An diesem Julinachmittag ist das Humboldt-Forum eine Insel der Ruhe. Vor den rekonstruierten Barockfassaden des einstigen Hohenzollernschlosses haben sich Eis- und Würstchenbuden breitgemacht, Berlin-Besucher sitzen auf Liegestühlen und trinken Cocktails und Bier, aber drinnen verläuft sich das Publikum in den hohen Gängen und Treppenhäusern des riesigen Schlossbaus. In der Ausstellung „Berlin Global“ im ersten Stock hat sich wenig verändert, nur dass die darin geübte Gleichsetzung von Holocaust und Kolonialzeit, Antisemitismus und Antiislamismus und die Subsumierung der Revolutionen von 1848 und 1918, des Volksaufstands und 1953 und des Mauerfalls von 1989 unter den pauschalen Begriff „Revolution“ mittlerweile noch anstößiger erscheint als bei der Eröffnung vor fünf Jahren.
Auch die Afrika-Ausstellung des Ethnologischen Museums im zweiten Obergeschoss hat sich nicht von der Stelle gerührt. Erst eine Art Trophäensaal („Schaumagazin“) mit wandhohen, nach Sammlern statt nach Regionen sortierten Vitrinen, dann der überbelichtete, kantinenhaft helle Kamerun-Saal mit seiner ziellosen Kolonialismuskritik, schließlich die Kongo-Sammlung, aus der man über Neuguinea, Ozeanien, das Musikinstrumentenkabinett sowie Nord- und Südamerika in halbstündigem Fußmarsch die Benin-Bronzen erreicht, die wie eine Parade glücklich entschärfter Artilleriegranaten auf abgetreppten Weißflächen und in Hochsicherheitsvitrinen die Museumswanderer erwarten.
Die Liebesaffäre der Deutschen mit der weiten Welt
So geht es weiter: museale Großarchitekturen wie in den Sälen zur Seidenstraße und zum chinesischen Kaiserhof wechseln mit Vitrinen-Labyrinthen, Sonderschauen wie die des indigenen brasilianischen Künstlers Feliciano Lana hängen neben Multimediapräsentationen zu Flüssen und Bergen, Gruppenausstellungen zum Thema Familie, Reliefabgüssen aus Angkor Wat und Theaterpuppen aus Myanmar. Endlich erreicht man in der äußersten Südostecke die Abteilung „Aspekte des Islam“, den Hotspot der museumsdidaktischen Aktualität – und hier, ausgerechnet, ist es völlig leer. Die Besuchergruppen aus Südkorea, Spanien und Dänemark sind in den Sälen zum Hinduismus und zur japanischen Teezeremonie geblieben. Die Einzelbesucher aus Mailand und München erfreuen sich an den Objekten vom Sepik-Strom und aus Neukaledonien. Und im Werkstättenbereich, der einmal „Humboldt-Akademie“ heißen sollte, lümmeln erschöpfte Mütter auf Sofabänken, während ihre Sprösslinge zwischen den mit Krimskrams gefüllten Schaufenstern des „Objekt-Salons“ herumtoben.
Hätte man dieses Zustandsbild den Erfindern des Humboldt-Forums seinerzeit als Film vorgeführt, wäre das Projekt wohl nie zustande gekommen. Damals, vor gut zwanzig Jahren, war von „Weltwissen“ die Rede, von einer Wunderkammer des Geistes, die das deutsche Abenteuer der Weltentdeckung spiegeln sollte, einem Museum, das viel mehr als ein Museum sein würde: ein Zukunftslabor, ein Debattenraum, ein Treffpunkt aller Epochen und Kulturen. Und je heftiger die Verächter der Schlossfassade gegen die Außenhülle des Forums hetzten, in desto glühenderen Farben malten deren Verfechter seinen künftigen Inhalt. Das Humboldt-Forum sollte eine Beziehung wiederbeleben, die spätestens mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus abgerissen war: die Liebesaffäre der Deutschen mit der weiten Welt.

