Wenn dies die Kulisse für einen realistischen Film wäre, dann macht sie einen sehr unwirklichen Eindruck: Das Mittelmeer glitzert im Hintergrund, die Maisonne knallt auf den Sandstrand, der Wind schlägt sanft gegen das weiße Sonnensegel des Deutschen Pavillons in Cannes. Drinnen drängt sich die internationale Filmpresse und wartet auf Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, İlker Çatak und Nora Fingscheidt. Was genau diese fünf deutschen Regisseurinnen und Regisseure hier verkünden wollen, hat die Pressemitteilung, die alle Reporter zum Village International des Filmmarkts in Cannes lockte, nicht bekannt gegeben. Aber die Namen genügten, um für Aufmerksamkeit zu sorgen – keine leichte Sache bei diesem Festival, wo jede Stunde ein neuer Film Weltpremiere feiert und Hollywoodstars zu Interviews einfliegen und vom roten Teppich winken.
Was die fünf Deutschen dann verkünden, ist eine Überraschung. Sie entfalten ein rotes Banner, das sie hinter sich an die Pavillonwand pinnen: „Dogma 25“ steht darauf – es geht um neue Ideen fürs Filmemachen, und neue Regeln, nach denen man seine Kunst gestalten will. Die fünf folgen damit ihren dänischen Kollegen May el-Thouky, Milad Alami, Isabella Eklöf, Annika Berg und Jesper Just, die im vergangenen Jahr in Cannes das „Dogma 25“-Manifest veröffentlichten und sich als Regiegruppe zusammenschlossen. Sie entstaubten wiederum eine Idee, die bereits vor 30 Jahren in ihrem Heimatland das Filmemachen revolutioniert hatte.
Lars von Trier und Thomas Vinterberg als Vorbild
1995 hatten die jungen Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg das „Dogma“-Manifest vorgestellt, ähnlich wie die „Nouvelle Vague“ oder das „Oberhausener Manifest“ wollten sie eine Gegenbewegung zum vorherrschenden Kino ausrufen. Wo ihre Vorgänger in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sich gegen das steife „Kino der Großväter“ auflehnten, richteten sich von Trier und Vinterberg gegen das von großen Studios getriebene bombastische Effektkino. Die Regisseure verpflichteten sich deshalb, nur mit Handkameras und an Originalschauplätzen zu drehen, keine künstliche Beleuchtung oder Spezialeffekte zu verwenden und für ihre Geschichten weder Waffengewalt zu bemühen noch ins Genre zu flüchten. Also lieber Low-Budget-Produktionen mit eigenen Ideen als viel Geld mit Studiovorgaben.
Insgesamt zehn solcher Regeln formulierten sie. Von Trier drehte 1998 auf deren Grundlage den provokanten Film „Idioten“, Vinterberg stellte im gleichen Jahr das nicht weniger kontroverse Drama „Das Fest“ über Belästigung in der Familie vor. Und da Regeln für Künstler im besten Fall dann doch nur Leitplanken sein können, innerhalb derer sie sich bewegen, verstießen die „Dogma“-Filme immer wieder gegen das ein oder andere selbst geschriebene Gesetz (im Abspann benannte man die Verstöße dann in ironischer Bußfertigkeit).
Die neue Regeln ernst nehmen
Natürlich mussten dreißig Jahre später neue Regeln her, die den veränderten Produktionsbedingungen angemessen sind. Sowohl Vinterberg als auch von Trier begrüßten die Neuauflage und gaben ihren dänischen Nachfolgern mit auf den Weg: „1995 haben wir Filme in der Gewissheit drehen können, in Friedenszeiten zu leben. Wir begannen eine Revolte gegen die Konformität. 2025 entstehen neue Dogmen, diesmal in einer Welt voller Krieg und Unsicherheiten. Wir wünschen euch viel Glück auf eurem Weg, den dänischen Film zurückzuerobern.“
In Dänemark haben die Dreharbeiten für den ersten neuen „Dogma“-Film begonnen. Und etwa ein halbes Jahr nachdem die Dänen ihr Manifest 2025 verkündet hatten, trieb dessen Idee auch in Deutschland Wurzeln. „Wir hatten ein Grundgefühl für einen neuen Film, bei dem klar war, dass er nicht unter herkömmlichen Bedingungen entstehen kann“, erinnert sich die Schriftstellerin und Regisseurin Helene Hegemann gegenüber der F.A.S. an den Entstehungsprozess von „Dogma 25 Germany“. Hegemann schloss sich mit dem Produzenten Jorgo Narjes von X Filme kurz. „Daraus resultierte der Plan, direkt als Mannschaft anzutreten, anstatt das nur zu einem individuellen, exzentrischen Einzelding zu machen“, sagt Hegemann. Auch Tykwer konnte sie schnell dafür begeistern und hatte sofort Vorschläge, wer noch für die Gruppe infrage käme: „Ich habe eine wahnsinnige Neigung, Bands anzustiften“, sagt er. „Ich drehe auch gerne mit mehreren Regisseuren und Regisseurinnen. Das ist anspruchsvoll und manchmal auch anstrengend, aber dieses Kollektivding hat mich extrem weitergebracht.“ Mit Ayub, Fingscheidt und Çatak hat man enthusiastische Sparringspartner gefunden.
