
Das Urlaubsland Italien sieht sich dieses Jahr stärker als üblich äußeren Einflüssen auf das Reiseverhalten der Sommerfrischler ausgesetzt. Am Gardasee, einem der liebsten Destinationen deutscher Urlauber südlich der Alpen, klagt die örtliche Fremdenverkehrswirtschaft zum Ausklang der Sommersaison über einen merklichen Rückgang deutscher Gäste.
Dem „Corriere del Veneto“ sagte Fabio Pasqualini, Präsident des Handelsverbandes von Bardolino am Südostufer des Gardasees, es habe in diesem Jahr einen spürbaren Wandel im Tourismus gegeben: „Deutsche und Italiener fehlen, was teilweise durch vermehrte Ankünfte aus Nordeuropa ausgeglichen wird.“
Die Gäste aus Skandinavien, auch aus den Niederlanden, zeigten aber ein anderes Konsumverhalten als die Einheimischen und die Deutschen, die nach Jahrzehnten der Urlaubserfahrung im Belpaese viele Gewohnheiten der Italiener übernommen hätten.
„Die Touristen aus dem Norden nehmen nachmittags keinen Aperitivo, sie gehen nicht shoppen, sie bleiben fast den ganzen Tag auf ihren Campingplätzen“, klagt Pasqualini, der in Bardolino Pensionen, Ferienwohnungen, Geschäfte und gastronomische Einrichtungen betreibt.
Baustellen auf dem Weg von Süddeutschland schrecken ab
Seine Stammkunden aus Süddeutschland blieben wegen der Bauarbeiten auf der Brennerautobahn lieber zu Hause: „Auf der Luegbrücke am Brenner ist nur eine Fahrspur befahrbar. Die Fahrt aus Bayern dauerte früher fünf Stunden, jetzt sind es sieben. Selbst Leute mit einer Zweitwohnung am Gardasee kommen deshalb nicht mehr jedes Wochenende hierher.“
Besonders stark leide der Handel unter diesem Strukturwandel, sagt Pasqualini: „Wir rechnen mit einem Rückgang von 10 bis 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ Auch in der Gastronomie mache sich das geänderte Urlauberprofil bemerkbar: „Die Restaurants leeren sich nach 22.30 Uhr oder 23.00 Uhr rapide. Früher sind die Gäste mindestens bis Mitternacht geblieben. Auch der See selbst ist nicht mehr so attraktiv wie früher. Er wird von überwiegend jungen Leuten frequentiert, die nach dem Abendessen nicht mehr wissen, wie man sich angemessen amüsiert. Ständig ist von Übertourismus die Rede, als würden sich die Leute überall auf die Füße treten. Aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so voll.“
Auch aus der Hotelbranche kommen Klagen. Die Buchungen seien zurückgegangen, sagt Virginia Torre, Präsidentin des Hotelverbands in Lazise, einem Nachbarort von Bardolino. Die Reservierungen durch Stammgäste seien seit dem Winter zwar stabil geblieben, aber Last-Minute-Buchungen und Reservierungen für die folgenden zwei Wochen würden faktisch ausfallen. „Auch Anfragen über das Telefon oder über E-Mail erreichen uns überhaupt nicht mehr“, sagt Torre. „Wir sind nur zu 70 bis 80 Prozent belegt, mindestens 20 Prozent der Zimmer bleiben leer.“
Auch der Preisanstieg sei einer der Gründe
Auch die Italiener könnten den Einbruch bei den deutschen Urlaubern nicht wettmachen. „Es kommen nur sehr wenige, und sie bleiben nur zwei bis drei Tage oder übers Wochenende.“ Auch der allgemeine Preisanstieg wirke sich aus. „Für den Besuch in der Pizzeria zahlte eine vierköpfige Familie früher vielleicht 50 Euro. Heute ist es das Doppelte“, sagt Torre. Und die ausländischen Besucher gingen früh zum Abendessen: „Bis 22 Uhr sind die Restaurants gut besucht, danach sieht man niemanden mehr.“
Eine verhalten positive Bilanz zieht Giovanni Bernini, Präsident des Verbandes der Campingplatzbetreiber am Ostufer des Sees. „Derzeit sind unsere Plätze noch voll. Die ersten Tage im Juli haben wir einen leichten Rückgang verzeichnet, doch dann ist die Belegung wieder besser geworden. Seit Mitte August sehen wir wieder einen Buchungsrückgang. Die Konsumentenpreise am See sind – wie überall sonst auch – zu stark gestiegen. Deshalb halten die Leute ihr Geld zusammen.“
Insgesamt aber darf sich Italien abermals über einen sehr erfolgreichen Verlauf der Saison freuen. Nach Angaben des Tourismusministeriums in Rom verzeichnete Italien im Sommer 2026 wieder einen Rekord. In den Monaten Juni, Juli und August wurden 72,4 Millionen Ankünfte und 276 Millionen Übernachtungen registriert, teilte Minister Gianmarco Mazzi mit.
Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg die Zahl der Übernachtungen um mehr als 5,5 Millionen oder rund zwei Prozent. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer lag bei 3,8 Nächten. Ausländische Gäste trugen maßgeblich zum Wachstum bei. Ihre Zahl der Übernachtungen stieg um 4,4 Prozent. Besonders während der Hochsaison im August blieben ausländische Gäste länger im Land. „2025 war bereits ein Rekordjahr, aber dieses Jahr ist noch besser“, sagte der Minister bei der Vorstellung der Zahlen.
Im Sommer 2025 waren gut 260 Millionen Übernachtungen gezählt worden, bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 3,5 Nächten. Ausländische Gäste hatten 2025 erstmals einen größeren Anteil an den Übernachtungen als italienische Reisende.
Auch die Krise im Nahen Osten hatte für Italien offenbar einen positiven Nebeneffekt im Fremdenverkehr. Viele Reisende aus europäischen Staaten haben sich wegen der unsicheren Lage gegen Flugreisen entschieden – zumal zu Destinationen am Golf – und stattdessen eine Urlaubsreise mit dem Auto unternommen, etwa nach Italien. Auch deshalb lag der Zuwachs in diesem Sommer im Vergleich zum Vorjahr bei Besuchern aus dem Ausland um 1,7 Prozentpunkte über der Wachstumsquote bei den inländischen Gästen.
