
Viele Jahre fristete der Konflikt im Jemen ein Schattendasein jenseits der Schlagzeilen. Diese Zeiten sind vorbei, jetzt, da die Huthi-Rebellen den Seekrieg entdeckt haben und den Bab al-Mandab, das Tor der Tränen, eine der wichtigsten Meerengen überhaupt, im Würgegriff halten. Eine Arena für regionale Machtkämpfe war das bitterarme Land schon zuvor. Iran mehrte als Hauptsponsor der Huthi im Windschatten von Krieg und Chaos seinen Einfluss, auch im Roten Meer. Für den Westen schien der Krisenherd im Süden der Arabischen Halbinsel trotzdem in weiter Ferne zu liegen.
Der jüngste Eroberungszug der Huthi hat mit diesem Irrglauben endgültig aufgeräumt. Den Entscheidungsträgern in den Hauptstädten der Region, Europas und auch in Washington muss jetzt eines klar sein: Die jemenitischen Rebellen sind zu einem ernsten Problem für die ganze Welt geworden.
Es geht dabei nicht allein um die Sicherung überlebenswichtiger Schifffahrtsrouten und Energiekorridore gegen die Bedrohung durch die „Achse des Widerstands“ mit Iran an der Spitze. Oder, wenn man es noch dramatischer will, um die Gefahr eines neuen, von Teheran dominierten Status quo im Roten Meer.
Der Arm der Huthi reicht inzwischen bis in die arabische und afrikanische Nachbarschaft. Sie arbeiten mit Iran treu ergebenen Milizen im Irak zusammen. Die schiitische Rebellenbewegung entwickelt außerdem brandgefährliche Beziehungen zu den sunnitischen Extremisten der Gruppe al-Schabaab in Somalia, die mit dem Terroristennetz Al-Qaida im Bunde steht.
Es ist höchste Zeit, sich dieser Herausforderung durch die Huthi ernsthaft zu stellen. Und zwar im Schulterschluss. Zu lange haben die jemenitischen Extremisten davon profitiert, dass sich ihre Gegner, sowohl im Innern als auch im Ausland, über Eigeninteressen sowie alte Gegensätze entzweiten. Und dass der Westen die Gefahr, die vom Jemen-Konflikt ausgeht, unterschätzte. Illusionen und strategische Kurzsichtigkeit dürfen keinen Platz mehr haben.
Die Huthi-Gegner müssen ihre Spaltung überwinden
Für die jemenitischen Akteure heißt das, dass sie ihre Spaltung überwinden und mit Korruption und Nepotismus aufräumen müssen. Das Militär braucht effektive Kommandostrukturen. Ohne eine schlagkräftige Truppe am Boden wird es nicht gelingen, die Huthi-Rebellen zurückzudrängen. Sie haben mehrmals unter Beweis gestellt, dass sie allein mit Luftangriffskampagnen nicht einzudämmen sind. Auch müssen Saudi-Arabien, Führungsmacht des Anti-Huthi-Bündnisses, und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Differenzen beilegen.
Riad hatte sich schwer verhoben, als es im Winter seinen Führungsanspruch im Jemen mit harten Bandagen durchsetzte. Während Saudi-Arabien auf die international anerkannte Führung setzt, arbeiteten die Emirate eng mit Separatistenmilizen zusammen, die eine Abspaltung des Südjemens anstreben. Das saudische Militär flog seinerzeit sogar Angriffe auf diese Separatisten, die – ermutigt von ihren emiratischen Förderern – im Süden kurzzeitig die Kontrolle übernommen hatten. Die Emirate zogen sich verärgert zurück.
Kronprinz Muhammad bin Salman, der faktische Herrscher des saudischen Königreiches, ist jetzt in einer schwierigen Lage. Die Huthi steuern auf Eskalationskurs und nehmen sein Land unter Beschuss. Ein aggressiveres Iran und seine Alliierten haben außerdem mit der Ost-West-Pipeline ans Rote Meer eine zentrale, alternative Exportroute für den saudischen Öl-Export lahmgelegt.
Auch wenn die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass die Saudis vorerst gescheitert sind, sollten sich die Emirate nicht auf Schadenfreude verlegen. Dafür ist der gemeinsame Feind zu gefährlich geworden. Keine der beiden Golfmonarchien kann ihre strategischen Ziele im Jemen im Alleingang erreichen. Beide haben gemeinsam schon Erfolge gegen die Huthi errungen.
Zugeständnisse gibt es nur mit dauerhaftem militärischen Druck
Auch Washington muss die Zeichen der Zeit erkennen. Donald Trump kann sich nicht darauf ausruhen, dass die Huthi einen neuen Waffengang mit den USA scheuen. Der Schaden, den sie der Weltwirtschaft zufügen, geht an niemandem spurlos vorbei. Und dem Frieden mit den jemenitischen Rebellen ist nie zu trauen. Es ist eine der Lehren aus den vergangenen Jahren, dass die Huthi nur unter Druck Zugeständnisse machen. Dass sie jede Atempause nutzen, um Kräfte für die nächste Konfrontation zu sammeln. Mit der Unterstützung durch amerikanische Feuerkraft könnte es allerdings gelingen, die Huthi an die Grenzen ihrer Schmerztoleranz zu bringen.
Über die Grenzen des Erreichbaren sollte man sich aber keine weiteren Illusionen machen. Es geht nicht mehr darum, die Huthi aus der Hauptstadt Sanaa zu vertreiben. Es geht um Eindämmung. Bestenfalls darum, die Huthi durch eine konsequente und ausdauernde Kampagne militärischen und wirtschaftlichen Drucks an den Verhandlungstisch zu zwingen und durch glaubwürdige Abschreckung Bedingungen für eine belastbare, für alle Seiten gesichtswahrende Verhandlungslösung zu schaffen. Höchste Zeit ist es außerdem, den Konflikt im Jemen endlich zu beenden. Die Jemeniten haben mehr als genug gelitten.
