Jens Budach hat ein „Morgenritual“. Wenn sein Arbeitstag gegen acht Uhr beginnt, dann nimmt er als Erstes den Fahrstuhl in die 35. Etage, läuft zum Indoor-Garten, um sich am Automaten eine Tasse Kaffee zu holen. Anschließend biegt er ab, einmal um die Ecke. Dort tritt er an das bodentiefe Fenster – und blickt hinunter auf die Stadt.
Die Gassen der Frankfurter Altstadt hat Budach im Blick, den Dom, den Main, die Zeil, die Europäische Zentralbank. Bis in den Odenwald kann er von dort oben schauen, wenn das Wetter mitspielt. Die Autos, die Menschen, die Häuser, die Straßen: Sie sehen aus wie Miniaturen. Als würde das alles nur Spielzeug sein.
Jens Budach arbeitet in einem der bekanntesten Hochhäuser des Landes: dem Commerzbank-Tower. Er ist ein Gebäude der Superlative, beinahe 300 Meter hoch (wenn man die Antenne auf dem Hochhausdach mitzählt), vom britischen Stararchitekten Sir Norman Foster entworfen, ein Frankfurter Wahrzeichen und Postkartenmotiv.
Der Commerzbank-Tower war eines der ersten „grünen Hochhäuser“
Als der Commerzbank-Tower 1997 eröffnete, war der auf einem dreieckigen Grundstück erbaute Wolkenkratzer das höchste Bürogebäude Europas. Und auch eines der ersten „grünen Hochhäuser“ weltweit, natürlich belüftet und mit umweltfreundlicher Klimatechnik ausgestattet, ein Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit.
Neun Gärten gibt es in der Konzernzentrale der Großbank, mit Bambus und Magnolien, Lavendel, Zypressen und Rhododendren bepflanzt. Die Last des Hochhauses wird von 111 Bohrpfählen getragen, die bis zu 48,5 Meter in den Boden reichen. Die „Plaza“ des Gebäudes, in dem die Kantine untergebracht ist, steht jedermann offen. Das macht den Commerzbank-Tower auch für Touristen zum beliebten Ziel.

45 Büroetagen hat das Gebäude, Jens Budach arbeitet im 25. Stock. Seine Jobbezeichnung lautet Principal Product Owner Data Warehouse. Das heißt: Für die Finanzabteilung der Bank bereiten er und sein Team Daten auf, die für die Bilanz, das Controlling oder das Meldewesen wichtig sind. „Wir sind die, die im Hintergrund dafür sorgen, dass das Datenherz zuverlässig schlägt“, sagt der Fünfzigjährige.
Seinen Schreibtisch hat er in einem spartanisch eingerichteten Großraumbüro. Eigentlich gilt dort „free seating“, es gibt demnach keine festen Arbeitsplätze, aber weil Budach regelmäßig und meistens früh ins Büro kommt, sitzt er doch immer an derselben Stelle. Eine Wasserflasche steht auf seinem Tisch, zwei Bildschirme und einen Laptop hat er, ein Notizbuch liegt aufgeschlagen da, mehr nicht.
„Als ob man in ein Wimmelbuch guckt“
Budach sitzt am Fenster, und weil die Frankfurter Skyline eben so dicht ist, wie sie ist, gibt es auf der 25. Etage noch keinen in die Weite reichenden Blick. Stattdessen schaut er auf andere Hochhaustürme, auf andere Büros und Luxuswohnungen, die sich gegenüber des Commerzbank-Towers befinden. Er hat eine passende Beschreibung gefunden für das, was er fünf Tage in der Woche sieht: „Als ob man in ein Wimmelbuch guckt.“
Für die Bank arbeitet er schon seit 20 Jahren. Davor war Budach, der an der Fachhochschule Darmstadt Informations- und Wissensmanagement studiert hat, bei einer IT-Beratung angestellt. Er arbeitete für Kunden überall in Deutschland und aus ganz unterschiedlichen Branchen. Und er verbrachte unendlich viel Zeit in Hotels. „Mich hat das damals nie gestört“, sagt er. „Wenn es bei einem Meeting hieß, wir haben da einen Job in Berlin, wer hat darauf Lust, dann habe ich mich sofort gemeldet.“ Seine Wohnung in Frankfurt hat er nur selten gesehen.
