
Eine kleine Szene ist typisch für ihn: 44 Jahre lang hatte Werner Wunderlich ununterbrochen die Open-Air-Konzerte „Jazz im Palmengarten“ geleitet. Als am 29. August 2002 seine letzte Veranstaltung zu Ende ging, versuchte die Band mit Albert Mangelsdorff an der Spitze ihn noch einmal zum Schlussbeifall auf die Bühne zu holen. Vergeblich. Lieber applaudierte Wunderlich von seinem Platz vor der Konzertmuschel aus den Musikern, statt selbst im Rampenlicht zu stehen und für seine Verdienste gefeiert zu werden.
So ist er immer gewesen: sich nicht so wichtig nehmen, im Hintergrund wirken und den Musikern zu ihrem Recht der Präsentation ihrer Kunst verhelfen. Wunderlich, geboren am 15. September 1926 in Minden, arbeitete als Organisator, Konzertveranstalter, Journalist und nicht zuletzt als Hörfunkmoderator von Jazzsendungen, vor allem im Hessischen Rundfunk und beim damaligen Südwestfunk in Baden-Baden. Er gehörte zur wichtigen Spezies der Ermöglicher, ohne deren Vermittlerrolle es alle Künstler schwerer und manche von ihnen vielleicht gar keine Chance haben, sich in der Öffentlichkeit bemerkbar zu machen. Aber wie er es tat, hat ihm einen Sonderplatz unter den Pionieren des Nachkriegsjazz in Deutschland mit der damaligen Jazzhauptstadt Frankfurt eingebracht.
Carlo Bohländer war zugleich Theoretiker und Praktiker unter den Bahnbrechern. Er erklärte den Jazz-Novizen die Grundlagen des Swing und eröffnete mit dem Jazzkeller eine Werkstatt, in der die Musiker den neuen Klang in nächtelangen Sessions erprobten, bevor er unter dem Gütesiegel „Frankfurt Sound“ exportiert werden konnte. Horst Lippmann hatte sich schon im Krieg als Schmuggler von verbotenen Jazzschallplatten betätigt, 1953 das Deutsche Jazzfestival erfunden und danach mit seinem Partner Fritz Rau seine Konzertagentur zur Weltmacht des Entertainments aufgebaut. Olaf Hudtwalcker war der große Vorsitzende, der durch die von ihm mitgegründete Deutsche Jazzföderation ein wetterfestes Netzwerk der Musik schuf und im Übrigen wie ein Elder Statesman vom Dachstübchen des Jazzhauses in der Kleinen Bockenheimer Straße und später von Barcelona aus seine geschätzten Jazzweisheiten unters Volk brachte.
Ein Gentleman im Dienst des Jazz
Werner Wunderlich aber, der 1959 den „Jazz im Palmengarten“ initiiert hat, war eine auffallende Erscheinung in den frühen Frankfurter Jazzkreisen, weil er anders war, jedenfalls nicht so, wie man sich landläufig einen Repräsentanten des damals noch weit mehr als heute zum musikalischen Underground zählenden Jazz vorstellte. Wunderlich sah aus wie ein Gentleman, und er war einer. Distinguiert, in seiner Kleidung, in Sprache und Auftreten, in seiner ganzen Erscheinung ein Mann von Lebensart und Stil, überaus seriös wirkend, freundlich, bescheiden und klug. Es sind Eigenschaften, die ihn zum Diplomaten prädestinierten, und eigentlich wurde er das dann auch.
Mit 18 Jahren gegen Ende des Krieges in Polen in russische Gefangenschaft geraten und danach den polnischen Behörden überstellt, hat er sehr schnell fließend Polnisch gelernt, freundschaftliche Kontakte geknüpft und den Boden bereitet für künftige segensreiche kulturpolitische Aktionen. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft 1949 studierte er in Darmstadt Bauingenieurwesen und tauchte in die Frankfurter Jazzszene ein, zeitweilig auch als Sousaphon-Spieler. Seine damaligen guten Beziehungen zu Polen hat er genutzt, um mit den Frankfurt All Stars unter der Leitung von Joki Freund und Albert Mangelsdorff die erste Nachkriegstournee einer westdeutschen Jazzband in das Nachbarland zu organisieren. Es wurde ein riesiger Erfolg, in Polen selbst als ein wichtiges Signal der Verständigung der beiden Länder und als erster kultureller Kontakt nach verhängnisvoller Zeit verstanden. Auch heute noch werden Wunderlichs Polenkontakte als Vorboten von Willy Brandts späterer Ost-Politik interpretiert. Wunderlich bekam für sein Engagement 2007 den Ehrenorden des polnischen Kulturministeriums.
Zu den wichtigen beruflichen Stationen Wunderlichs zählen außerdem die Leitung der Presseabteilung beim Schallplattenlabel CBS und die Arbeit beim Südwestfunk, wo er Nachfolger Joachim-Ernst Berendts als Leiter der Jazzredaktion und des traditionellen New Jazz Meetings Baden-Baden bis zur Pensionierung wurde. Seine Herzensangelegenheit aber blieb danach noch lange die Königsidee „Jazz im Palmengarten“, die außerordentlich beliebte Konzertserie. Manche nennen sie die älteste Open-Air-Veranstaltungsreihe für Jazz der Welt. Heute wird sie von der Jazzinitiative Frankfurt weitergeführt. Werner Wunderlich starb am 2. April 2013 in Baden-Baden, beerdigt wurde er auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt. Die Trauermusik an seinem Grab spielten der Schlagzeuger Janusz Stefański und der Bassist Vitold Rek aus Polen, die schon seit den Achtzigerjahren – Stefański bis zu seinem Tod im Jahr 2016 – die Frankfurter Jazzszene bereichert haben. Der Nachlass Werner Wunderlichs liegt seit 2013 im Jazzinstitut Darmstadt.
