
Plötzlich ist der Inspekteur der Luftwaffe am Apparat, Deutschlands höchster Fliegergeneral. Das passiert auch einem Bundesminister nicht alle Tage, jedenfalls nicht dem, der für Umwelt- und Klimaschutz zuständig ist. „Schneider!“, sagt dieser, und dann etwas persönlicher: „Carsten hier, hallo?“
Der Anruf platzt mitten in ein F.A.Z.-Interview hinein, während einer Frage zur Kraftwerkstrategie – nicht halb so spannend wie das, was dann folgt: Deutschlands politische und militärische Führung üben die Abwehr eines Terrorangriffs aus der Luft. Eingebunden sind der Kanzler, die Bundeswehr, weitere Sicherheitskräfte, das Kabinett – und damit auch Umweltminister Carsten Schneider von der SPD.
Zivildiener Schneider entscheidet über Leben und Tod
Es ist Mittwoch, 15:26 Uhr, ein Besprechungsraum in Schneiders Dienstsitz in Berlin. Auf einmal klingelt das ministeriale iPhone, und zwar mit dem allseits verbreiteten Marimba-Ton „Reflection“, bei dem jeder Anwesende unweigerlich nach dem eigenen Gerät greift: „Reflex“ statt „Reflection“. Spätestens jetzt ist klar: Schneider, einst Bankkaufmann in einer Erfurter Volksbank, ist trotz seines politischen Aufstiegs einer von uns geblieben.
Und auch wieder nicht, denn am heutigen Tag entscheidet der ehemalige Zivildienstleistende aus einer Thüringer Jugendherberge über Leben und Tod. Zumindest theoretisch. Erstmals hält das Bundeskabinett unter Leitung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) in Echtzeit eine Krisenübung ab, um auf eine terroristische Flugzeugentführung zu reagieren.
Möglicherweise ein gezielter Absturz auf ein Stadion
Die Lage: Eine Zivilmaschine ist gekapert worden und könnte den Attentätern als Waffe dienen. Denkbar sei zum Beispiel, dass die Terroristen die Maschine in ein vollbesetztes Fußballstadion lenken wollten, sagt Schneider hinterher. Das Szenario gemahnt an die Entführungen, Einschläge und Abstürze vom 11. September 2001 mit fast 3000 Toten in den Vereinigten Staaten.
Die Simulation vom Mittwochnachmittag fußte, wie es aus Regierungskreisen hieß, auf einem Beschluss des neuen Nationalen Sicherheitsrats und sei erfolgreich zu Ende gebracht worden: Nachdem das Krisengremium, samt Schneider, seine Zustimmung gegeben hatte, wurde der gekidnappte Flieger „durch eine Alarmrotte der Bundeswehr, bestehend aus zwei Eurofighter-Kampfflugzeugen, abgefangen und bis zur Landung auf einem Flugplatz in Norddeutschland begleitet“.
„Wir drängen den ab“
Manöver wie diese hat es schon häufiger gegeben. Die bösartige Zweckentfremdung von Luftfahrzeugen heißt im Fachjargon „Renegade“, verwirrend übersetzt als „Abtrünniger“ oder „Überläufer“. Neu war am Mittwoch, dass das Kabinett sofort rechtlich bindende Beschlüsse im Einklang mit dem Grundgesetz treffen musste, sozusagen „live“.
Es sei darum gegangen, „in einer zeitkritischen und potentiell gefährlichen Lage in Echtzeitz eine Entscheidung des Kabinetts unter Vorsitz des Bundeskanzlers herbeizuführen“, sagte Merz‘ Regierungssprecher.
Es handelte sich zwar um eine fiktive Situation, diese wurde aber „real umgesetzt“. Das bedeutet, dass tatsächlich Jets der Luftwaffe aufstiegen und dass sie auch ein echtes, natürlich ungefährliches Flugzeug verfolgten und zur Landung zwangen. „Wir drängen den ab“, sagte Schneider.
Das entführte Flugzeug, so wurde später mitgeteilt, durchquerte „Deutschland von Süden nach Norden fliegend, möglicherweise mit Ziel einer großen öffentlichen Veranstaltung“. Der Ablauf des Alarms habe bewiesen, dass Deutschland über die notwendigen Mittel und Wege verfüge, „um auf Bedrohungen der Sicherheit im Luftraum schnell und angemessen zu reagieren“.
Normales iPhone, aber sichere Leitung
Die Entscheidung von ganz oben fiel tatsächlich fix. Nach kaum fünf Minuten kehrte Schneider von dem aufregenden Intermezzo zum Interview zurück und musste wieder in die Niederungen der Kreislaufwirtschaft und des Solar-Gerangels mit Ministerkollegin Katherina Reiche hinabsteigen.
Die Regierung teilte noch mit, das Kabinett habe den Renegade-Beschluss „in hybrider Form über sichere Kommunikationswege gefasst“. Damit ist klar: Schneiders Handy sieht nur so aus wie ein ganz normales iPhone und klingelt so. Tatsächlich steckt viel mehr dahinter. Wie so häufig in der Bundesregierung.
