Wir leben in einer Zeit toxischer Diversität. Rivalisierende Gruppen kämpfen um möglichst hohe Ränge in Opfergruppenhierarchien. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und knapper Fördermittel heizt diesen Wettbewerb an. Die Buntheit, die Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kürzlich als Alternative zum fahrlässig behaupteten „Einheitsbraun“ der deutschen Gesellschaft formulierte, ist längst eine Buntheit in Feindschaft. Die Kunst steckt mittendrin in diesem Kampf.
Er wolle da nicht mitmachen, sagt Lars Petter Hagen, der Intendant der Festspiele in Bergen, Nordeuropas größten Mehrspartenfestivals. „Ich will die Leute zusammenbringen, nicht gegeneinander ausspielen, zusammenbringen durch gute Kunst, nicht durch Polemik oder die Jagd nach Aufmerksamkeit, indem man durch Provokationen sein Gegenüber reizt.“

Warum hat er dann die Theatergruppe um Milo Rau mit dem „Prozess Pelicot“ nach Norwegen eingeladen, ausgerechnet jenen Künstler, bei dem politische Provokation das Geschäftsmodell ausmacht? „Ganz einfach“, sagt Hagen, „weil Milo Rau einer der großen Theatermacher unserer Zeit ist und seine Stimme es verdient, gehört zu werden.“ Hagen grenzt nicht aus, aber er gleicht aus. „Die Theaterszene ist momentan ideologisch so aufgeheizt, wie die Szene der Neuen Musik es in den 1960er Jahren einmal war. Das Theater holt das jetzt nach. Wir können das nur begleiten.“
Hagen, selbst ein erfolgreicher Komponist, steht seit 2022 an der Spitze der Festspiele in Bergen, die 1951 am Geburtsort Edvard Griegs als nordisches Gegenstück zu den Salzburger Festspielen am Geburtsort Mozarts gegründet worden sind. Es gibt in den offiziellen Reden viel Lob für den Intendanten: „Die Zusammenarbeit mit den Festspielen war noch nie so gut wie jetzt“, sagt Sigurd Sverdrup Sandmo, Manager des Bergener Philharmonischen Orchesters, nach dem berauschend-fröhlichen Eröffnungskonzert mit Olivier Messiaens „Turangalîla“-Symphonie unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen. „Mit den Festspielen haben wir noch nie so harmonisch zusammengearbeitet wie derzeit“, behauptet auch Petter Snare, der Direktor des exzellenten Kunstmuseums KODE in Bergen, zu dem auch die Musikerhäuser von Edvard Grieg, Ole Bull und Harald Sæverud gehören, denen der phantastisch begabte, hinreißend spontane Pianist Christian Grøvlen als neuer künstlerischer Leiter vorsteht.
Solche Töne waren für Hagens Vorgänger Per Boye Hansen und Anders Beyer nicht angeschlagen worden, obwohl sie beide begeisternde, erfrischende Programme zusammengestellt hatten. Hagen gelingt es offenbar besser, Respekt gegenüber Partnern auszudrücken, Interessen auszugleichen und trotzdem keine Qualitätskompromisse zu machen – ein Intendant neuen Typs und neuen Führungsstils, dem die Zukunft gehören wird, wenn es gilt, die klassische Kunst unter den Bedingungen der Konsumentendemokratie zu retten. Über sich selbst sagt er: „Ich bin von thematischen Klammern für die Festspiele etwas weggekommen. Ich bin nicht besser oder klüger als die Künstler. Es geht mir darum, Raum zu schaffen, dass etwas möglich wird.“
Das gelingt ihm. Schon bei der Eröffnungszeremonie unter freiem Himmel, wo Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre den Besuch der Festspiele empfiehlt, als Akt des Widerstands gegen die Versklavung der Aufmerksamkeit durch die Algorithmen der sozialen Netzwerke, entkräftet die nicaraguanisch-norwegische Sängerin Victoria Randem alle Diskussionen um kulturelle Aneignung, Migration und kulturelle Zugehörigkeit: Als Latina singt sie Ole Bulls Idyll „Sæterjentens Søndag (Hirtenmädchens Sonntag)“, eine musikalische Ikone der norwegischen Nationalromantik.

