Sie sah aus wie meine Großmutter. Die blauen Augen, die Haare, die schmale Figur, die Kittelschürze. Beim Abendessen hatte sie Knödel und Bier an die Tische geschleppt, jetzt stand sie mit uns am Bus vor dem Brauhaus in Pilsen. Ich glaube, wir haben auf Mitreisende gewartet, die noch zur Toilette waren. Der Busfahrer rauchte und scherzte mit seinen Fahrgästen, als die Frau, die wie meine Großmutter aussah, ihn plötzlich fragte, ob er sie vielleicht mitnehmen könne. Über die Grenze, nach Deutschland. Sie sei ja klein, sagte sie, da passe sie unten ins Gepäckfach. Und bei der Kontrolle an der Grenze werde sie ganz still sein.
Meine Großmutter sah den Busfahrer mit ihren blauen Augen an. Ich stand ein paar Schritte daneben. Als der Fahrer den Kopf schüttelte, schossen mir die Tränen in die Augen. Ich weinte noch immer, als wir zurück in unserem Hotel waren. Auf der anderen Seite der Grenze.
1976 hatte ich noch keinen Tag meines Lebens im Ausland verbracht. In den Sommerferien waren wir regelmäßig nach Süddeutschland gefahren, in den Schwarzwald, in den Chiemgau, in diesem Jahr erstmals in den Bayerischen Wald. Dort boten Reiseveranstalter Tagesfahrten hinter den Eisernen Vorhang an. Nach Karlsbad, Marienbad, Franzensbad, Böhmens berühmte Kurorte. Zum Abschluss ging es nach Pilsen und anschließend zurück über die Grenze. Mein Vater hatte das Angebot entdeckt und war begeistert von der Idee, Pils in Pilsen zu trinken. Er buchte Plätze für die Familie. Am nächsten Morgen stiegen wir in einen Bus und fuhren ins Ausland.
„Devisen“ war das Zauberwort
Was wusste ein Elfjähriger Mitte der Siebziger über den Eisernen Vorhang, die Tschechoslowakei, den Ostblock? Bestimmt nicht viel. Meine Eltern hatten mir erklärt, dass die Leute in dem anderen Land eine schlimme Regierung hätten und deswegen gerne wegwollten. Das aber nicht durften, wegen der schlimmen Regierung. Es ging den Leuten dort längst nicht so gut wie uns. Sie hatten zum Beispiel „nicht so viel zu essen“. Und ziemlich alte Autos, die „der TÜV bei uns sofort von der Straße holen würde“.

So ein Auto überholte den Bus unmittelbar hinter der Grenze und scherte vor ihm wieder ein. Ein Mann auf dem Rücksitz hatte sich zum Fenster gedreht und gab merkwürdige Handzeichen. Das seien Geldwechsler, meinte unser Busfahrer, der Mann signalisiere den Schwarzmarktkurs für D-Mark. „Devisen“, das Wort ist mir in Erinnerung geblieben. Wir hielten nicht an. Wir fuhren weiter bis nach Marienbad.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ein halbes Jahrhundert später kann ich mich an nichts in Mariánské Lázně erinnern. Weder die Kuranlagen noch die neoklassizistischen Gebäude lösen irgendetwas aus. Die Stadt zählt mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe und sieht auch in diesem Hitzesommer aus wie frisch gewaschen. Überall blühen Blumen, singen Vögel, Chopins Etüden liegen in der Luft, aus den Brunnen schießen Wasserfontänen nach oben. In der Kurkolonnade ist es derart hell, dass die Menschen dort ihre Sonnenbrillen auf- statt absetzen. Hat hier vor fünfzig Jahren auch alles derart geglänzt?
Beim Schlendern weht mir für einen Moment ein Geruch um die Nase, der eine Erinnerung zu triggern scheint. Haben wir damals hier zu Mittag gegessen? Wir waren in einem Hotel, so viel weiß ich noch. Es gab eine dünne Suppe, in der ein Stück lederartiges Fleisch schwamm. Ich war als Kind ziemlich mäkelig und wurde bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, dass die kleinen Kinder in Afrika froh wären, wenn sie mein Mittagessen bekommen würden, so froh wären die! Das Stück Leder musste ich dennoch nicht aufessen.
Irgendwie setzt der Gedanke an besagtes Mittagessen etwas in meinem Kopf in Bewegung. Als ob sich etwas aus dem Hintergrund des Bewusstseins nach vorne drängeln wollte, sich aber im letzten Moment dann doch nicht traut. Eine Ahnung kurz vor einem Déjà-vu, so in etwa fühlt es sich an.

Austerlitz ist es hier ganz ähnlich gegangen. Der Protagonist aus W. G. Sebalds gleichnamigen Roman scheint sich bei einem Besuch in Marienbad an eine Stadt zu erinnern, in der er zuvor nie gewesen ist, „als ginge jemand anders neben mir her oder als hätte mich jemand gestreift“. Später erfährt er, dass er als kleines Kind in Marienbad war. Mit seinen Eltern, bevor sie ihn in einem Kindertransport vor den Nazis in Sicherheit brachten.
Es braucht dann ein paar Stunden später den Anblick einer Tasse in Karlsbad, um mich von einem Augenblick auf den anderen ein halbes Jahrhundert in der Zeit zurückzuschleudern. Kurgäste trinken ihr Heilwasser hier aus sogenannten Kurbechern. Die haben eine ungewöhnliche Form – ein hohler Henkel dient als eine Art Trinkhalm, durch den das heiße Wasser schlückchenweise in den Mund gelangt. Mit solchen Tassen in der Hand schlendern die meist älteren (und meist dicklichen) Patientinnen und Patienten seit Ewigkeiten durch die Kolonnaden von Karlovy Vary.
Ist die Tasse leer, kann sie an einer der vielen Heilquellen aufgefüllt werden. Ich sehe dabei zu, mache ein Foto – und plötzlich schieben sich andere Bilder vor mein Auge. Mein Vater, der aus einer Tasse trinkt und anschließend das Gesicht verzieht. Meine Mutter, die lachend abwinkt. Ich kann mich an die Brücken über den Fluss erinnern und an die Wandelgänge. Alles ist in merkwürdige Farben getaucht. Als ob ein Filter über den Bildern liege. Als ob man alte Dias anschauen würde.

