
Gut gemeinte Ratschläge für das vermeintlich richtige Verhalten an der Börse gibt es viele. Vor allem vertraute Weisheiten sind beliebt. Die wohl bekannteste Regel – selbst unter Nichtbörsianern – dürfte „Sell in May and go away“ sein. Sie besagt, im fünften Monat des Jahres die Aktien zu verkaufen und den Märkten lieber erst einmal den Rücken zuzukehren, um Kursverluste zu vermeiden. Sie steht gerade derzeit wieder auf dem Prüfstand – in einem doch recht anspruchsvollen Marktumfeld. Zur Rückkehr an die Börse mit hoffentlich tieferen Aktienkursen wird Anlegern oft für September geraten oder auch später, die traditionelle Jahresendrally schon wieder im Blick.
Nach einem fulminanten Jahresplus von 23 Prozent im vergangenen Jahr liegt der Dax derzeit seit Jahresbeginn leicht im Minus. Vor allem das fortgesetzte Hin und Her in einem nicht enden wollenden Irankrieg, aber auch andere kriegerische Auseinandersetzungen und geopolitische Krisen sowie zahlreiche politische Verwerfungen sorgen für große Unsicherheit. Doch trotz der deutlich gestiegenen Energiepreise, welche die Inflation zuletzt in den USA unerwartet stark befeuert haben, befindet sich ein US-Aktienindex wie der S&P 500 in der Nähe von Allzeithochs.
„Historisch gesehen basiert die Sell-in-May-Strategie auf der Vermutung, dass sich die Aktienmärkte in den Sommermonaten von Mai bis Oktober schwächer entwickeln als im Winterhalbjahr, also in den Monaten November bis April“, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses M.M. Warburg der F.A.Z. Der Blick in die Vergangenheit und auf Daten seit dem Jahr 1965 zeige, dass zum Beispiel der Dax zwischen Mai und Oktober in etwa der Hälfte der Fälle eine negative Wertentwicklung aufweise und die Kurse der Dax-Aktien in diesem Zeitraum im Durchschnitt um 0,4 Prozent gestiegen seien.
Seit dem Jahr 2010 sei die Anzahl der negativen Mai-bis-Oktober-Zeiträume allerdings auf rund 40 Prozent gesunken, sagt Klude. Noch weniger Sinn mache die „Sell in May“-Regel in den USA: Sowohl für den breiten US-Aktienindex S&P 500 (seit 1965) als auch den Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq (seit 1971) belaufe sich die Anzahl der Zeiträume mit einer negativen Wertentwicklung nur auf rund ein Drittel. Kludes Berechnungen basieren auf einem Wiedereinstieg im November, da historisch gesehen September der schlechteste Börsenmonat sei und es häufig auch im Oktober nochmal abwärtsgegangen sei.
Bester Dax-Monat 2026 bisher ist der April
Die Daten zeigen auch, dass der Dax seit 1965 durchschnittlich im Juli um etwa anderthalb Prozent zugelegt hat. In dieser Größenordnung sind die Kurse im September wiederum gefallen. Für den Mai beträgt das Plus im Durchschnitt 0,1 Prozent, für Juni und August ergeben sich ein Minus von 0,15 und 0,53 Prozent. Abgesehen von diesen Durchschnittswerten belaufen sich die größten Einbußen für September auf 25,42 Prozent. Für August sind es maximal 19,19 Prozent und für Juli 15,57 Prozent.
Dem stehen seit dem Jahr 1965 gleichwohl Kursgewinne von bis zu 17,25 Prozent im Juli oder 16,21 Prozent im August gegenüber. Der bisher schlechteste Dax-Monat dieses Jahres war der März mit einem Minus von mehr als zehn Prozent, der beste der April mit plus 7,11 Prozent – beides inmitten des Irankrieges.
Und wie sieht es mit „Sell in May“ 2026 aus? „In diesem Jahr sprechen drei gewichtige Gründe gegen einen Ausstieg im Mai“, sagt Klude. Das seien die KI-Investitionswelle, die starke fundamentale Dynamik und die Opportunitätskosten. „US-Technologieunternehmen investieren massiv in die KI und in die Chip-Infrastruktur“, sagt der M.M. Warburg-Fachmann: „Für 2026 werden Investitionsausgaben von rund 600 Milliarden Dollar allein von den großen US-Cloud-Anbietern erwartet. Da diese Investitionszyklen nicht saisonal, sondern technologisch getrieben sind, könnte ein Ausstieg bedeuten, die stärkste Wachstumsphase bei Halbleiter- und Tech-Werten zu verpassen.“
Auf starke Monate folgt oft Konsolidierung, selten ein Trendbruch
Zudem komme etwa der S&P 500 aus einem extrem starken April, sagt Klude: „Historisch folgen auf solch starke Monate oft Phasen einer Konsolidierung, aber selten ein abrupter Trendbruch, solange die Unternehmensgewinne – wie in der aktuellen Berichtssaison zum ersten Quartal – die Erwartungen schlagen.“ Zudem dürften die Opportunitätskosten nie aus den Augen verloren werden, sagt der Volkswirt.
In den vergangenen zwölf Jahren habe sich die Wertentwicklung der Aktien im Sommer verbessert, sagt Klude, der auch Bereichsleiter Asset Management ist: „Wer aussteigt, trägt zudem Transaktionskosten und möglicherweise steuerliche Nachteile, die erst einmal durch deutlich niedrigere Wiedereinstiegskurse kompensiert werden müssten.“
Gibt es Anzeichen einer Blase, die im Sommer platzen könnte? Obwohl Halbleiteraktien im April stark im Kurs gestiegen seien, unterscheide sich die Situation von der des Jahres 2000, sagt Klude. Die Bewertungssprünge seien durch reale Gewinnsteigerungen unterlegt. Unternehmen wie Micron oder Intel meldeten Kapazitätsengpässe aufgrund echter Nachfrage. Solange die Produktivitätsgewinne durch KI die hohen Bewertungen rechtfertigten, bleibe das Risiko eines „Blasenplatzens“ im Sommer gering.
Saisonale Muster sollten nicht die alleinige Grundlage für Anlageentscheidungen sein, sagt Simon Hofmann, Analyst der Fürst Fugger Privatbank. Dennoch sei es sinnvoll, sie im Auge zu behalten, da sie in den kommenden Wochen häufig thematisiert würden und damit auch die Stimmung beeinflussten.
Kludes Empfehlung lautet: Investiert bleiben („stay invested“). Saisonale Muster seien interessante historische Rückblicke, aber keine verlässlichen Prognoseinstrumente für ein Jahr, das von einer industriellen (KI-) Revolution und einer robusten US-Wirtschaft getragen werde. Statt eines Ausstiegs empfehle sich eine gezielte Diversifikation, um von der hohen Dynamik im S&P 500 weiter zu profitieren.
