
Neulich hat sich Henryk M. Broder wieder ins Zeug gelegt und in seiner Paradedisziplin geübt. Bei der geht es darum, die sich moralisch überlegen Dünkenden – zumeist auf der linken Seite des politischen Spektrums, aber nicht nur – der Heuchelei zu überführen.
In diesem Fall ging es um die Schwimmbadaktion der Berliner Volksbühne, mit welcher der neue Intendant Matthias Lilienthal abgesoffen ist. Ein Badetag nur für Schwarze, auf den es an einem Nachmittag hinauslaufen sollte, ist in den Augen Broders, dieses scharfen Beobachters deutscher Befindlichkeiten, nichts anderes als „umgekehrter Rassismus“. Wie schwarz hätte man sein müssen, um in das Privileg des Badetages zu kommen?“, fragte er und wies den Theatervordemtheatermacher Lilienthal, an dessen „Volksbad“ schließlich die Dumpfparole „Fickt euch!“ hing, als das aus, was er ist: deppert.
Man muss einen Ausritt Broders gegen den woken, sich selbst genügenden Zeitgeist wie diesen auf dem Sender „Welt TV“ (der mit derlei Debatten einen Großteil seines Programms bestreitet) nicht unbedingt mitmachen und könnte denken: Mit ein paar PS weniger ginge es auch. Doch ist sein Ansatzpunkt, Doppelmoral, Feigheit, Mitläufertum und ideologisches, totalitäres Denken zu geißeln, stets schlagend.
Seine Eltern überlebten den Holocaust
1946 im polnischen Katowice geboren, als Sohn von Holocaustüberlebenden, kam Henryk Marcin Broder 1958 in die Bundesrepublik. Er erlebte in Köln eine, wie er sagte, furchtbare Schulzeit, über die er weiter nichts zu Protokoll gibt. Er studierte Jura, Soziologie und Volkswirtschaft, schrieb für „Konkret“, die „Frankfurter Rundschau“ und die „St. Pauli Nachrichten“, lernte Stefan Aust und Günter Wallraff kennen. 1981 siedelte er nach Israel über, um Abstand von dem rasant wachsenden Antisemitismus der deutschen Linken zu gewinnen (der sich weiter verschlimmert hat). Zehn Jahre später kehrte er nach Berlin zurück. Er schrieb für den „Spiegel“ und publiziert in der „Welt“. Seit 2004 betreibt Broder als Herausgeber und Mitgründer den Autoren-Blog „Die Achse des Guten“ und wettert gegen Antisemiten, Faschisten, linke Totalitäre und Islamisten.
Daher wird ihm häufig nachgesagt, er stehe seinerseits für Intoleranz, was ihn umso mehr anstachelt. Als „Muslimfeind“ lässt sich der hard-boiled Kritiker des Islamismus aber nicht titulieren, auch nicht in dem 2023 vom Bundesinnenministerium verantworteten Bericht des „Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit“. Dort hatte man einen Artikel Broders über die gewalttätigen Unruhen nach dem Erscheinen von Salman Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ und der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ als das aufgefasst, was seine Kritik an religiös verbrämter Ideologie nicht ist: antimuslimisch.
Broder, schreibt in der NZZ sein Freund Hamed Abdel-Samad, mit dem er gemeinsam für den Hessischen Rundfunk und die ARD zwischen 2010 und 2012 unter dem Titel „Entweder Broder“ eine klischee- und vorurteilsfressende Deutschland- und Europatour unternahm, gehe durch das Leben „wie ein Kind: neugierig, offen für andere Ansichten, solange diese nicht hassgetrieben oder ideologisch verengt sind“. Er verfüge über „diese Fähigkeit, zu widersprechen“, ohne mit jemandem „zu brechen“, in Deutschland sei diese „selten geworden, bei Broder war sie immer da“. Er sei ein Humanist durch und durch.
Der nach ihm benannte Asteroid (236800) „Broder“, den wir an dieser Stelle vor zehn Jahren entdeckt haben, ist, wie wir noch einmal nachgelesen haben, im Hauptgürtel unseres Sonnensystems, zwischen den Umlaufbahnen der Planeten Mars und Jupiter, unterwegs. Da findet sich auch der Asteroid (249010) Abdel-Samad. Die beiden Originale mischen derweil den erdnahen politischen Diskurs auf. An diesem Donnerstag feiert Henryk M. Broder seinen achtzigsten Geburtstag.