Kurz danach macht das Hagen-Quartett bei seiner Abschiedstournee – es löst sich nach 45 Jahren auf – in der mittelalterlichen Håkonshalle in Bergen Station. Was für eine gesegnete Gelassenheit in Beethovens Streichquartett op. 135! Die grübelnden Fragen des Anfangsallegrettos, die in einen vergnügten Marsch übergehen, werden von den Streichern gleichsam in sich hineingesummt. Da muss nichts mehr exponiert, niemandem mehr imponiert werden. Lukas Hagen gönnt sich auf der ersten Violine sogar ein leise-seliges Seufzen, ein Portamento, als sei es eine schöne Erfahrung, der Welt endlich abhandenzukommen.
Das Spiel korrespondiert so schön mit Beethovens eigenem Schlusswort zu seinem Lebenswerk, das wie Funken verfliegt, nachdem der zielstrebigste Finalist und Konsequenzlogiker der klassischen Musik es den Spielern freigestellt hatte, den vorletzten Formteil „al suo piacere“ (zum eigenen Vergnügen) zu wiederholen. Dieses heitere „Macht doch, was ihr wollt“ ist eine überlegene Art, sich zu verabschieden.

Im Troldsalen, dem Kammermusiksaal neben Griegs Villa, gibt Alexander Gadjiev einen programmatisch hochintelligenten Klavierabend: Von Griegs „Klokkeklang“ aus den „Lyrischen Stücken“ op. 54 über Maurice Ravels „La vallée des cloches“ aus den „Miroirs“ bis zum orthodoxen Festläuten im „Großen Tor von Kiew“ aus Modest Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ beleuchtet er die pianistische Überschreibung des Glockenklangs. Dabei ist sein eigenes Forte warm, offen, ohne klirrende Härten, die Pedalnutzung zwar großzügig, aber sinnvoll in weite harmonische Felder untergliedert. Und Ravel hat nicht nur Mussorgskis Zyklus orchestriert, sondern zugleich eingestanden, keinen Ton komponiert zu haben, der nicht von Grieg beeinflusst sei.
Auch Salonen geht es im Eröffnungskonzert um solche Bezüge, wenn er Messiaens „Turangalîla“-Symphonie Richard Wagners Vorspiel und „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ voranstellt, deren tödliche Glücksentladungen Messiaen zu spirituellen Ekstasen umformuliert. Zugleich klingt Salonens Wagner eher nach Ernest Chausson oder Albéric Magnard – ein Wagner aus französischer Perspektive, in der Dissonanzen nicht mehr als Spannungen, sondern als reine Farbwerte begriffen werden. Diesem Farbenrausch setzt bei Messiaen der übervirtuose Pianist Bertrand Chamayou die klaren Kanten von Glasscheibensplittern entgegen, die in Gestalt von Kirchenfenstern den Komponisten ebenso beeindruckt hatten.
Die Säle sind ausverkauft. Für die Sami-Popsängerin Mari Boine stehen 200 Leute auf der Warteliste; in die gigantische Grieghalle kommen abends anderthalbtausend Menschen aller Einkommens- und Bildungsschichten zusammen, um der Sopranistin Lise Davidsen und dem Pianisten James Baillieu bei einem Liederabend zuzuhören: 80 Minuten lang nichts als Franz Schubert. Wird Davidsen laut, klingt sie wie auf einer Klavierhauptprobe zu Wagners „Tannhäuser“; bleibt sie leise, dann glüht ihre Stimme in fesselnder Schönheit und verströmt eine bergende Wärme. Davidsen, die in Bayreuth zum neuen Star Norwegens wurde, moderiert ihren Liederabend mit unverkrampfter Autorität. Sie versammelt die Massen, als wäre ein Liederabend das Lagerfeuer der Nation.