Was die Regeln angeht, so nimmt die Gruppe sie sehr ernst: „Nichts darf daran geändert werden“, sagt Tykwer. „Wir spionieren dann unsere Dreharbeiten gegenseitig aus, ob sich alle daran halten“, sagt Kurdwin Ayub mit Augenzwinkern – die Stimmung während der Pressekonferenz ist ausgelassen. Änderungen gegenüber der dänischen Vorlage gibt es nicht. Abwechselnd lesen die fünf ihr Gelöbnis vor. Vor allem anderen steht, dass das Drehbuch handschriftlich verfasst werden muss. Ayub schiebt bei diesem ersten Punkt lachend mit Blick auf Tykwer nach: „Tom erinnert sich noch an die Zeit, als das Standard war.“
Später erläutert Hegemann im Gespräch, dass sie in der Gruppe mit dieser speziellen Maßgabe wohl am meisten anfangen kann. Die Skripte für ihre beiden letzten Romane hat sie bereits auf diese Art verfasst. Die Technik aktiviere andere Areale im Hirn, komme der Kreativität mehr entgegen als etwa die Vorgehensweise „in der man auch seinen Termin beim Kieferchirurgen ausmacht“.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Als weitere Grundsätze nannten die fünf, dass nie mehr als zehn Leute hinter der Kamera sein sollten, dass die Finanzierung nur unabhängig von inhaltlichen Vorgaben akzeptiert werden könne und dass der Film mindestens die Hälfte der Zeit ohne Dialog auskommen müsse – „eine besondere Herausforderung für Ilker“, scherzte Ayub in Richtung Çatak. Auf Maske und Make-up werde verzichtet. Und während aller kreativen Prozesse dürfe das Internet nicht zum Einsatz kommen.
„Es geht darum, sämtliche Algorithmen aus dem Spiel zu lassen, sich auf sich selbst konzentrieren und verlassen zu müssen“, sagt Hegemann. Nora Fingscheidt geht ins Detail, welche Herausforderung dieser Verzicht heutzutage darstellt. So könne man beispielsweise keine potentiellen Drehorte googeln. Aber genau darin liege der Reiz des Projekts: rausgehen, Leute treffen, weg von den Algorithmen kommen.
Man lebe als Filmemacher im Zeitalter der „eigenen Überflüssigkeit“, heißt es im Statement der Gruppe. „Wenn Geschichten nach Empfehlungslogiken sortiert werden und bald jeder, der Lust hat, seinen eigenen Blockbuster prompten kann, erscheint es uns immer schwerer zu rechtfertigen, warum wir uns den Bedingungen des klassischen Filmemachens überhaupt noch aussetzen. Das wirft uns auf die Beweggründe zurück, die uns überhaupt in unseren Beruf getrieben haben: die Notwendigkeit des Erzählens. Die Hoffnung, in uns selbst etwas zu finden, das zum einen über das eigene Mittelmaß hinausgeht und zum anderen nicht schon marktkonform vorformatiert ist. Etwas, das wir in die Sprache der Kunstform übersetzen, die uns antreibt, entzündet, begeistert: das Kino.“ Die Arbeit am ersten Film soll demnächst beginnen.
Bei der Basisfinanzierung hilft das dänische Netzwerk – wo Digitalisierung und Budgetkürzungen Kunst vor Probleme stellen, braucht es Gemeinschaft.
