Es ist Tag acht der Hitzewelle, die schon jetzt historisch ist. Die Sonne knallt in Freiburg vom Himmel. Die Luft flimmert bereits morgens um 10 Uhr über dem Asphalt, hinter dem Torbogen der Uniklinik fächern sich Passanten auf dem Gehweg Wind zu. Alles steht, alles klebt, alle sind irgendwie drüber, nicht nur der Sommer. 36 Grad hat der Wetterdienst für heute angekündigt, es ist der achte Tag in Folge mit Werten jenseits der 30 Grad und der sechste Tag in Folge mit Höchstwerten von mehr als 35 Grad. Ü35 nennt man das hier, um Lockerheit bemüht.
Der Sommer in Freiburg fühlt sich nicht mehr leicht an, er ist brutal geworden. Nachts kühlt es in der Altstadt und im angrenzenden Stadtteil Stühlinger, wo der Campus der Uniklinik beheimatet ist, nicht mehr unter 20 Grad ab. In den Wohnungen und Häusern staut sich die schwüle, stickige Luft. Und jetzt soll sich diese extreme Hitze tatsächlich noch steigern. 40 Grad sind für das Wochenende prognostiziert, vielleicht gibt es zwei Tage Ü40. Wo soll das enden? Das fragen sich gerade viele.
Im Breisgau, wo das Wetter immer ein bisschen schöner und wärmer ist als im Rest des Landes, erleben die Menschen gerade die Kehrseite der Nähe zu Frankreich und des mediterranen Flairs. Der Sommer, der noch jung ist, ist für viele Menschen zur Qual geworden. Kinder, Kranke, Alte sind akut gefährdet, in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen wird die Lage allmählich ernst. So auch im Universitätsklinikum Freiburg, dem drittgrößten Klinikum Deutschlands, das 2000 Betten fasst – und in dem 17.000 Mitarbeiter arbeiten. Flächenmäßig ist das Uniklinikum sogar das größte des Landes.
Am Eingang der Chirurgie wartet schon Thorsten Hammer. Immer wenn er eingreift, ist die Lage ernst, das wissen alle in der Uniklinik. In der Pandemie war er der Krisenmanager, seine Leistungen sind angesehen. Der 53-Jährige ist Arzt und Katastrophenschutzbeauftragter und seit Dienstag dieser Woche Leiter der neu gebildeten Taskforce Hitze am Universitätsklinikum Freiburg. Noch nie in der hundertjährigen Geschichte des Klinikums musste eine solche Spezialeinheit ernannt werden, noch nie ist die Lage wegen einer Hitzewelle so eskaliert wie in diesem Juni. „Wenn ich komme, ist es eigentlich schon zu spät“, sagt er auf dem Weg nach oben.
Patienten und Mitarbeiter sind gefährdet
Hammer – Leinen-Polohemd, Sandalen, Vollbart – bittet in sein Büro im zweiten Stock. Das Rollo ist heruntergelassen, der Stabventilator surrt leise im Hintergrund. Hammer kommt gleich zur Sache, denn die ist ernst: Formal sei die Klinik wegen der Hitze in einer internen Schadenslage, sagt er, Patienten und Mitarbeitende seien gefährdet. Er spricht von einer Krise, wenn auch von einer in Anführungszeichen.

Dass das Klinikum die Taskforce erst nach einigen Tagen Extremhitze bildete, hat ihn verwundert. Vergangene Woche war er noch auf einem Treffen über die zivile Verteidigung am Tegernsee, am Montag kam er nach Freiburg zurück, da hatten sich manche Gebäude und Flügel bereits in kleine Saunen verwandelt. Überall kämpften die Mitarbeiter notdürftig gegen die Hitze an, klebten Folie auf Fenster, schoben Patienten auf Flure, ließen Schwangere in kühlen Hörsälen ausruhen. Es fehlte ein Konzept, und es fehlte die Koordination.
