
Die letzte Niederlage ist noch nicht verdaut, da steht der Labour-Partei schon die nächste Wahlschlacht bevor. Und es klingt paradox: Ein Sieg bei diesem Wahlgang würde für die Zukunft des Labour-Parteichefs und Premierministers Keir Starmer weit gefährlicher als eine Niederlage. Denn jetzt tritt Andy Burnham bei einer Nachwahl zum Unterhaus an, um auf die nationale Politikbühne zurückkehren zu können. Der Bürgermeister von Manchester hat immer schon politischen Ehrgeiz gezeigt und seit mindestens einem Jahr auch schon darauf geschielt, den immer unpopulärer werdenden Starmer abzulösen.
Im vergangenen Februar hätte sich schon einmal eine Gelegenheit für Burnham ergeben, Manchester gegen Westminster zu tauschen. Doch da stoppte der Labour-Parteivorstand beinahe einstimmig und mit dem Einverständnis Starmers dessen Ambitionen, zu einer Unterhausnachwahl anzutreten.
Streeting war gezwungen, seinen Putsch abzublasen
Mittlerweile haben sich die Gewichte verschoben: Starmer wirkt nach den für Labour verheerenden Wahlergebnissen in englischen Kommunen und für das walisische Regionalparlament irreparabel geschwächt. Die vergangene Woche hat seine Regierungsfraktion mit lähmenden Führungsquerelen zugebracht, ohne eine rasche Lösung zu finden. Einige Dutzend Abgeordnete, die künftig gerne den bisherigen Gesundheitsminister Wes Streeting an der Spitze sähen, verlangten öffentlich Starmers sofortigen Rücktritt, was ihrem Favoriten den Weg geebnet hätte.
Doch fanden sich offenbar nicht genügend Unterstützer für Streeting, der aus Tony Blairs sozialliberaler „New Labour“-Schule stammt, um notfalls auch gegen Starmers Willen eine Kampfkandidatur um die Parteiführung auszulösen. Dafür wären die Unterschriften von 81 Labour-Parlamentariern nötig gewesen. Also war Streeting am Donnerstag gezwungen, den Putsch abzublasen, und gab sein Regierungsamt auf.
Am selben Abend legte der Labour-Abgeordnete Josh Simons sein Mandat nieder, um Andy Burnham eine zweite Chance zu eröffnen, sich als geeigneter Nachfolger Starmers zu präsentieren. Dafür muss der Bürgermeister von Greater Manchester den Wahlkreis Makerfield erobern. Der liegt mitten im einstigen Industriegürtel zwischen Manchester und Liverpool und gehört zu jener Region, für deren Infrastruktur und Sicherheit Burnham neun Jahre lang als Bürgermeister zuständig war. Makerfield liegt überdies direkt neben der Kleinstadt Leith, die Burnham zuvor 15 Jahre lang als Abgeordneter im Unterhaus repräsentierte.
Burnham sieht sich als Sozialist
Im Jahr 2001 gewann er dort, 31 Jahre alt, erstmals sein Parlamentsmandat. Sein Aufstieg begann in der Regierungszeit Tony Blairs mit kleineren Posten in diversen Ministerien, dessen Nachfolger Gordon Brown gab ihm zwei Kabinettsressorts; zuerst Kultur, anschließend Gesundheit. Anders als Streeting sieht Burnham sich eher nicht auf dem sozialdemokratisch-liberalen Flügel der Labour-Partei beheimatet, sondern mehr in deren linkerer Tradition. Er bezeichnet sich als „Sozialist“. Als Bürgermeister hat er allerdings auch viel unternommen, um die Region Manchester für neue Wirtschaftsbranchen, Messen und Kongresse attraktiv zu machen.
Nach dem Machtverlust Labours an die Konservativen im Jahr 2010 bewarb sich Burnham zweimal vergeblich um die Parteiführung. Er verlor gegen Ed Miliband und später gegen Jeremy Corbyn. Anschließend ergriff er die Chance, in den Norden Englands, aus dem er stammt, zurückzukehren und dort im kommunalen Maßstab aktiv zu bleiben, während Labour in London viele Jahre auf den Oppositionsbänken saß. Seine Erfolge in Manchester brachten ihm den – in seiner Partei mitunter leicht abfällig gebrauchten – Titel „König des Nordens“ ein. Nun will Burnham das ganze Vereinigte Königreich von sich überzeugen.