In den Fragmenten meiner Erinnerung ist Karlovy Vary nicht ganz so trist und grau wie der Rest der ČSSR, und vielleicht war es das ja tatsächlich nicht. Der Kurbetrieb lief hier auch zu Zeiten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik weiter. Die Einrichtungen waren seit 1948 verstaatlicht, hinter den Belle-Époque-Kulissen ging alles seinen sozialistischen Gang. Damals kam vor allem die Arbeiterschaft zu Trinkkuren, Moorpackungen und medizinischen Bädern, Bauern und Werktätige, auch aus anderen Ländern des Ostblocks. Patienten wohnten meist nicht in den großen Hotels, sondern in Pensionen oder Sanatorien. Die teuren Suiten im berühmten Hotel Pupp (das damals Grandhotel Moskva hieß) waren vor allem hohen Funktionären und Militärs vorbehalten.
All das kann man sich im mondänsten der böhmischen Bäder heute nur noch schwerlich vorstellen. Karlsbad ist in seiner dramatischen Tallage ein auf Hochglanz poliertes, prächtiges Architekturensemble, wie es möglicherweise kein zweites in Europa gibt. Die Kurgäste laufen mit ihren Tassen noch immer durch die Kolonnaden an der Teplá. Wahrscheinlich ist das Publikum heute so international wie vor hundert Jahren, als halb Europa hier kurte.

Man erinnert sich ja nicht nur an das, was man als Kind verstanden hat – man erinnert sich auch an das, was damals rätselhaft blieb. Die klarsten Erinnerungen an jenen Tag im August 1976 habe ich an Pilsen, seit einem halben Jahrhundert trage ich sie mit mir herum. Wir fuhren damals mit dem Bus durch eine Innenstadt, die schrecklich mitgenommen aussah. Die Häuser waren in trostlosen, schmutzigen Gelb- und Hellbrauntönen gestrichen, von vielen bröckelte der Putz. Gab es damals tatsächlich Einschusslöcher in den Hausfassaden zu sehen? Oder bilde ich mir das bloß ein? Ich weiß, dass ich am Busfenster saß und die langen Schlangen vor den Bäckereien und Läden betrachtete. Auf den Straßen fuhren wenige, altertümliche Autos, aus deren Auspuffen schwarzer Qualm kam. Dann kehrten wir im Brauhaus ein, und die Bedienung sah aus wie meine Großmutter.
Es war sehr still im Bus
Auf der Rückfahrt nach Deutschland war es sehr still im Bus. Ich saß mit verheulten Augen auf meinem Sitz weit vorne, meine Eltern in der Reihe hinter mir schliefen, alle anderen auch. Ich erinnere mich an die absolute Dunkelheit, die über dem Land lag. Es gab keine Straßenbeleuchtung, überhaupt keine, und in den Orten war nirgendwo in den Häusern auch nur ein einziges Fenster erleuchtet. An die Grenze und die Kontrolle kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber daran, dass unser Fahrer kurz vor dem Eisernen Vorhang abrupt bremsen musste, weil plötzlich ein riesiger Hirsch auf der Straße stand. Er sah uns lange an, als wollte er sich unseren Anblick merken. Dann verschwand er im Wald.
Nach meiner ersten Auslandsreise habe ich mich geweigert, ein weiteres Mal ins Ausland zu reisen. Familienferien in Italien, ein Wochenende im Elsass, das Jugendlager auf einer holländischen Insel: Ich wollte da überall nicht hin. Weil ich dachte, hinter jeder Grenze warte wieder so ein Tag auf mich. Es hat lange gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass das nicht stimmt.
Der Weg in die Tschechische Republik
Bezahlen: Währung ist die Tschechische Krone (CZK). Am Geldautomaten unbedingt die angebotene Umrechnung in Euro ablehnen und in CZK abrechnen lassen („without conversion“).
Literatur zur Einstimmung: Milan Kunderas „Abschiedswalzer“ ist eine Liebesgeschichte zwischen einem Trompeter und einer Krankenschwester. Der Roman spielt Anfang der Siebziger in einem böhmischen Kurort, der stark an Karlsbad erinnert. (Fischer Taschenbuch, 14 Euro.)
In Scholem Alejchems herrlichem Briefroman „Marienbad“ reisen jüdische Frauen aus Warschau zur Kur und werden von ihren eifersüchtigen Männern per permanenter Briefpost kontrolliert. (derzeit nur antiquarisch erhältlich)
W. G. Sebalds „Austerlitz“ spielt in mehreren europäischen Städten – unter anderem in Marienbad. (Fischer Taschenbuch, 16 Euro)