Hammer, der Katastrophenschutzbeauftragte, rief am Dienstag alle Führungskräfte an einen Tisch. Sein Chef, Frederik Wenz, der leitende ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende, hatte ihn zuvor gebeten, eine „schlagkräftige Truppe“ zusammenzustellen, um schnell gegen die Hitze anzukämpfen. Nach 45 Minuten stand die Taskforce. Hammer koordiniert seither die Hitzeschutzmaßnahmen, bei ihm laufen alle Fäden zusammen. „Das, was wir hier machen, ist akutes Troubleshooting“, sagt er, es gehe um kurzfristige Maßnahmen, die man schnell umsetzen könne. Denn über allem stehe der Schutz von Patienten und Mitarbeitenden, sagt Hammer. Niemand dürfe zu Schaden kommen.
Hat die Uniklinik zu spät reagiert? Wurde sie von der Extremhitze überrascht? Er möchte nicht ausschließen, dass Fehler passiert seien, sagt Hammer, aber in dieser Intensität und Länge habe man die Hitze nicht erwartet. Und offensichtlich unterschätzt. Meteorologen warnten allerdings bereits frühzeitig. Schon vergangene Woche zeichnete sich ab, dass eine extreme Hitzewelle auf Südbaden zurollte. Man hätte also schon früher auf die Idee kommen können, dass die Lage extrem wird.
Das Hitzeproblem lässt sich nicht innerhalb von Tagen lösen
Seit Dienstag passiert jetzt etwas, Hammer entscheidet, was getan wird. „Wir arbeiten wie im Schockraum.“ Es gibt klare Anweisungen, klare Umsetzungen und eine klare Führungsstruktur. Mit seinem Team hat er zunächst Risikoanalyse betrieben. Er identifizierte die heißesten Gebäude und Flügel und prüfte, wo die Menschen am gefährdetsten sind. Anschließend bewertete er sie nach einheitlichen Kriterien, priorisierte die besonders betroffenen Arbeits- und Aufenthaltsbereiche – und identifizierte die vulnerablen Gruppen. Er machte kühle Räume innerhalb des Klinikums ausfindig, richtete Hitzeschutzräume, Rückzugsräume und eine E-Mail-Adresse ein.
Reicht das? Natürlich nicht. Aber viel mehr lässt sich gegen die Höllenhitze in so kurzer Zeit wohl nicht ausrichten. Denn das Hauptproblem lässt sich nicht in Tagen lösen, dafür bräuchte es Jahre. Es ist eine Herkulesaufgabe, die in Deutschland bis heute nur halbherzig angegangen wird: die Klimatisierung sensibler Einrichtungen wie Krankenhäuser, Kitas, Schulen oder Pflegeeinrichtungen. Klimaanlagen sind verpönt, sie gelten als klimaschädliche Stromfresser, obwohl es längst Geräte mit klimafreundlichen Kühlmitteln gibt und ein großer Anteil des Stroms klimaneutral erzeugt wird. Zudem gibt es Wärmepumpen, die heizen und kühlen können, sogenannte Split-Klimageräte. „Die ganze Welt klimatisiert Krankenhäuser“, sagt Hammer. Nur Deutschland zögere mal wieder.
Das Zögern kostet Leben. Hitze ist ein stiller Killer, das mussten die Regierungen schon im Jahrhundertsommer 2003 bitter lernen. 7600 Menschen starben damals in Deutschland, in ganz Europa kamen schätzungsweise 60.000 Menschen ums Leben, die meisten davon in Frankreich. Und was ist seither passiert? Es gibt Hitzestrategien und Aktionspläne, Städte pflanzen den einen oder anderen Baum, aber sonst ist keine große Wende zu erkennen. Ernst gemeinte Versuche, Straßen und öffentliche Gebäude hitzefest zu machen, sind nicht erfolgt. Extreme Hitze ist ein Thema, das man auch in Freiburg viele Jahre lang ausgesessen hat. Kein Alarmismus bitte. Es ist halt Sommer. Spätestens im Herbst ist das Thema vergessen. So hörte sich das bislang an. Und die Rechnung ging auf.
