Uneingeweihte mögen an den Namen einer Pizzeria oder an das italienische Wort für Tomate denken, wenn sie von Antonio Cestis monumentaler Prunkoper „Il pomo d’oro“ hören. Der Titel des 1668 in Wien aus der Taufe gehobenen Werks verweist indes auf jenen mythischen Goldapfel, den die Göttin der Zwietracht aus Frust in eine Hochzeitsgesellschaft des Olymps warf, weil man sie dort nicht haben wollte. Als buchstäblicher Zankapfel entfacht das hinterhältige Präsent einen erbitterten Streit zwischen Hera, Athene und Aphrodite (bei Cesti heißen sie Giunone, Pallade und Venere) um die Frage, wer von ihnen die Schönste im Lande sei.
Götterchef Giove hält sich aus der Sache heraus und beauftragt den als Hirt aufgewachsenen trojanischen Königssohn Paris mit dem heiklen Urteil. Das führt freilich nicht zu Befriedung, sondern geradewegs in den Trojanischen Krieg. Natürlich endet die von Kaiser Leopold I. zu den Feierlichkeiten seiner Hochzeit mit Margarita Teresa von Spanien in Auftrag gegebene Festoper in fünf Akten samt Prolog nicht mit dieser Katastrophe.

Das auf verschiedenen Handlungsebenen ausgesponnene Libretto von Francesco Sbarra mündet nach mannigfachen, kunstvoll ineinander verschachtelten Verwicklungen in der Gegenwart des damaligen Habsburgerreichs. Giove zieht das Streitobjekt aus dem Verkehr und beschließt, es für eine Herrscherin aufzubewahren, die einst alle Vorzüge der drei Göttinnen in sich vereinigen wird. Als Personifikation aller Länder, die im Prolog Österreichs Ruhm gepriesen haben, erscheint Europa und spricht die goldene Trophäe der neuen Kaiserin zu.
Cestis „Il pomo d’oro“ gilt als aufwendigste Hofoper der Barockzeit. Ihre für Dezember 1666 geplante Uraufführung musste mehrfach verschoben werden, weil das eigens für das sündhaft teure Spektakel erbaute Theater nicht rechtzeitig fertig geworden war. Erst im Sommer 1668 konnte die fast zehnstündige, auf zwei nachmittägliche Aufführungen verteilte Show schließlich an den Start gehen. Für die effektvolle Darstellung von Göttererscheinungen, Seestürmen oder einstürzenden Mauern kam ausgeklügelte Bühnenmaschinerie zum Einsatz.
Cesti, 1623 in Arezzo geboren, hatte die üppig mit ernsten und humorvollen Szenarien garnierte Geschichte nach modernster venezianischer Manier vertont. Neben sechs Violinen, zwölf Bratschen, zwei Flöten, einer Trompete, Theorben, Lauten und einem Tasteninstrument stand ihm auch ein Ensemble mit zwei Cornetti, drei Posaunen, Fagott und Regal für die Gestaltung von Unterweltszenen zur Verfügung. Die Ballettmusiken für die Aktschlüsse stammten von seinem gleichaltrigen Kollegen Johann Heinrich Schmelzer. Alles in allem gab es siebenundsechzig Auftritte, die von zwölf Haupt- und zwanzig Nebendarstellern bestritten wurden. Kein Wunder, dass dieses musiktheatralische Nonplusultra nach der anlassbezogenen Premiere nie wieder gespielt wurde.
Zum fünfzigjährigen Bestehen der Innsbrucker Festwochen Alter Musik hat sich nun ihr musikalischer Leiter Ottavio Dantone auf das Wagnis eingelassen, das legendäre, wegen unvollständiger Überlieferung der Partitur als unaufführbar geltende Stück auf die Bühne zu bringen. Lange Zeit waren zwei der fünf Akte verschollen. Damit die Festoper jetzt im Tiroler Landestheater erstmals wieder in voller Länge präsentiert werden kann, hat Dantone mithilfe des komplett erhaltenen Librettos fehlende Teile anhand von mittlerweile aufgetauchten Fragmenten und weiteren Kompositionen Cestis rekonstruiert. Bei der Instrumentierung von rund drei Dutzend Arien, die nur mit Gesangslinie und Continuo-Part vorliegen, baute er auf seine intime Kenntnis des Gesamtwerks von Cesti. Solche Eingriffe sieht er nicht nur „als eine Art philologischer Operation, sondern auch als interpretatorischen Akt“.

Die fulminante Innsbrucker Produktion gibt Dantones gewagtem Unterfangen auf ganzer Linie recht. In zwei aufeinanderfolgenden, jeweils fast vierstündigen Abendvorstellungen wird Sbarras und Cestis pralles Panorama menschlicher Unzulänglichkeiten szenisch und musikalisch grandios entfesselt. Der italienische Regisseur Fabio Ceresa zelebriert den vokalen Huldigungs-Showdown des Prologs mit einem zwanzigköpfigen Gesangsensemble als groteske Misswahl – ein Vorgeschmack auf den stimmlich und schauspielerisch brillant ausgefochtenen Zickenkrieg der drei olympischen Göttinnen, der sich in immer neuen Konfrontationen über die folgenden fünf Akte hinzieht.
Nikolaus Webern entfacht für insgesamt fünfundsechzig verschiedene Szenen eine wahre Bilderflut, die barocke Theateroptik mit Einblicken in moderne Lebenswelten konfrontiert. Da verhandelt auch mal verkommenes Herrscherpack von Schurkenstaaten koksend seine schmutzigen Deals im Hinterzimmer. Mit kabarettistischen Anspielungen auf real existierende Akteure der Weltpolitik wird nicht gespart. Ihr Fett kriegen diese eitel-narzisstischen Wiedergänger antiker Gottheiten ebenso weg wie das zahlreiche normalsterbliche und buffoneske Personal. Ständig bewegt sich das turbulente, von zwei Tanzkompanien immer wieder rasant aufgemischte Geschehen auf der Kippe zwischen tödlichem Ernst und sarkastischem Spott.
Auch bei der Ausstattung hat man sich in Innsbruck nicht lumpen lassen. Zweihundertsechzig prächtige Kostüme zeugen von Giuseppe Palellas überbordender Phantasie. Die delikat musizierende Accademia Bizantina setzt unter Dantones präziser Leitung spitze Akzente in federleicht abhebenden Tänzen und lässt Cestis geradezu süchtig machende Musik in all ihren betörenden Farbmischungen glitzern. Und oft bezaubert Konzertmeister Alessandro Tampieri mit virtuos eingeflochtenen Violinsoli. Unmöglich ist es hier, die großartigen sängerischen und szenischen Einzelleistungen der opulent besetzten Jubiläumsproduktion zu würdigen.
Stellvertretend genannt seien der vorzügliche Chor Novo Canto, Mauro Borgioni als smarter Apfelrichter Paride, Mathilde Ortscheid als von ihm betrogene Geliebte Ennone, Alberto Allegrezza als dralle, drastisch-derbe Amme Filaura, Rocco Cavalluzzi als scharfzüngiges Lästermaul Momo, die mit wuchtigem Contralto als Alceste in den Krieg ziehende Margherita Maria Sala, das sardonisch bassknarrende Lachen von José Coca Loza als Plutone und Caronte, Jone Martínez als giftende Venere oder Shira Patchornik, die als Pallade die matronenhaft resolut auftrumpfende Giunone von Sophie Rennert an eisigen Koloraturen abprallen lässt. Der enorme Kraftakt aller Beteiligten wurde vom Premierenpublikum mit mehr als viertelstündigen Ovationen gefeiert.
