren sind die beiden regelmäßig auch auf der Plattform Mittelplate. Seit Inbetriebnahme der Bohrinsel im Jahr 1987 wurden dort nach Angaben des Hamburger Betreibers Harbour Energy schon 43 Millionen Tonnen Öl gefördert.

Durch die Blockade des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus ist die Versorgung mit Erdöl auf der ganzen Welt unter Druck geraten. Daran ändert auch die deutsche Erdölförderung nichts. Diese trug im Jahr 2024 nach Angaben des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie nur zwei Prozent zur Deckung des bundesweiten Verbrauchs bei. Die wichtigsten Erdölfelder liegen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, Mittelplate ist das förderstärkste. Das Rohöl fließt dort durch eine unterirdische Pipeline im Wattenmeer nach Friedrichskoog. In Raffinerien wird es zu Kerosin für den Luftverkehr, zu Bitumen für den Straßenbau oder zu petrochemischen Produkten weiterverarbeitet, die für Medikamente, Kosmetika oder Reinigungsmittel verwendet werden.
Die Förderung soll spätestens 2041 enden
Gegen die Erlaubnis zur Ölförderung im Flora-Fauna-Habitat-Gebiet Wattenmeer ist derzeit eine Klage der Deutschen Umwelthilfe anhängig. Wie auch immer das Gerichtsverfahren ausgeht – spätestens im Jahr 2041 ist mit der Offshore-Förderung Schluss. 2024 hatte die Kieler Landesregierung angekündigt, keine Genehmigungen mehr für die Erschließung neuer Ölfelder in der Nordsee zu erteilen. Noch fließen jedoch jeden Tag 2,5 Millionen Liter Erdöl durch die Pipeline, berichtet Martin Buttchereit von Harbour Energy.

Es ist Nachmittag. Während ihr Kollege Jonink die Bohrung steuert und überwacht, ist Sandra Ludwig gerade erst aufgestanden. Sie hatte Nachtschicht, von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Sie teilt sich eine Kammer mit einer Kollegin, die in der Tagesschicht eingesetzt ist. „Dadurch hat man nach der Arbeit seine Ruhe und einen Rückzugsort für sich allein“, sagt Ludwig. Wenn sie nicht zu kaputt von der Arbeit ist, geht sie nach Feierabend in die Sauna, in den Fitnessraum oder vertreibt sich die Zeit mit Gesellschafts- und Computerspielen: „Wir haben auch schon mal einen Kinoabend organisiert.“
Zwei Wochen Arbeit, zwei Wochen frei
Alle Beschäftigten auf der Bohrinsel arbeiten im Zwölf-Stunden-Rhythmus, um einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb zu gewährleisten. Das Personal setzt sich zu zwei Dritteln aus externen Unternehmen zusammen. Zwei Wochen wird Sandra Ludwig bleiben, anschließend hat sie zwei Wochen frei. Bis zum Abschluss der aktuellen Bohrung voraussichtlich im August wird ihr Einsatzort Mittelplate bleiben. Auf den Einsatz hat sie sich gefreut: „Wir sind hier alle sehr familiär miteinander.»

Die Plattform ist fast so groß wie ein Fußballfeld. Der 70 Meter hohe Bohrturm überragt alle anderen festen Module auf der künstlichen Insel, auch das Wohnquartier mit Helikopter-Landeplatz, der für Notfälle vorgehalten wird. In der Bohranlage wird gerade ein neun Meter langes Rohr nach dem anderen ineinander verschraubt und in den Wattenmeerboden versenkt. Harte körperliche Arbeit ist das für die Facharbeiter längst nicht mehr. Stattdessen nutzen sie dafür Hightech-Anlagen.
„Technisch hochinteressant“
Wie sich das Rohr anschließend im Boden weiterbewegt, steuert Martin Jonink. Denn es geht nicht einfach senkrecht nach unten. Direkt unter der Plattform ist das Öl längst gefördert worden. Um an die Reserven in einem Radius von mehreren Kilometern zu gelangen, verzweigen sich die Bohrrohre spinnenbeinförmig. Im Büro von Ludwig und Jonink hängt ein Plan an der Wand, wie die Neigungen des aktuellen Rohres verlaufen müssen. „1449 Meter haben wir schon Richtung Nordwesten gebohrt“, sagt Martin Jonink. Bis zu 9000 Meter können die Rohre lang sein. Die Öllagerstätte selbst befindet sich in einer Tiefe von 2500 Metern.
„Die Arbeit ist technisch hochinteressant“, betont Jonink. Für ihn ist der Job auf der Bohrinsel ein permanentes Abenteuer. Sandra Ludwig kann ihm da nur zustimmen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, acht Stunden am Tag immer im selben Büro mit denselben Menschen zu arbeiten.“
