
Bei einer Protestkundgebung nach dem Tod eines Studenten in Polizeigewahrsam im südenglischen Southampton ist es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Mehrere Teilnehmer der Proteste bewarfen Beamte mit Flaschen, Steinen und Mülltonnen, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag berichtete. Die Demonstranten hatten sich vor einer Polizeiwache versammelt und wollten dann durch das Stadtzentrum ziehen, wurden aber von der Polizei aufgehalten.
Hintergrund ist der Mord an einem 18 Jahre alten Studenten in der Hafenstadt im vergangenen Dezember durch einen 23-Jährigen, der am Montag zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Durch den Prozess war ein Video öffentlich geworden, das zeigt, wie Polizisten dem schwer verletzten 18-Jährigen damals Handschellen anlegten – anstatt ihm zu helfen. Wenig später starb er am Boden liegend, nachdem er mehrmals „I can’t breathe“ (“Ich kann nicht atmen”) gerufen hatte.
Täter behauptet rassistisch beleidigt worden zu sein
Der Täter hatten gegenüber den Polizisten am Tatort behauptet, er selbst sei das Opfer und als Angehöriger der Glaubensgemeinschaft Sikh rassistisch beleidigt worden. Dass die Beamten dem Täter Glauben schenkten, rief vielfach Empörung im Vereinigten Königreich hervor, insbesondere bei rechten Politikern. Sie warfen der Polizei vor, Weiße zu benachteiligen.
Nigel Farage, der rechtspopulistische Chef der Partei Reform UK, die derzeit die Umfragen in Großbritannien anführt, sah einen umgekehrten George-Floyd-Moment gekommen. Der Fall des schwarzen Mannes, der in der US-Metropole Minneapolis durch Polizeigewalt zu Tode kam, war ein Schlüsselmoment in der Black-Lives-Matter-Bewegung. In einem Videoaufruf auf der Plattform X prangerte Farage eine angebliche Zweiklassenkultur an, „in der die Rechte und Privilegien weißer Menschen weniger zählen als die ethnischer Minderheiten“.
Der liberaldemokratische Abgeordnete Max Wilkinson warf Farage daraufhin vor, „eine Tragödie dazu auszunutzen, um Gemeinschaften in Großbritannien auseinanderzubringen“. Das sei „spaltend, gefährlich und fundamental unbritisch“, so Wilkinson.
Sorge vor Krawallsommer in Großbritannien
Premierminister Keir Starmer bezeichnete den Fall als „furchtbar und schockierend“ und begrüßte eine angekündigte Untersuchung durch die Aufsichtsstelle für Polizeiverhalten IOPC. Er habe die Bodycam-Aufnahme gesehen, sagte er später in einer Videobotschaft und bezeichnete sie als „erschütternd“. Als Vater eines 17-Jährigen sei ihm schlecht geworden beim Zusehen, so der Premier. Es gebe nun gewichtige Fragen zu beantworten, nicht zuletzt wie Rassismusvorwürfe die Entscheidungen in dem Fall beeinflusst hätten.
Innenministerin Shabana Mahmood sagte bei einer Debatte im Unterhaus, die Untersuchung solle innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden. Sie warnte jedoch davor, „dass dieser Mord dazu führt, dass Gemeinschaften aufeinander losgehen.“ Ähnlich hatte sich auch der Vater des Opfers vor Gericht geäußert, wie die britische Nachrichtenagentur PA berichtete: „Wir wollen nicht, dass sein Tod dazu benutzt wird, noch mehr Spaltung, Hass oder Spannung zu schaffen.“
Rechtsextremist Tommy Robinson rief hingegen in einem wütenden Video-Appell zu einem spontanen Protest vor dem Polizeihauptquartier in Southampton auf. Er weckte damit Befürchtungen vor einem neuen Krawallsommer. Robinson hatte eine unrühmliche Rolle beim Anheizen rassistischer Ausschreitungen im Sommer 2024 gespielt. Damals wurden England und Nordirland wochenlang von gewaltsamen Ausschreitungen erschüttert. Dem Aufruf folgten bis zum frühen Abend etwa 2000 Menschen, wie der britische Nachrichtensender Sky News berichtete.
Laut Mahmood musste bereits ein Polizist mit seiner Familie umziehen, weil er Morddrohungen erhalten hatte, nachdem er fälschlicherweise mit dem Vorfall in Verbindung gebracht worden war.