Diese Zeiten sind vorbei. Wer heute ins Humboldt-Forum geht, läuft durch die Ruine eines Konzepts, das nie wirklich zum Leben erwacht ist. Am überzeugendsten wirken in diesem Trümmerhaufen noch diejenigen Teile, die keine tragende Funktion haben, wie die auf mehrere Säle verteilte „Geschichte des Ortes“ oder das „Labor“ der Humboldt-Universität mit seiner Themenausstellung „On Water“. Aber auch sie haben nicht annähernd den Publikumszuspruch, den man sich einmal erhofft hat. Weniger als ein Viertel der 3,3 Millionen Besucher, die die Stiftung Humboldt Forum im vergangenen Jahr gemeldet hat, finden den Weg in die weiträumigen Museumsbereiche des Gebäudes, die meisten fahren lieber direkt zum Dachrestaurant, um von dort aus den Blick über Berlin zu genießen, oder tummeln sich im Schlüterhof mit seinem „Lebenswelten“-Bistro. Als Sehenswürdigkeit hat sich der rekonstruierte Schlossbau durchgesetzt, als Kulturort dümpelt er dahin.
Das liegt an einem Grundfehler seines Konzepts. Die Eigenperspektive des Humboldt-Forums wurde nie gründlich genug durchdacht. Deshalb hat sich ein fremder Blick seiner Exponate bemächtigt. Schon vor der Grundsteinlegung brandmarkten postkoloniale Aktivisten die Sammlungen des Ethnologischen und des Asiatischen Museums pauschal als Raubkunst. Bis zur Eröffnung der Dauerausstellung im September 2021 wurde dieses Narrativ so mächtig, dass der Bundespräsident, die Kulturstaatsministerin und die Festrednerin Chimamanda Ngozi Adichie es ungeprüft nachbeteten. Dabei machen die Afrika-Bestände der Ethnologen, auf die sich die postkoloniale Polemik vor allem bezieht, nur einen Teil, und nicht einmal den bedeutendsten, der Dauerausstellung aus. Die überragenden asiatischen Sammlungen haben bislang keine Rückgabeforderungen aus ihren Herkunftsländern ausgelöst, im Gegenteil: Einige Nationen, etwa Südkorea, sähen sich gern stärker im Berliner Schloss repräsentiert.
„Die Bestie ist hier, und ihr werdet alle sterben“
Aber die postkoloniale Erzählung ist so dominant geworden, dass sie inzwischen alle Aktivitäten des Hauses bestimmt, besonders jenen Ereigniskalender, der von der Stiftung Humboldt Forum unter ihrem Intendanten Hartmut Dorgerloh bestückt wird. Sein vorläufiger Höhepunkt war die Tanz-Performance „Dear Museum“ des Südafrikaners Albert Ibokwe Khosa, die vor sechs Wochen im Schlossbau gastierte. In einer anderthalbstündigen Tour de Force rührt Khosa gemeinsam mit seiner Bühnenpartnerin alles zusammen, was ihm zum Stichwortpaar „Kolonialismus“ und „Deutschland“ einfällt: die Kongo-Konferenz, den Völkermord an den Herero und Nama, den Maji-Maji-Aufstand, den Sklavenhandel, die Angst der Weißen vor der Rache der Schwarzen („Die Bestie ist hier, und ihr werdet alle sterben“) und die Wut der Kolonisierten auf ihre Unterdrücker („Aasfresser, Blutsauger, Kannibalen!“).
Nach etwa einer Stunde fordern die beiden Performer ihr Publikum auf, die Parole, in der ihr Auftritt kulminiert, im Chor zu wiederholen: „Decolonize the colonizers“ – „Dekolonisiert die Kolonialisten!“ Und die Zuschauer, eben noch als Träger der kolonialen Erbschuld des Deutschen Kaiserreichs angeklagt, brüllen gehorsam mit. Es ist eine kollektive Selbstfreisprechung, ein Bußgebet mit unmittelbar folgender Absolution. Dass zu der Wiedergutmachung, die Khosa als Vertreter „meines Kontinents“, wie er sagt, verlangt, die Rückgabe sämtlicher Artefakte afrikanischer Herkunft aus deutschen Museen gehört, ist den Rufern offenbar egal – oder es kommt ihnen gerade recht.

Das Humboldt-Forum wird so zum Sprachrohr für seine eigene Abschaffung. Es wird zur Bühne für jene historisch unaufgeklärte, die gesamte Kulturgeschichte in Gut und Böse, Täter und Opfer sortierenden Dogmatik, die es doch gerade widerlegen wollte. Statt von Austausch und gegenseitiger Wahrnehmung spricht es von Schuld, Scham und Sühne. Es ist, als hätten die Ethnologen und Asienkundler vergessen nachzuschauen, was in den letzten sechshundert Jahren auf der Welt passiert ist, und beeilten sich nun in nachholendem Eifer, möglichst alle Positionen der Postkolonialen zu übernehmen.
