Als am Sonntagabend in New York Alexander Zverevs zweiter Grand-Slam-Sieg feststand, verhielt er sich kurz wie sein Vater – vollkommen ruhig. Der Vater sitzt als Trainer bei jedem Match auf der Tribüne und verzieht nicht mal dann eine Miene, wenn der Sohn im Siegerinterview nach einer Partie mal wieder Witzchen über ihn macht. Für Tennisfans ist der schweigsame Mann hinter dem Erfolg des besten deutschen Tennisspielers seit Boris Becker so schwer zu lesen wie ein Buch in kyrillischer Schrift für Westeuropäer.
Neuanfang in Deutschland
Wie der Vater, so der Sohn: Das passt bei den Zverevs schon, aber nie so ganz. Auch Alexander senior war früher ein begnadeter Tennisspieler. Zverevs Mutter, ebenfalls im Tennis erfolgreich, beschrieb ihren Mann gegenüber dem „Tennismagazin“ mal als „besten Volleyspieler der Sowjetunion“, als „elegant und schlank, mit einem tollen Ballgefühl und sehr schnellen Beinen“.
Alexander senior war aber vor allem auch ein Opfer seiner Zeit. Aus seinem Heimatland durfte der Mann aus Sotschi nur selten zu Turnieren ausreisen. Er schaffte es deshalb nie über Platz 175 der Weltrangliste hinaus und nahm nur an zwei Grand-Slam-Turnieren teil.
Als die Familie Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland neu anfing, wurde der heute Sechsundsechzigjährige Trainer in Schleswig-Holstein. Später zog die Familie nach Hamburg, wo dem Vater von zwei Söhnen etwas ziemlich Bemerkenswertes gelang: Er hat seine beiden Kinder mit zwei völlig unterschiedlichen Stilen in die Weltspitze geführt. Zverevs Bruder (und heutiger Manager) Mischa schaffte es mit Serve-and-Volley auf Platz 25 der Weltrangliste. Alexander Zverev hat sein Repertoire erweitert, lebt aber immer noch vor allem vom Grundlinienspiel.
Lange waren Zverev und seinem Vater fehlende Weiterentwicklung vorgeworfen worden. Mehrmals hatte sich die Familie geöffnet für Impulse von außen – nie funktionierte es mit einem weiteren Trainer über einen längeren Zeitraum. Spekuliert wurde dann immer, dass das Band zwischen Vater und Sohn zu stark sein muss. Was früher als Schwäche gedeutet wurde, erscheint heute als Stärke.
Jannik Sinner und Carlos Alcaraz mögen Zverev in Bestform noch immer voraus sein. Doch sie waren im Jahr 2026 zu selten fit. Darin liegt die große Stärke des Deutschen, der über das gesamte Tennisjahr so viel investiert wie kaum jemand: Er zählt zu den fittesten Spielern auf der Tour. Überraschend ist das nicht. Der Vater und die Familie kamen mit nichts nach Deutschland. Sie haben sich alles selbst hart erarbeitet. Nun führt diese Einstellung zum Leben ihren Sohn zum Erfolg.