Infektions- und Thrombosegefahr, verzögerte Wundheilung
Mit den Folgen dieser Politik müssen Ärzte, Pfleger und Patienten und Patientinnen leben. Einer von ihnen ist Philippe Pohlmann, Arzt an der Urologie in der Freiburger Uniklinik. Die Lage sei krass und eigentlich nicht mehr erträglich oder tolerierbar. Die Patienten lägen nackt in ihren Betten und in ihrem Schweiß, erzählt er.
Die Folgen von überhitzten Innenräumen sind bekannt: Sie erhöhen die Infektions- und Thrombosegefahr, die Wundheilung wird verzögert und die Genesung beeinträchtigt. Pohlmann sagt, er habe mitbekommen, dass Mitarbeiter nach Hause gehen mussten, weil es ihnen nicht gut ging. Und dass Patienten, die zu Routinekontrollen kamen, in die Notaufnahme eingeliefert werden mussten.
Auch für seine Kolleginnen und Kollegen ist die Hitze kaum auszuhalten. Besonders heiß ist es im Dienstzimmer, das unter dem Dach des Altbaus liegt. 38 Grad hat hier eine Kollegin in dieser Woche mit einem Thermometer gemessen, sie sollte hier übernachten, für eine 24-Stunden-Schicht. Völlig undenkbar sei das. Pohlmann versuchte eine Nacht zuvor in diesem Dienstzimmer zu schlafen; auch hier war es zu heiß.
Ärzte haben keine Wahl: Ihr Auftrag ist es, für die Patienten da zu sein. Sie können nicht einfach nach Hause gehen, wenn es ihnen zu heiß wird. Sie können die Patienten nicht im Stich lassen, auch wenn die Arbeit bei diesen Extremtemperaturen eigentlich nicht mehr zumutbar ist. „Wir können nicht ins Homeoffice wechseln“, sagt Pohlmann – genauso wie die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege, in der Wäscherei, in der Hygiene, in der Hauswirtschaft. Auch Medikamente dürften eigentlich nicht bei mehr als 25 Grad gelagert werden, sagt er. Aber was soll man tun?
Jeden Sommer von der Hitze überrascht
Der Arzt findet es gut, dass es jetzt eine Taskforce gibt, an die man sich wenden kann; dass getan wird, was möglich ist. Auf lange Sicht könne es so aber nicht weitergehen. „Seit 2003 ist das Problem bekannt“, sagt Pohlmann. Und doch sei man jeden Sommer aufs Neue überrascht, dass die Sommer immer heißer werden. „Es braucht jetzt Maßnahmen für Zukunft“, fordert Pohlmann. Vor allem endlich Klimaanlagen.
Die gibt es in Freiburg auch, allerdings meist nur in Operations- und Schockräumen und auf den Intensivstationen, allerdings auch im Verwaltungsgebäude, in dem die Klinikleitung untergebracht ist. In den klassischen Patientenzimmern, die häufig im Altbau liegen, bleiben meist nur Ventilatoren und Jalousien, um gegen die Hitze anzukämpfen. Es gibt 25 mobile Kühlgeräte, viel zu wenige für die 1200 Zimmer.

Thorsten Hammer kennt die Nöte und Sorgen auf den Stationen, und vielleicht ist er auch deshalb jetzt in diese Position berufen worden, um die aufgekochte Stimmung abzukühlen und zu beruhigen. Löschen, wo es geht, und hoffen, dass kein Großbrand ausbricht – so könnte man die aktuelle Lage beschreiben. Die Herde sind zahlreich, das möchte er auf einem Rundgang zeigen. Die Uniklinik mit ihren 161 Gebäuden hat etliche ältere Bereiche, die nach Süden exponiert sind. Hier finden sich die roten Zonen, wie er sie nennt. Die Zonen mit der größten Hitze.
