
Das Niedrigwasser im Rhein wäre schon Herausforderung genug für die chemische Industrie. Schließlich ist sie wie keine Zweite auf Wasser angewiesen: zur Kühlung ihrer Anlagen, um Dampf zu erzeugen und als Wasserstraße, auf der Rohstoffe und Chemikalien bis heute billiger und schneller und in größeren Mengen transportiert werden können, als das auf Lastwagen oder mit der Bahn möglich wäre.
Wie gesagt, der gefallene Rheinpegel wäre für die Fabriken an den Ufern des Flusses schon in normalen Zeiten eine Herausforderung. Die Zeiten aber sind nicht normal, und zu den Absurditäten der Weltwirtschaft ist seit einigen Monaten eine neue hinzugekommen: Ölmangel in Asien. Konkret, Teile der chinesischen Chemieindustrie hängen am Tropf. Die dringend benötigten Öltanker kommen wegen des Krieges am Persischen Golf nicht mehr durch die Straße von Hormus. Den Chinesen fehlen deshalb wichtige Rohstoffe, zudem verteuert der steigende Ölpreis ihre eigenen Exporte.
Das Wasserproblem wird bleiben
Die Folge: Zurzeit kommen deutlich weniger Chemikalien aus China in Europa an. Überraschter Profiteur davon war bislang die heimische Chemieindustrie, die sich ungeachtet höherer Energie- und Arbeitskosten plötzlich wieder als verlässlicher Lieferant für die europäische Industrie profilieren kann und erstmals seit Langem wieder über die alles entscheidende Preissetzungsmacht verfügt. Der niedrige Rheinpegel könnte das schnell wieder ändern und ausgerechnet jetzt die Lieferfähigkeit in Zweifel ziehen. Noch sind es Ausnahmen, aber wenn der Wasserstand weiter fällt, drohen ernsthafte Produktionskürzungen vor allem für die BASF, deren Stammwerk sich hinter der Engstelle des Rheines in Kaub befindet.
Der Befund: Der asiatischen Konkurrenz also fehlt es an Öl, den Deutschen an Wasser. Der Mangel an Öl dürfte bald wieder behoben sein, das Wasserproblem, so hat es den Anschein, aber wird bleiben. Niedrigwasserschiffe können helfen, das Ausbaggern der Engstelle in Kaub auch, am Ende ist das alles aber kaum mehr als Doktern an Symptomen. Denn der Klimawandel wird weitergehen und auch von der Industrie seinen Tribut zollen: erst für das Hochwasser, wenn die Gletscher schmelzen. Sind die Eismassen der Alpen weg, fehlt langfristig der sommerliche Wasserspeicher. Dann werden Niedrigwasserphasen im Rhein zur Normalität.