Für die Bundespolitik ist das Humboldt-Forum deshalb vermintes Gelände. Das feindselige Desinteresse von Claudia Roth war mit Händen zu greifen, und bei ihrem Nachfolger sieht es nicht viel besser aus. Dabei hätte gerade Wolfram Weimer die Chance, das Haus auf ein neues Gleis zu setzen. Die Gelegenheit dazu ergibt sich im nächsten Jahr, wenn die Berlin-Ausstellung planmäßig abgeräumt und das halbe erste Obergeschoss mit 4000 Quadratmetern Fläche zur Verfügungsmasse wird. Hinter den Kulissen wird seit Monaten um diesen Platz gefeilscht. Das Land Berlin möchte hier eine Präsentation zum Mauerfall und zum Ende der DDR einrichten – am falschen Ort, denn der Palast der Republik, der hier stand, war gerade kein Schauplatz der Friedlichen Revolution. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will das Museum Europäischer Kulturen in den Sälen unterbringen – eine sinnvolle, aber nicht dringliche Idee, denn das Museum hat einen sicheren Standort in Dahlem.
Der Völkermord wurde damals im Reichstag debattiert
Der dritte Kandidat für die frei werdenden Flächen ist das Deutsche Historische Museum. Seit fünf Jahren hat es keine Dauerausstellung mehr, und durch die Verzögerungen bei der Sanierung des Zeughauses Unter den Linden ist die Wiedereröffnung auf frühestens 2030 verschoben; ein Zustand, der, wenn man es sich richtig überlegt, angesichts der aktuellen politischen Deutungskämpfe um die deutsche Geschichte eigentlich unhaltbar ist. Ein vorübergehender Einzug des DHM könnte aber nicht nur dessen eigene Notlage, sondern auch das konzeptionelle Grundproblem des Humboldt-Forums lösen. Denn die Interimsausstellung des Museums im Schlossbau müsste sich wegen der kleineren Fläche auf einen historischen Ausschnitt beschränken – und dieser Ausschnitt könnte eben das Deutsche Kaiserreich mit seinen Kolonien in Asien und Afrika und das Fortdauern kolonialer Pläne und Projekte im Nationalsozialismus umfassen.
So würde man etwa erfahren, wie es möglich war, dass einige Hundert deutsche Kolonialbeamte und Offiziere und einige Tausend schwarze Söldner eine nach Millionen zählende afrikanische Bevölkerung auf einer Fläche vom Umfang ganz Westeuropas in Schach halten konnten (nämlich durch umfassende Kollaboration der Einheimischen) oder unter welchen Umständen der Völkermord an den Herero und Nama tatsächlich stattfand (nämlich begleitet von einer erbitterten Debatte im Reichstag und in deutschen Zeitungen und einem Machtkampf in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika). Das taumelnde Humboldt-Forum bekäme ein festes Rückgrat in Gestalt historischer Aufklärung.
Rein zufällig und turnusmäßig muss im kommenden Jahr auch der Hauptstadtvertrag novelliert werden, der unter anderem das kulturelle Engagement des Bundes in Berlin regelt. Der Vertrag, dessen Aushandlung derzeit wegen der politischen Schwäche der Regierung Wegner stockt, böte den idealen Hebel dafür, hinter den Schlossfassaden endlich etwas in Bewegung zu bringen. Die nötigen Machtmittel hat der Kulturstaatsminister in der Hand, denn das Land Berlin ist bei der anstehenden milliardenteuren Sanierung der Philharmonie auf die Hilfe des Bundes angewiesen und muss ihm deshalb an anderer Stelle entgegenkommen. Für ein solches Regierungshandeln müsste Wolfram Weimer allerdings zwei Voraussetzungen mitbringen, die er bisher nicht öffentlich gezeigt hat: ein entschiedenes Interesse an der Zukunft des Humboldt-Forums – und den festen Willen, zwischen der Ideologie der Postkolonialen und den historischen Verzerrungen der AfD einen dritten Weg zu finden, eine Strategie, die den Nutzern des Berliner Schlosses aus ihrer Haltung der Selbstverleugnung heraushilft. Fünf Jahre lang hat die Kulturpolitik des Bundes dabei zugesehen, wie ihr einstiges Lieblingsprojekt in eine Sackgasse lief. Jetzt ist sie am Zug.