Alte Bausubstanz, notdürftig mit Tüchern verschattet
Ein Gebäude liegt am Bahndamm. Es ist die Notaufnahme. Hammer schreitet den Asphalt entlang, deutet auf die Tücher, die man im Innenraum notdürftig angebracht hat, um die direkte Sonne abzuschirmen. Hier draußen, in der Rettungswagen-Einfahrt, könne man mittags Eier braten, sagt er. Aber auch weiter hinten, in der Nuklearmedizin, sei die Bausubstanz so alt, dass die paar Jalousien die Hitze nicht aussperren können. Ähnlich ist die Lage auch im großen Hochhaus auf der anderen Seite des Campus. Auf diesen Turm knallt die Sonne unbarmherzig, hier sind HNO- und Augenklinik untergebracht. Was Hammer besonders ärgert: Einige Neubauten seien nicht vollständig mit Klimaanlagen ausgerüstet. Mal ist es das Ärztezimmer, das nicht klimatisiert ist, mal die Anmeldung. „Wie kann es sein, dass Neubauten nicht vollständig klimatisiert sind?“, fragt er.

Rote Zonen, überall. Aber wo genau sie liegen und wie hoch die Hitzebelastungen in den verschiedenen Gebäuden genau sind, ist teilweise unklar. Eine umfassende Identifikation der Hotspots liegt bislang nicht vor. „Wir hätten uns besser vorbereiten müssen“, sagt Hammer. Denn für Klimaforscher war es nur eine Frage der Zeit, bis eine Hitze, die alle Wetterrekorde reißen wird, anrollen wird. Die F.A.S. hat ein solches Szenario mit einem beständigen Omega-Hochdruckgebiet vor zwei Jahren im Detail durchgespielt. Das wenig überraschende Ergebnis: Deutschland ist auf Extremhitze schlecht vorbereitet, Hitzeschutzpläne seien bislang rein theoretisch, sagte etwa Henriette Neumeyer von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Forderung schon damals: Kommt endlich ins Handeln. Schon damals sagte Thorsten Hammer: „Es braucht erst eine Katastrophe wie im Ahrtal, damit sich etwas ändert.“
Zwei Jahre später ist das Extremszenario Wirklichkeit geworden. Noch ist die Katastrophe ausgeblieben. Bislang jedenfalls. Denn zum Wochenende weht noch heißere Gluthitze aus Frankreich heran, Tag 11 und 12 der extremen Hitzewelle stehen in Freiburg bevor. Hammer hofft, dass die kurzfristigen Maßnahmen helfen, um die schlimmsten Folgen abzuwenden. Mittel- und langfristig müsse jetzt aber reagiert werden. „Ich werde den Verantwortlichen klar auf den Tisch legen, was künftig getan werden muss“, sagt er. Seine Hauptforderung: Neubauten dürfen nicht mehr ohne Klimaanlage gebaut werden, und Altbauten müssen saniert und klimatisiert werden. Rote Zonen müssen in der Modernisierung und Sanierung umgehend priorisiert werden. Für ihn ist dieser Juni 2026 ein Wendepunkt, der keine Ausreden mehr erlaubt. „Noch mal gucke ich mir das nicht an“, sagt er.
Und wenn die Extremhitze weiter anhält? Was ist, wenn zu viele Menschen eingeliefert werden, wenn die roten Zonen weiter zunehmen? „Wenn es bis Mittwoch nicht besser wird, werden wir evakuieren“, sagt Thorsten Hammer. Auf dieses Szenario ist er als Katastrophenschutzbeauftragter vorbereitet, die Pläne liegen in seinem Schreibtisch. Die Patienten werden dann in die Messehalle gebracht. Die Räume dort sind klimatisiert.