Der Beraterjob wurde Budach zu viel
Irgendwann aber wurde es ihm doch zu viel. Budach sehnte sich nach mehr Regelmäßigkeit im Leben, er wollte nicht mehr ständig unterwegs sein. Von einer Freundin erfuhr er von einer Stelle bei der Commerzbank. Er bewarb sich – und wurde eingestellt. Seitdem ist er der Bank treu.
In dem Großraumbüro, in dem Budach arbeitet, geht es ruhig zu. Gesprochen wird, wenn überhaupt, leise. Was man dagegen hört, ist das Klicken der Computer-Mäuse, das Tippen auf den Tastaturen. „Konzentrierte Stille.“ So nennt es Jens Budach.

Er sei als Kind kein „Computer-Nerd“ gewesen, berichtet er. Er war keiner, der seine Zeit damit verbrachte, eigene Computerprogramme zu schreiben. Er hat nicht einmal viel „gezockt“. Was ihn, als er nach der Schule mit dem Studium begann, aber stark beschäftigte, war die Frage: Wie organisiert man Daten? Wie macht man sie übersichtlich?
An acht unterschiedlichen Standorten der Commerzbank in Frankfurt hat Budach schon gearbeitet. Er ist „einmal durch die Stadt gewandert“. Der Commerzbank-Tower ist das Gebäude, das ihn mit Abstand am meisten begeistert. „Mir ist bewusst, dass das hier ein ganz besonderes Gebäude mit einer ganz besonderen Architektur ist“, sagt er. „Es ist ein Privileg, an solch einem Ort arbeiten zu können.“ Das Spektakulärste bleibt für ihn die Aussicht. „Ich kann mich daran nicht sattsehen.“
„Von hier oben sieht es immer wieder anders aus“
„Zig Fotos“ habe er auf seinem Smartphone gespeichert, die er nicht selten auch in privaten Chatgruppen teile. „Je nach Wetterlage, Jahreszeit oder Uhrzeit sieht es von hier oben immer wieder anders aus“, sagt er. „Und man entdeckt auch ständig noch etwas Neues.“
Gibt es im Commerzbank-Tower eigentlich eine Hierarchie? Sitzen die, die besonders wichtig für das Unternehmen sind, in höheren Etagen als andere? „Nein“, antwortet Budach. Der Bankvorstand habe zwar seine Büros in der obersten Etage, sonst aber würden die Arbeitsplätze im Hochhaus so verteilt, wie es sich am besten organisieren lasse. Auch die Finanzabteilung, zu der er gehört, sitzt in unterschiedlichen Stockwerken, mal weiter oben, mal weiter unten. „Da gibt es keine Hierarchie.“
Mit seiner Familie lebt Jens Budach im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Seine drei Kinder sind zwischen zehn und 15 Jahren alt, zwei von ihnen besuchen das Gymnasium, auf dem Budach selbst früher war. Nun trifft er auf Elternabenden manchmal auf jemanden, den er noch als Schulkind kannte. Das gefällt ihm. „Frankfurt ist ein Dorf.“
Er liebt es, mit Freunden zu den Spielen der Frankfurter Eintracht zu gehen. Seine erste Dauerkarte für das Waldstadion hat er 1989 gekauft. Er mag die Apfelweinkultur, die Kneipen in Sachsenhausen. Ihm gefällt, dass die Stadt so international, so „multikulti“ ist. Und er schwärmt, natürlich, von der Skyline. „Frankfurt war schon immer meine Stadt.“
Ist er, nach 20 Jahren beim selben Arbeitgeber, noch zufrieden mit seinem Job? Oder träumt er davon, einmal etwas ganz anderes zu machen? „Nein“, sagt Budach und lacht. „Da bin ich der bodenständige Typ: Wenn es passt, dann passt es.“ Außerdem werde seine Tätigkeit nicht langweilig, nach „Abwechslung“ müsse er nicht suchen. Gerade sei es die Künstliche Intelligenz, die ihn enorm beschäftige. In ihr stecke „viel Potential“. Damit will er sich weiter beschäftigen, das treibt ihn an. In der 25. Etage. Mit Blick auf die Stadt.
